Bizarrer Erlass zum Turbo-Abitur Bildungsminister Klug in Erklärungsnot

G9 nur für Labile? Das schleswig-holsteinische Bildungsministerium verschickte einen seltsamen Erlass zum neunjährigen Gymnasium: Interessierte Eltern sollten den psychischen Gesundheitszustand ihrer Kinder bescheinigen lassen. Jetzt rudert der Bildungsminister zurück.

Wer will verlängern? In Schleswig-Holstein können Schüler aus dem Turbo-Abitur aussteigen
DPA

Wer will verlängern? In Schleswig-Holstein können Schüler aus dem Turbo-Abitur aussteigen


Vor ein paar Tagen feierte Ekkehard Klug, Bildungsminister in Schleswig-Holstein, noch sein neues Schulgesetz. "Wir schaffen Freiräume im Bildungssystem", lobte sich der FDP-Mann besonders für die Option, den Gymnasien wieder das neunjährige Abitur (G9) zu ermöglichen: "Schleswig-Holstein setzt damit als erstes Bundesland den vielfach geäußerten Elternwillen um." Doch Klugs Ministerium hebelte die Charme-Offensive gleich wieder aus - mit einem fragwürdigen Erlass.

Das Papier nannte Kriterien, nach denen Schulleiter bei zu großem Elterninteresse die Schüler für den acht- oder neunjährigen Bildungsgang auswählen sollten. Wörtlich heißt es für G9-Interessenten: "Die Eltern weisen durch Vorlage eines entsprechenden ärztlichen Attestes nach, dass der physische oder psychische Gesundheitszustand des Kindes eine längere Lernzeit notwendig macht." Das sorgte bei Eltern, aber auch Lehrervertretern für Ärger: Die Kinder würden mit den Etiketten "physisch angeschlagen" oder "psychisch angeschlagen" versehen, schimpfte etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Saboteure in Kiel?

Ekkehard Klug zog den umstrittenen Erlass am Montag wieder zurück und machte eine Panne in seinem Ministerium dafür verantwortlich. Das Papier hätte "so von mir nicht freigegeben werden dürfen", sagt der Minister und fügte hinzu: "Ich trage die politische Verantwortung." Den mehrfach geforderten Rücktritt lehnte er jedoch ab. Der Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki hatte zuvor gepoltert, die Mitarbeiter der "sozialdemokratisch durchzogenen Ministerialbürokratie" hätten den Minister hintergangen, es gebe Saboteure im Ministerium.

"Der Saboteur sitzt an der Spitze des Bildungsministeriums und sorgt gemeinsam mit seinen FDP-Freunden für eine verfehlte Bildungspolitik", konterte Matthias Heidn, Landesvorsitzender der GEW. Ekkehard Klug hält die Angelegenheit unterdessen für erledigt: Für ihn ist der Fehler korrigiert, indem der Entwurf zurückgezogen wurde.

him/dapd

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
si_tacuisses 07.02.2011
1. Bildungsminister
Zitat von sysopG9 nur für Labile? Das schleswig-holsteinische Bildungsministerium verschickte einen seltsamen Erlass zum neunjährigen Gymnasium: Interessierte Eltern sollten den psychischen Gesundheitszustand ihrer Kinder bescheinigen lassen. Jetzt rudert der Bildungsminister zurück. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,744083,00.html
Toll. Muss man dafür eigentlich irgendeine Qualifikation nachweisen oder reicht das normale FDP-Parteibuch aus ??
Rainer Helmbrecht 07.02.2011
2. Für ein titelfreies SpOn-Forum.
Zitat von si_tacuissesToll. Muss man dafür eigentlich irgendeine Qualifikation nachweisen oder reicht das normale FDP-Parteibuch aus ??
Interessierte Eltern sollten den psychischen Gesundheitszustand ihrer Kinder bescheinigen lassen. Da Politiker im allgemeinen älter sind, braucht man dazu nicht die Eltern, aber die Parteivorsitzenden könnten diesen Antrag auch stellen. Das könnte viele Missverständnisse zwischen Volk und Führer beseitigen;o). MfG. Rainer
Benjowi 08.02.2011
3. Diese Bescheinigung wird höchstens anderswo dringend gebraucht!
Es scheint mir offensichtlich sinnvoller zu sein, wenn der Verantwortliche für diesen Unsinn selbst eine solche Bescheinigung über die "physische und psychische" Eignung für sein Amt vorlegen würde!
ohne_sorge 08.02.2011
4. Kein Titel
Zitat von si_tacuissesToll. Muss man dafür eigentlich irgendeine Qualifikation nachweisen oder reicht das normale FDP-Parteibuch aus ??
Wenn ich von Bayern ausgehe, so wird der unfähigste Politiker Kultusminister, da die anderen Ressorts meist als wichtiger angesehen werden. Da schon die anderen Minister meist frei von jeglichem Wissen sind, bedeutet das traditionell nichts Gutes...
pudel_ohne_mütze 08.02.2011
5. messerscharfe Schlussfolgerung :
Zitat von ohne_sorgeWenn ich von Bayern ausgehe, so wird der unfähigste Politiker Kultusminister, da die anderen Ressorts meist als wichtiger angesehen werden. Da schon die anderen Minister meist frei von jeglichem Wissen sind, bedeutet das traditionell nichts Gutes...
in Berlin haben wir ein unerschöpfliches Reservoir potentieller Kultusminister sitzen. Da brauchen wir uns um die Bildung unserer Kinder keine Sorgen mehr zu machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.