Bildungspolitik Gabriel fordert Ausländerquote an Grundschulen

Nach dem Pisa-Fiasko will Niedersachsens Regierungschef Sigmar Gabriel (SPD) eine Höchstquote für ausländische Kinder an Grundschulen einführen. Die Opposition kritisiert seinen Vorschlag als "Wanderzirkus" und "neue Kinderlandverschickung".


Regierungschef Gabriel: Bildung zum großen Thema machen
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Regierungschef Gabriel: Bildung zum großen Thema machen

"Kurze Beine - kurze Wege": In Deutschland müssen Grundschulkinder immer die nächstgelegene Grundschule aufsuchen. So will es das Gesetz. Doch schon heute wissen viele Eltern, wie sie das umgehen können. Häufigster Grund: der hohe Ausländeranteil an den Grundschulen.

In den meisten Fällen hat das nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Denn auch die Wissenschaft bestätigt, dass fremde Muttersprache und soziale Herkunft problematisch für den Lernfortschritt aller Schüler sind. "Ein hoher Anteil ausländischer Kinder drückt das Niveau der ganzen Klasse nach unten", sagt zum Beispiel Rainer Lehmann, Professor für empirische Bildungsforschung an der Berliner Humboldt-Universität.

Immer mehr Eltern melden deshalb ihre Kinder an wohnortfernen Schulen an. Folge: Die Zahl deutschsprachiger Kinder sinkt in den Grundschulen "kritischer" Bezirke, an Schulen in "besseren" Vierteln dagegen gibt es beinahe keine Ausländerkinder.

Kinder mit Deutschproblemen ohne Zukunftschance

Ausländische Schüler: Sprachliche und soziale Probleme
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Ausländische Schüler: Sprachliche und soziale Probleme

Um diesen Trend zu stoppen, fordert der niedersächsische Regierungschef jetzt eine gleichmäßige Verteilung von Ausländerkindern auf die Grundschulen. Es sei "ausländerfeindlich", wenn man dieses Problem nicht angehe, sagte Sigmar Gabriel. Er wolle die riesige Zahl von Kindern mit mangelhaften Deutschkenntnissen an einzelnen Brennpunktschulen nicht mehr länger hinnehmen.

"Man raubt doch den Kindern mit Deutschproblemen jeden Zukunftschance", so Gabriel weiter. Er sprach sich dafür aus, die Schüler notfalls per Bus so auf die Schulen zu verteilen, "dass der Anteil von ausländischen und deutschen Kindern erträglich" werde.

Der Regierungschef plädierte außerdem für einen Austausch von deutschen und ausländischen Schülern, um Ghettos aufzubrechen. So müssten sich auch deutsche Eltern bereit erklären, ihre Kinder an Schulen mit hohem Ausländeranteil zu schicken.

Unterstützung erhielt Gabriel von der Förderation Türkischer Elternverbände in Deutschland. Bereits vor einem Monat hatte sich auch der Verband Türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa (ATIAD) für eine Höchstquote ausgesprochen. Der Vorsitzende Esref Ünsal forderte, den Ausländeranteil an Grundschulen auf maximal 25 Prozent zu begrenzen. So könne die schulische und berufliche Situation von ausländischen Jugendlichen in Deutschland verbessert werden, sagte Ünsal.

"Kinderlandverschickung" und "Wanderzirkus"

Grundschule in Berlin-Kreuzberg: Wanderzirkus?
DDP

Grundschule in Berlin-Kreuzberg: Wanderzirkus?

Scharfe Kritik kam dagegen von den Oppositionsfraktionen im niedersächsischen Landtag. CDU und Grüne geißelten Gabriels Vorschlag als realitätsfern. Notwendig sei eine gezielte Förderung am Wohnort und keine "neue Kinderlandverschickung", meint der CDU-Fraktionsvorsitzende Bernd Busemann. Wer Ausländerkinder aus ihrer gewohnten Umgebung reiße, sie in Busse verfrachte und an Schulen verteile, schade ihnen und diskriminiere sie.

Die jugendpolitische Sprecherin der Grünen, Meta Janssen-Kucz, sprach von einer neuen fixen Idee des Ministerpräsidenten: "Die Grundschule ist kein Wanderzirkus". Sie forderte mehr vorschulische und schulische Sprachförderungsprogramme und Angebote zur sozialen Integration von Zuwanderern. Der FDP geht das alles nicht weit genug. Ihr Generalsekretär Philipp Rösler verlangte, die Schuleinzugsbezirke aufzuheben. Die Eltern sollten selbst entscheiden, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen.

Kritisch äußerte sich auch die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marie-Luise Beck (Bündnis 90/Die Grünen). Gabriels Idee sei "so alt wie unpraktikabel". "Wer ausländische Kinder aus Brennpunktschulen per Bus verschicken will, muss auch erklären, wie er die Eltern deutscher Kinder dazu bekommt, ihre Kinder im Gegenzug auf die Problemschulen zu schicken." Wären diese Schulen attraktiv, müsste man auch keine Kinder hin und her transportieren.

Stefan Locke



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