Bildungsstandards für die Oberstufe Länder peilen Zentralabitur ultralight an

Was müssen Abiturienten von Bremen bis Bayern können? Die Kultusminister wollen dazu jetzt neue Bildungsstandards beschließen. Doch bis zum Zentralabitur ist es noch weit. Erst 2016 soll es einen Aufgaben-Pool für alle Länder geben.
Von Heike Sonnberger
Landesabitur in Hessen: Dem föderalen Chaos ein Ende bereiten

Landesabitur in Hessen: Dem föderalen Chaos ein Ende bereiten

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Es fällt schwer, nicht an eine Fabrik zu denken, wenn Bildungspolitiker von "Output" reden. Und das tun sie oft, wenn es um die Bildungsstandards geht, die die Kultusministerkonferenz (KMK) den Ländern vorgibt. Die Standards betreffen alle deutschen Schulen: Sie regeln, was Schüler können sollen, welchen Output sie also liefern sollen.

Bisher gibt es sie nur für die vierte, neunte und zehnte Klasse. Nun kommt eine neue Stufe dazu: das Abitur. An diesem Donnerstag stimmen die Kultusminister darüber ab, welche Fähigkeiten ein Gymnasiast haben sollte, wenn er sich über seine Abiturprüfungen beugt.

Die Bildungsstandards für die Oberstufe sind Teil der mühevollen Versuche, das zerfaserte deutsche Schulsystem vergleichbarer zu machen. So begegnen die Kultusminister den Forderungen nach einer bundesweiten Zentralprüfung, die an Schüler in Bayern und Bremen dieselben Anforderungen stellt und dem föderalen Chaos beim Abitur ein Ende bereitet. Seit fast drei Jahren arbeiten Bildungsexperten daran, auch diesmal wieder unter der Führung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

Pisa und andere internationale Bildungsstudien hätten gezeigt, dass es nicht reiche, den "Input" zu steuern, schreibt die KMK auf ihrer Webseite. Sprich: Nicht nur das, was man den Schülerhirnen eintrichtert, ist wichtig. Sondern auch das, was sie danach wieder ausspucken, wird gemessen.

Was müssen Abiturienten können?

Damit die Messlatte nach der Oberstufe in allen Bundesländern gleich hoch ist, haben sich Experten und Vertreter der Kultusministerien mehr als ein Dutzend Mal getroffen und Bildungsstandards zunächst für die Fächer Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch erarbeitet - die Naturwissenschaften sollen später folgen.

Die Leitfäden werden ähnlich aufgebaut sein wie die Standards für die anderen Jahrgangsstufen: Zuerst werden Kompetenzen formuliert, die die Schüler erwerben sollen. Dann folgen Beispielaufgaben, an denen sie diese Fähigkeiten trainieren können. Für Realschüler kurz vor dem Abschluss gibt der Leitfaden im Fach Deutsch  etwa vor, dass sie "literarische Texte verstehen und nutzen" können sollen. Dieser Fähigkeit ist ein Gedicht von Heinrich Heine zugeordnet, das die Schüler auf stilistische Merkmale untersuchen müssen.

Manchen Kritikern kommen dabei allerdings die fachlichen Anforderungen zu kurz. Viele der Aufgaben seien selbsterklärend und ließen sich von aufgeweckten Schülern auch ohne großes Vorwissen lösen, sagt der Didaktikprofessor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt. Es sei ein Fehler, lediglich Kompetenzen und keine verbindlichen Fachinhalte vorzugeben, die Schüler bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe erlernen müssten. "Man braucht für die Lösung dieser Aufgaben nicht in die Schule gegangen zu sein."

Warum sich das Erreichen der Standards kaum überprüfen lässt

Alle Schulen, die zur allgemeinen Hochschulreife führen, müssen die neuen nationalen Leitfäden in ihre Lehrpläne einarbeiten. Timo Leuders von der Pädagogischen Hochschule Freiburg prophezeit jedoch, dass die Schüler kaum etwas davon merken werden. Im Fach Mathematik werden sich die Vorgaben weitgehend an dem orientieren, was bereits an den Schulen unterrichtet werde, sagte der Mathe-Didaktiker, der bereits viele Lehrplankommissionen beriet.

"Die Inhalte der Oberstufe werden nicht reformiert", kritisierte Leuders. Das liege daran, dass Fachdidaktiker in der Arbeitsgruppe für Mathematik nur als Gäste geladen gewesen seien. Die Gruppe habe vor allem aus Abgesandten der Kultusministerien bestanden. "Und Abituraufgaben sind so heikel, dass sich keiner traut, den Gordischen Knoten zu durchschlagen."

Deshalb wird es wohl auch noch lange dauern, bis der gemeinsame Pool aus Prüfungsaufgaben steht, aus dem sich die Länder künftig bedienen können sollen. Geplant ist, dass die Länder sich bis zum Schuljahr 2016/17 auf einen solchen Pool einigen, auf Grundlage der Bildungsstandards.

Doch es ist höchstens eine Minimallösung, ein Zentralabitur ultralight. Denn ob die Länder Aufgaben aus dem Pool nehmen oder nicht, steht ihnen frei. "Was soll daran dann standardisiert sein?", fragt Klein. Auch den Ländern Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern geht das nicht weit genug. Sie wollen schon ab 2014 ähnliche Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch stellen.

Kontrollmöglichkeiten, ob die Länder die Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe auch umsetzen, wird es diesmal wohl nicht geben. Denn Vergleichsarbeiten, wie sie Schüler aus den niedrigeren Klassenstufen schreiben müssen, sind nicht geplant. Ob und wann die Schüler die aufwendig erarbeiteten Lernziele also erreichen, lässt sich ohne Zentralabitur kaum überprüfen.

Didaktiker Leuders sieht ein weiteres Problem in dem Streben nach einheitlichen Bildungszielen: "Niemand hilft den Lehrern, diese Ziele zu erreichen." Lehrer sollten regelmäßig auf Fortbildungen geschickt werden. Das sei allerdings noch einmal sehr viel teurer als ein paar Arbeitsgruppen, die Leitfäden und Aufgaben entwickelten.