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15. August 2012, 11:09 Uhr

Länder-Ranking

Wirtschaftslobby kürt Sachsen zum Bildungssieger

Gute Kleinkindbetreuung, viele Abiturienten, viele Ingenieurabsolventen: Sachsen hat das "leistungsfähigste Bildungssystem", finden jedenfalls namhafte Ökonomen. Im Auftrag der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" haben sie eine neue Länderrangliste vorgelegt.

Pisa-Studien, Bildungsberichte, Ländervergleiche - an Untersuchungen von Schülerleistungen, Unterrichtsqualität und Aufstiegschancen besteht wahrlich kein Mangel. Seit dem Pisa-Schock vor über zehn Jahren wird in einem bis dahin ungekannten Maß abgefragt, ausgewertet, verglichen; die sogenannte empirische Wende in der Bildungsforschung hat viel bewegt.

Seit 2004 gibt auch die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" Jahr für Jahr eine Studie mit dem Titel "Bildungsmonitor" heraus. Die Lobby-Organisation wird von den Arbeitgeberverbänden sowie der Metall- und Elektroindustrie bezahlt. Ökonomen vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln untersuchen in ihrem Auftrag, welches Bundesland das "leistungsfähigste Bildungssystem" hat. Es geht weniger um Pädagogik als vielmehr um Bildungsökonomie: Wo werden Kinder, Schüler und Studenten am effizientesten auf die Arbeitswelt vorbereitet? Wo werden "Wachstumskräfte gestärkt", wie es heißt?

Das aktuelle Ranking wird an diesem Mittwoch vorgestellt. Und hier belegt erneut Sachsen den Spitzenplatz, gefolgt von Thüringen, Baden-Württemberg und Bayern - die üblichen Verdächtigen, die auch sonst bei Bildungsstudien oft gut abschneiden. Auf den letzten Plätzen landen Berlin und Schleswig-Holstein. Es geht bei der Rangliste, das betonen die Autoren, weniger um die Platzierung, sondern darum, wie viel sich verändert hat in dem jeweiligen Bundesland.

Die Wissenschaftler haben auf der Basis anderer Studien und statistischer Werte für jedes Bundesland Punkte vergeben - zwischen 0 und 100 waren möglich. Gewertet wurde zum Beispiel, wie viele Betreuungsplätze es für Kinder gibt, wie viele Ganztagsschulen, wie viele Abiturienten sowie Hochschulabsolventen und wie wenige Schulabbrecher.

Mehr Mathe heißt mehr Wachstum, schreiben die Forscher

Die Forscher stellen fest, dass die Kompetenzen der Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften (sogenannte Mint-Fächer, für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) in den vergangenen zehn Jahren signifikant gestiegen sei. Auch hätten im Jahr 2010 fast doppelt so viele Mint-Absolventen die Hochschulen verlassen wie noch im Jahr 2000. Davon versprechen sich die Ökonomen eine direkte "Stärkung der Wachstumskräfte". Die Wissenschaftler errechneten, dass die Wachstumsrate der Wirtschaft wegen der gestiegenen Mint-Fähigkeiten langfristig um 0,35 Prozentpunkte höher ausfallen werde. "Das für das Wirtschaftswachstum wichtige Fachkräfteangebot und die Schulqualität konnten verbessert werden", heißt es in dem Bericht.

Was sich allerdings auch zeigt, wie bereits im letzten Bildungsbericht von Bund und Ländern: Noch immer gelingt es nicht, diejenigen ausreichend zu fördern, die es eh schon schwer haben - die Zahl der Bildungsverlierer sinkt nur langsam. Zwar würden, so schreiben die Autoren, die Anstrengungen zur Bekämpfung der Bildungsarmut Wirkung zeigen. So gehe etwa die Schulabbrecher-Quote seit Jahren zurück, wenn auch nur langsam. "Trotzdem bleibt der Handlungsbedarf in diesem Feld hoch." Seit Jahren stagniere etwa die Quote jener, die keinen Berufsausbildung abschließen - und somit deutlich schlechtere Aufstiegschancen haben.

Insbesondere mahnt der Bericht an, die Ganztagsbetreuung auszubauen und mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder zu schaffen. Es zeige sich hier, "dass die Ausbauziele der Bundesregierung nicht erreicht werden dürften".

otr

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