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07. Februar 2011, 18:20 Uhr

Bizarrer Erlass zum Turbo-Abitur

Bildungsminister Klug in Erklärungsnot

G9 nur für Labile? Das schleswig-holsteinische Bildungsministerium verschickte einen seltsamen Erlass zum neunjährigen Gymnasium: Interessierte Eltern sollten den psychischen Gesundheitszustand ihrer Kinder bescheinigen lassen. Jetzt rudert der Bildungsminister zurück.

Vor ein paar Tagen feierte Ekkehard Klug, Bildungsminister in Schleswig-Holstein, noch sein neues Schulgesetz. "Wir schaffen Freiräume im Bildungssystem", lobte sich der FDP-Mann besonders für die Option, den Gymnasien wieder das neunjährige Abitur (G9) zu ermöglichen: "Schleswig-Holstein setzt damit als erstes Bundesland den vielfach geäußerten Elternwillen um." Doch Klugs Ministerium hebelte die Charme-Offensive gleich wieder aus - mit einem fragwürdigen Erlass.

Das Papier nannte Kriterien, nach denen Schulleiter bei zu großem Elterninteresse die Schüler für den acht- oder neunjährigen Bildungsgang auswählen sollten. Wörtlich heißt es für G9-Interessenten: "Die Eltern weisen durch Vorlage eines entsprechenden ärztlichen Attestes nach, dass der physische oder psychische Gesundheitszustand des Kindes eine längere Lernzeit notwendig macht." Das sorgte bei Eltern, aber auch Lehrervertretern für Ärger: Die Kinder würden mit den Etiketten "physisch angeschlagen" oder "psychisch angeschlagen" versehen, schimpfte etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Saboteure in Kiel?

Ekkehard Klug zog den umstrittenen Erlass am Montag wieder zurück und machte eine Panne in seinem Ministerium dafür verantwortlich. Das Papier hätte "so von mir nicht freigegeben werden dürfen", sagt der Minister und fügte hinzu: "Ich trage die politische Verantwortung." Den mehrfach geforderten Rücktritt lehnte er jedoch ab. Der Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki hatte zuvor gepoltert, die Mitarbeiter der "sozialdemokratisch durchzogenen Ministerialbürokratie" hätten den Minister hintergangen, es gebe Saboteure im Ministerium.

"Der Saboteur sitzt an der Spitze des Bildungsministeriums und sorgt gemeinsam mit seinen FDP-Freunden für eine verfehlte Bildungspolitik", konterte Matthias Heidn, Landesvorsitzender der GEW. Ekkehard Klug hält die Angelegenheit unterdessen für erledigt: Für ihn ist der Fehler korrigiert, indem der Entwurf zurückgezogen wurde.

him/dapd

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