Bildungsstudie Warum Privatschulen schlechter sind als ihr Ruf

Effektiver, innovativer, einfach besser - Privatschulen haben bei Eltern ein Top-Image. Eine aktuelle Studie zeichnet ein anderes Bild: Die nichtstaatlichen Institute werden massiv überbewertet, schreibt Bildungsforscher Manfred Weiß - und kritisiert die elitäre Attitüde in den Einrichtungen.
Schülerin: Lieber auf die private Lernanstalt?

Schülerin: Lieber auf die private Lernanstalt?

Foto: dapd

Pisa, Lernstress, Stundenausfall: deutsche Schulen sind längst zur Bildungsdauerbaustelle verkommen. Dass die Zahl der Privatschüler seit 1992 von 4,8 auf heute 7,9 Prozent gestiegen ist, wird allgemein als Flucht vor desaströsen Zuständen dort gewertet.

Privatschulen

Doch wer Privatschulen automatisch mit besserem Unterricht gleichsetzt, hat sich verkalkuliert, sagt Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Der Bildungsökonom hat für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht, was an wirklich besser läuft.

Sein Fazit: nicht viel.

Immer wieder deuten Privatschullobbyisten die steigenden Anmeldezahlen als Indiz für ihr besseres Bildungsangebot. Wer die Berufschancen seiner Kinder verbessern, ihren sozialen Status absichern und den trägen Staatslehrern Beine machen will, der könne das durch die Abkehr von den öffentlichen Schulen tun, heißt es.

Kritiker argumentieren dagegen, dass vor allem Kinder mit gutbürgerlichem Hintergrund vom Privatschulboom profitieren und ganze soziale Schichten von dieser Bildungsmöglichkeit ausgeschlossen werden. Das Problem: Beide Seiten argumentierten bisher vor allem aus dem Bauch heraus, sagt Manfred Weiß.

"Insgesamt wenig bedeutsame Unterschiede"

Grundsätzlich, so der Bildungsforscher, habe sich an den "Defiziten im Kenntnisstand über Privatschulen" in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum etwas geändert. Alle halten sie irgendwie für gut und effektiv, doch Genaueres wurde nie untersucht.

Manfred Weiß wollte diese Lücke schließen - und kommt zu dem Schluss, dass es "insgesamt wenig bedeutsame Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Einrichtungen" gebe: "Bei den Realschulen schneiden die Privaten etwas besser ab, bei den Gymnasien die öffentlichen Schulen." Keine wissenschaftlichen Beweise gebe es jedoch für die immer wieder geäußerte Ansicht, die Privatschulen würden "für einen innovations- und leistungsfördernden Wettbewerbsdruck im öffentlichen Schulwesen" sorgen.

Und auch bei den Schülerleistungen fällt seine Bilanz mager aus: "Forschungsbefunde deuten eher auf Vorteile beim Schulklima und bei der Förderkultur hin", formuliert Weiß äußerst zurückhaltend - bei den Leistungen gebe es dagegen "kaum empirische Evidenz" für den guten Ruf der Privatschulen.

So schmal die Erfolge aus Sicht des Bildungsforschers sind, so lang ist seine Mängelliste. "Negative Systemwirkungen" bescheinigt er den privat getragenen Schulen, "selektionsbedingte Chancenungleichheiten sowie soziale und ethnische" Teilung von Schülern und obendrein "keine besondere Reformorientierung". Vor allem Eltern mit Abstiegsängsten würden die private Alternative wählen, um sich nach unten hin abzugrenzen - von Hartz-IV-Familien und anderen als Bedrohung empfundenen Gesellschaftsschichten.

Privatschulbesuch als Abgrenzungsstrategie

Erziehung

Dazu passt, dass nur jeder 25. Schüler mit ausländischem Pass eine Privatschule besucht. Deutsche Schüler werden doppelt so oft auf Privatschulen angemeldet. Entscheidend, sagt Manfred Weiß, sei letztlich der Bildungsstand der Eltern. So führt die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gleich ein ganzes Bündel an Motivationsaspekten an: "Es gibt Eltern, die die Möglichkeit nutzen, über konfessionelle Zugehörigkeit die gemeinsame ihrer Kinder mit muslimischen oder anders konfessionellen Kindern zu unterlaufen. Es gibt Eltern, die der 'neutralen' öffentlichen Schule nicht trauen, ihren Kindern mit einem einheitlich gelebten Lernverständnis gegenüberzutreten."

Manche Eltern wollten zudem ihre Kinder vor Behinderten und Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern schützen, weil sie vermeintliche Lernhemmnisse fürchten. "Schließlich gibt es Eltern, die ihre neu erworbene ökonomische Position möglichst schnell und milieurein auf ihre Kinder übertragen wollen. Alle sind bereit, dafür auch viel Geld zu investieren."

Von dieser Bereitschaft lebten die Privatschulen. "Sie selbst nennen sich gern Schulen in freier Trägerschaft und provozieren den Eindruck, als sei öffentliche Schulträgerschaft unfrei", schreibt der frühere niedersächsische SPD-Bildungsminister Rolf Wernstedt in seinem Vorwort. Bei den Privatschulen gebe es "gute und schlechte Schulen wie überall", die immer wieder beschworenen Vorteile seien nur eine "behauptete Überlegenheit". Für Wernstedt ist deshalb klar: Bedroht fühlen muss sich das öffentliche Schulwesen durch die private Konkurrenz eigentlich nicht - wenn die öffentlichen Bildungseinrichtungen für neue Unterrichtskonzepte offen sind.

Ob sie das wirklich sind, ist allerdings eine andere Frage.

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