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Risikoschüler: Dramatisch für die Jugend - teuer für den Staat

Foto: Bertelsmann Stiftung

Bildungsverlierer Risikoschüler kosten den Staat Billionen Euro

Jeder fünfte 15-Jährige kann kaum lesen und rechnen. Das ist dramatisch für die Schüler - und ebenso für den Staat. Wenn die Zahl der Risikoschüler nicht sinkt, kostet das laut einer neuen Studie in den nächsten acht Jahrzehnten eine gigantische Summe: 2.800.000.000.000 Euro.

Die Schüler, um die es geht, werden diese Zahl wohl nie verstehen. Sie werden "Risikoschüler" genannt, und gemeint ist damit: Im Alter von 15 Jahren können sie noch nicht richtig rechnen und schreiben. Ungefähr jeder fünfte Jugendliche zählt zu diesen Schülern, deren Kenntnisse allenfalls Grundschulniveau erreichen. Deshalb können sie eine Zahl, die elf Nullen enthält, kaum einordnen.

Eine solche Zahl aber ist das Ergebnis der Rechnung, die zwei Wissenschaftler im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung vorgenommen haben. 2.800.000.000.000 Euro - diese Summe verschleudert der Staat, wenn zu viele Schüler weiterhin zu wenig können. Die Rechnung ist nicht ganz einfach, das Ergebnis schon. Dem Staat entgehen demnach in den nächsten acht Jahrzehnten rund 2,8 Billionen Euro, wenn die meisten Risikoschüler nicht bald auf ein ordentliches Niveau gehoben werden. Und das, meinen die Wissenschaftler, sei noch sehr vorsichtig geschätzt.

Die Folgekosten durch unzureichend gebildete Schüler haben sie auf den langen Zeitraum von 80 Jahre, die Lebensspanne heute geborener Kinder, gerechnet, weil sich die Auswirkungen ihrer Ansicht nach erst allmählich zeigen. Die beiden Studienautoren sehen milliardenschwere Wachstumseffekte, falls zügig eine Bildungsreform gelingt, die deutlich die Zahl der Risikoschüler senkt: Schon bis 2030 wären es demnach fast 70 Milliarden Euro.

Die Botschaft der Bertelsmann-Stiftung ist klar: Eine Bildungsreform ist ebenso dringend wie gewinnbringend. Die schwächsten Schüler müssten endlich stärker gefördert werden. Gerade sie bekommen aber nur selten Aufmerksamkeit. Während Eltern etwa in Hamburg gleich den Volksaufstand proben, wenn das Gymnasium angetastet wird, finden die Risikoschüler wenig Beachtung. Sie müssen sich wie Loser ohne Lobby fühlen.

"Es drohen horrende Kosten von Nichtstun und wirkungslosem Aktionismus"

Ihr Scheitern ist dramatisch für sie selbst, weil sie nur geringe Chancen auf einen guten Job haben. Es ist laut der Studie aber auch dramatisch für den Staat, der das Potenzial endlich nutzen müsse. Es drohten "horrende Kosten von Nichtstun und wirkungslosem Aktionismus", sagt Ludger Wößmann vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (ifo), einer der beiden Autoren der Studie.

Die Studie setzt voraus, dass ein höherer Bildungsstand das Wirtschaftswachstum befördert. Es werde "ein makroökonomisches Modell verwendet, in dem das - etwa in Pisa-Punkten gemessene - schulische Kompetenzniveau einen Einfluss auf die langfristige Wachstumsrate der Volkswirtschaft hat". Steigen die Pisa-Leistungen, steigt die Wachstumsrate. Die Formel lautet kurz gefasst: weniger Risikoschüler gleich mehr Wirtschaftswachstum.

Nach den Pisa-Studien muss bisher rund ein Fünftel der 15-Jährigen zu den Risikoschülern gezählt werden. "Personen, die dieser Stufe zugeordnet werden, verfügen lediglich über arithmetisches und geometrisches Wissen auf Grundschulniveau", heißt es in einer Pisa-Studie. Sie gehören "zur potenziellen Risikogruppe derer, die nur schwer einen Ausbildungsplatz finden". Der Anteil der Risikoschüler ist nicht überall gleich, zwischen den Bundesländern gibt es erhebliche Unterschiede. Bayern etwa steht recht gut da, Nordrhein-Westfalen nicht.

"Lieber früh investieren als spät reparieren"

Bei ihren Berechnungen gehen Wössmann und sein Kollege Marc Piopiunik davon aus, dass innerhalb eines Jahrzehnts 90 Prozent dieser schwachen Schüler über das Grundschulniveau hinaus gehievt werden können. Damit würde Deutschland einen Pisa-Durchschnittswert von 510 Punkten erzielen. "Das wäre ungefähr das Niveau von Frankreich und immer noch weit hinter Finnland", sagt Wössmann. Trotzdem würde eine solche Steigerung laut der Studie bereits zu einem enormen Wirtschaftswachstum führen. Die abgezinsten Erträge einer Reform beliefen sich bis zum Jahr 2030 auf rund 69 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2074 kämen sogar 1746 Milliarden Euro zusammen, das ist mehr als die heutige Staatsverschuldung.

"Der Schritt ist nicht riesig, aber der Effekt ist es", sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Es sei weder besonders schwierig noch besonders teuer, die Zahl der Risikoschüler stark zu reduzieren. Wichtig sei unter anderem eine Förderung, schon bevor Kinder in die Schule kommen: "Lieber früh investieren als spät reparieren."

Weitere Maßnahmen, die die Bertelsmann-Stiftung vorschlägt, sind allseits beliebte Forderungen von Bildungsexperten: individuelle Förderung in der Schule, mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem, mehr Ganztagsschulen. Jeder Euro ist laut der Studie gut investiert: Selbst wenn man für Risikoschüler gleich doppelt so viel ausgebe wie bisher, bekomme man jeden Euro langfristig vierfach zurück.

Kurzfristig aber bringt eine Bildungsreform erst einmal gar nichts. Veränderungen wirken sich nicht innerhalb weniger Jahre oder innerhalb einer Legislaturperiode aus, sondern erst nach Jahrzehnten. "Zunächst muss die Reform im Bildungssystem voll umgesetzt werden, dann müssen die Kinder und Jugendlichen das verbesserte Schulsystem durchlaufen, anschließend müssen die besser gebildeten Jugendlichen in den Arbeitsmarkt eintreten", heißt es in der Studie.

Die Wissenschaftler fordern deshalb, dass sich die Bildungspolitik an der Umweltpolitik orientieren solle: Beim Klimaschutz sei ja mittlerweile auch allen klar, dass sich Maßnahmen nicht von heute auf morgen auswirken.

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