Bildungsmisere Wenn Deutsch zur Fremdsprache wird

Im Hamburger Stadtteil Billbrook ist die Zweiklassengesellschaft längst Realität: 98 Prozent der Grundschüler kommen aus dem Ausland und sprechen zu Hause nur ihre Muttersprache - das Schlagwort Integration wird zur Worthülse.




Armut vor den Toren der reichen Hansestadt: Mädchen aus Hamburg- Billbrook
Monika Zucht/ DER SPIEGEL

Armut vor den Toren der reichen Hansestadt: Mädchen aus Hamburg- Billbrook

Früher fuhren die Hamburger nach Billbrook, um im Grünen zu entspannen. Heute gilt das Viertel als eines der ärmsten und am stärksten industrialisierten der Hansestadt. 2350 Menschen leben auf dem über sechs Quadratkilometer großen Gebiet im Hamburger Süden; 265 von ihnen sind Sozialhilfeempfänger. Angesichts einer überdurchschnittlich hohen Kriminalitätsrate versuchen viele Eltern, ihre Kinder so früh wie möglich aus diesem sozialen Brennpunkt herauszubekommen.

Ein weiteres Problem: Unter den 170 Schülern der einzigen Grundschule vor Ort gibt es noch genau drei deutsche Kinder - von Integration kann nicht mehr die Rede sein. Im Unterricht gilt Deutsch mittlerweile als Fremdsprache, und selbst engagierte Pädagogen scheitern an den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ihrer Schüler. Weil die meisten Kinder nur in der Schule überhaupt Deutsch sprächen, so Klassenlehrerein Karin Müller, werde Deutsch hier allmählich zur Kunst- und Schulsprache.

Hausbesuch-Tandem mit Lehrer und Sozialarbeiter

Obwohl die Lehrer außerordentlich bemüht sind und die Schule gut ausgestattet ist, kann der Unterricht allein auf Grund der unterschiedlichen Sprachniveaus nur in kleinen Gruppen stattfinden. Für Schuldirektor Ingolf Claaßen steht gleichwohl fest: Das Problem liegt keineswegs in der geografischen Herkunft der Kinder, sondern in den Familien. "Viele ausländische Kinder kommen aus intakten Familien, verhalten sich dementsprechend kooperativ und kommen gern zu Schule", so Claaßen.

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DPA

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Kinder von Erziehungsberechtigten, die selbst nie eine Schule besucht haben, geraten allerdings ins Hintertreffen: Ihre Eltern haben entweder wenig Interesse daran, den Nachwuchs überhaupt in die Schule zu schicken - oder sie können die Briefe der Lehrer und Elternvertreter nicht lesen, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschen beziehungsweise Analphabeten sind.

Die Pädagogen aus Billbrook reagierten prompt: Vorschullehrerein Uta Suchsland unternimmt regelmäßig Hausbesuche, um Eltern wie Kindern den Weg zurück in die Schule zu weisen und auf beiden Seiten die Motivation zu fördern. Stets an ihrer Seite: ein Sozialarbeiter, der ihr Anliegen in die jeweilige Sprache übersetzt.

SPIEGEL TV-Reporterinnen Birgit Großekathöfer und Amei Haukamp berichten über den Schullalltag in einem Hamburger Problemviertel - dort, wo Pisa in jeder Hinsicht ein Fremdwort ist.






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