Bildungsmogelpackung Baden-Württemberg pappt neues Etikett an Hauptschulen

Die Hauptschulen stecken tief in der Misere, ein Bundesland nach dem anderen beerdigt das Konzept - sogar Baden-Württemberg. Doch das Musterländle betreibt nur Kosmetik und gibt den Schulen einfach einen neuen Namen: Das dreigliedrige System soll erhalten bleiben.

Wenn etwas nicht funktioniert, gibt es zwei Möglichkeiten: reparieren oder abschaffen. Baden-Württemberg hat sich für einen dritten Weg entschieden: umbenennen. Die Hauptschule kriselt überall und genießt auch im Südwesten keinen guten Ruf, die Landesregierung klammert sich aber an ihren Erhalt. Darum will sie kurzerhand das Türschild auswechseln: Ab dem Schuljahr 2010/2011 sollen Hauptschulen "Werkrealschulen" heißen.

Das Konzept von Kultusminister Helmut Rau (CDU) sieht so aus: Er will die Werkrealschule als "Weiterentwicklung" der umstrittenen Hauptschule verstanden wissen. Dort können die Schüler dann nach neun Jahren einen Hauptschulabschluss oder nach der zehnten Klasse die mittlere Reife machen. Unterschiedliche "Züge" soll es nicht mehr geben: Bis zur neunten Klasse werden die Schüler gemeinsam unterrichtet. Realschulen und Gymnasien sollen daneben aber bestehen bleiben. In zwei Wochen will die Landesregierung aus CDU und FDP darüber beraten.

"Oettinger schafft die Hauptschulen ab" oder "Baden-Württemberg verabschiedet sich von den Hauptschulen", meldeten Nachrichtenagenturen und Zeitungen prompt. Tut das Land das wirklich? Tut es nicht. Kreatives Umtopfen könnte man den Vorstoß wohlwollend nennen - oder Etikettenschwindel, wie es SPD und Grüne sehen. In der Werbung würde man von "Relaunch" sprechen: Ein in die Jahre gekommenes und nicht sehr gefragtes Produkt wird aufgehübscht, umbenannt, neu verpackt und vermarktet.

Raider heißt jetzt Twix

Die Landesregierung startet die Hauptschule 2.0 einfach unter neuem Namen. Damit stemmt sie sich gegen den bundesweiten Trend, auf ein zweigliedriges Schulsystem umzustellen und die Hauptschule abzuschaffen, wie es etwa Berlin diskutiert, Bremen plant und Hamburg bereits umsetzt. Auch in den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen gibt es keine Hauptschule. Bundesweit besucht nicht einmal mehr jeder fünfte Schüler einer Jahrgangsstufe eine Hauptschule.

Dagegen setzen Bayern und Baden-Württemberg weiter auf das traditionelle dreigliedrige System, wie auch das mit Abstand schülerstärkste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Viele Bildungsforscher sehen keinen Ausweg aus der Misere der Hauptschulen, wo sich auf dem Arbeitsmarkt später chancenlose Jugendliche versammeln - die Hauptschule als Restschule, als Abstellgleis. Auch die frühe Selektion ist längst umstritten: In der Regel nach der vierten Klasse trennen sich die Wege der Schüler, und Durchlässigkeit zeigt das deutsche Schulsystem nur in eine Richtung - von oben nach unten.

Beim Wechsel auf die weiterführende Schule gebe es eine "soziale Auslese", sagt der Wissenschaftler Wilfried Bos: "Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter auf die Hauptschule" - selbst bei gleicher Leistung. Bos zufolge erhält mehr als die Hälfte aller Schüler eine falsche Schulempfehlung.

Hauptsache nicht Hauptschule

Die Pisa-Ländervergleiche zeigten ebenfalls, wie ungleich die Chancen im deutschen Schulwesen verteilt sind und wie schlecht die Hauptschulen abschneiden. Dort können viele "Risikoschüler" nach neun Jahren nur auf Grundschulniveau lesen oder rechnen. Für viele Eltern ist deshalb klar: Hauptsache nicht Hauptschule - auch in Baden-Württemberg.

Für die Schüler im Südwesten ändert sich jetzt kaum etwas. In der vierten Klasse bekommen sie eine Empfehlung für eine der Schulformen, und die ist bindend. Die Hauptschulempfehlung heißt dann eben Werkrealschulempfehlung.

Ziel des neuen Kurses sei es, "die Stigmatisierung der Hauptschule wegzubekommen", sagt die FDP-Schulpolitikerin Birgit Arnold. Ihr Fraktionschef Ulrich Noll ergänzt: "Wenn es ein Türschild gibt, für das aber keine entsprechende Empfehlung mehr gegeben wird, kann man das Schild auch abmontieren."

Schulleiter auf den Barrikaden

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert die Namenskosmetik als "Stümperei und Armutszeugnis", so die Landesvorsitzende Doro Moritz. Der Kultusminister wolle mit aller Macht am überholten Schulsystem festhalten und den Hauptschulen "nur ein anderes Etikett verpassen". Es sei viel zu früh, Kinder nach der vierten Klasse zu trennen. "Das ganze sieht nach einem bildungspolitischen Eiertanz aus", sagt auch Rudolf Karg vom Verband Bildung und Erziehung.

Bereits vor anderthalb Jahren hatten fast hundert Leiter von baden-württembergischen Grund- und Hauptschulen den Aufstand geprobt. Als Erstunterzeichner eines Brandbriefes, dem sich später etliche andere Schulleiter anschlossen, attackierten sie den Kultusminister und forderten freimütig: Schafft die Hauptschule ab! In ihrem Brief standen Worte wie "Gerechtigkeitsproblem" und "überfälliger Wechsel". Das Ministerium reagierte schroff: "Es bleibt beim dreigliedrigen Schulsystem." Dienstliche Konsequenzen für die Schulleiter wurden nicht ausgeschlossen. Die Zeichen standen auf Eskalation.

Gefloppter Relaunch

Jetzt schwenkt die Landesregierung um - und renoviert ein wenig an der moribunden Schulform herum. Ein paar Neuerungen bringt die Umtauf-Aktion nämlich mit sich: Alle Werkrealschüler haben die mittlere Reife als Perspektive. Das haben gute Hauptschüler bisher auch schon, müssen dafür aber in der Regel nach der neunten Klasse die Schule wechseln. Beide Abschlüsse in der gleichen Schule, das könnte die Durchlässigkeit des Systems erhöhen, hofft man im Kultusministerium. Auch sei das Konzept stärker auf die berufliche Praxis ausgerichtet. Von einem "neuen pädagogischen Ansatz" ist die Rede, Minister Rau verspricht "eine noch stärkere berufliche Grundbildung".

Doch am Schulsystem ändert sich nichts Grundlegendes: Die bindenden Empfehlungen bleiben, die drei Schultypen bleiben. Genaugenommen sind es fortan dreieinhalb. Denn nicht flächendeckend sollen Werkrealschulen die Hauptschulen ersetzen, sondern nur bei bisher mindestens zweizügigen Schulen (also mit zwei oder mehr Klassen pro Jahrgang). Aber einzügige Hauptschulen sollen offenbar bestehen bleiben, um Schließungen im ländlichen Raum zu vermeiden. Zudem ist der Begriff Werkrealschule nicht völlig neu: Eine Reihe solcher Schulen gibt es in Baden-Württemberg bereits, ohne dass sich aber "die Akzeptanz dieser Schulart bei den Eltern, den Schülern und der Wirtschaft entscheidend verbessert hätte", sagt der SPD Bildungsexperte Norbert Zeller.

Wird also die Werkrealschule die neue Restschule? Im Kultusministerium bestreitet man das und setzt auf das Prinzip Hoffnung. "Wir sind zuversichtlich, dass die Werkrealschule ein neues Image erhält", sagt ein Sprecher, "und dass ihre Wertigkeit auch bei der Wirtschaft" Anklang finde.

Das Tohuwabohu ist groß. Das Konzept drang an die Öffentlichkeit, weil FDP-Politikerin Arnold bei einem Pressetermin eher nebenbei erwähnte, die Hauptschulempfehlung solle abgeschafft werden. Dass damit auch die Hauptschule abgeschafft wird, stellte sich als ziemlich übertrieben heraus. Ein Sprecher des Kultusministeriums betonte, keine Hauptschule werde gezwungen, zur Werkrealschule zu werden. Es könnte also auch in zehn Jahren noch herkömmliche Hauptschulen geben - unter dem altbekannten Markennamen.

Mit Material von dpa und AFP

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.