Bonuszahlungen für Lehrer Mehr Schaden als Nutzen

Immer wieder holen Politiker Lehrer-Boni aus ihrer Ideen-Kiste und sagen: Erfolgsprämien für Pädagogen können den Unterricht verbessern. In Entwicklungsländern sind solche Programme tatsächlich erfolgreich - doch eine neue US-Studie nährt Zweifel am Extra-Cash als Motivationshilfe.
Bessere Arbeit durch finanzielle Anreize? In New York half das den Schülern nicht weiter

Bessere Arbeit durch finanzielle Anreize? In New York half das den Schülern nicht weiter

Foto: DDP

Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern leistungsabhängige Boni in Aussicht stellen, machen sie eine einfache Rechnung auf: Wer einen persönlichen Vorteil davon hat, dass seine Arbeit erfolgreich ist, wird motivierter bei der Sache sein. Kann das nicht auch funktionieren, wenn die Mitarbeiter Lehrer sind und die Rendite aus besseren Schülerleistungen besteht?

Die leistungsabhängige Bezahlung von Lehrern wird immer wieder ins Gespräch gebracht, zuletzt von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Februar. "Leistungszulagen sind attraktiv, wenn die Pädagogen wissen, dass damit besondere Bemühungen auch finanziell gewürdigt werden", sagte Schavan.

Eine neue Studie setzt Anreize für Lehrer und Schülerleistungen ins Verhältnis  und nährt damit Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Idee. Der Harvard-Ökonom Roland Fryer hat den Effekt eines entsprechenden Programms in New York untersucht. "Ich finde keine Beweise, dass Boni für Lehrer die Leistungen der Schüler verbessern, noch dass Schüler häufiger anwesend sind, oder bessere Abschlüsse machen", schreibt Fryer. Wenn sich Boni überhaupt auswirkten, "dann verschlechtern sie die Leistungen".

Die USA sind recht kreativ im Umgang mit ihren Schulen und Lehrern. Mancherorts müssen Pädagogen die Kündigung fürchten, wenn ihre Schüler nicht entsprechende Leistungen bringen. In einigen Bundesstaaten können gute Lehrer dagegen auf eine Extra-Zahlung hoffen, wenn sie gute Arbeit leisten. Bisher allerdings war nie wirklich klar, wie effektiv ein solches Bonus-System eigentlich ist.

Fryer evaluierte ein Programm in New York. Dort beschlossen im Oktober 2007 der Bürgermeister, der Schuldezernent und der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, ein Bonussystem als Pilotprojekt einzuführen. Rund 200 Schulen, deren Schüler vergleichsweise schlechte Leistungen erbringen oder aus sozial schwachen Familien kommen, nahmen Teil. Darunter waren sowohl Grund- als auch weiterführende Schulen. Eine ebenso große Anzahl an Schulen nahm nicht Teil, so dass Fryer eine Vergleichsgruppe hatte.

Große Schulen litten unter den Bonus-Zahlungen

Die Boni wurden den Schulen ausgezahlt. Wie das Geld auf die Lehrer verteilt wird, blieb den Schulen überlassen. Ausgeschlossen war nur, die Dienstjahre als Kriterium zu nehmen. Die Schulen wurden mit einem Punktesystem bewertet. Das wichtigste Kriterium war der Lernfortschritt der Schüler. Zudem wurde berücksichtigt, wie Eltern, Schüler und Lehrer ihre Schule bewerten.

Je nach Ausgangsniveau setzte das Bildungsdezernat den Schulen ein Ziel. Konnte eine Schule die Vorgaben erfüllen, erhielt sie im Schnitt zusätzlich 180.000 Dollar, das entspricht pro Lehrer durchschnittlich 3000 Dollar. Erreichte sie die vorgegebene Punktzahl zu drei Vierteln, bekamen sie 90.000 Dollar. Alle Schulen, die schlechter abschnitten, gingen leer aus.

Die Auswertung ergab, dass die meisten Lehrer an Schulen, die den vollen Bonus erhielten, etwa 3000 Dollar ausgezahlt bekamen. Die Schulen entschieden sich also für eine gleiche Verteilung auf ihre Mitarbeiter.

Im ersten Jahr erfüllten 104 von 198 Schulen ihre Vorgaben ganz, 18 Schulen schafften mindestens 75 Prozent der zu erreichenden Punkte. Im zweiten Jahr nahmen sieben Schulen weniger Teil, davon wurden drei aufgrund ihres miserablen Zustands und schlechter Leistungen geschlossen. Von den übrig gebliebenen 191 Schulen erhielten 154 den vollen, sieben den halben Bonus.

Ergebnis von Fryers Analyse: In Grund- und Mittelschulen, also in den Klassen eins bis acht, wurden die Ergebnisse sogar schlechter, im Fall der Mittelschulen (Klassen 6 bis 8) statistisch signifikant. Besonders schlecht wirkten sich die Boni auf große Schulen aus. Auf die Werte der High Schools, an denen die Klassen neun bis zwölf unterrichtet werden, hatte das Bonus-Programm keinen signifikanten Einfluss.

"Lehrer betreiben nicht einmal einen minimalen Aufwand"

Fryer hält vier Erklärungen für möglich: Die Boni waren zu knapp bemessen; das Anreizsystem war zu komplex, da die Vergleichbarkeit der Schulleistung in New York nur schwer festzustellen ist; Boni für Schulen statt für Einzelpersonen sind ineffektiv; oder: Die Lehrer wissen schlicht nicht, wie sie die Leistungen ihrer Schüler verbessern können - Bonus hin oder her.

Die Höhe der Boni sei nicht der Grund, denn 3000 Dollar entsprächen vier Prozent des durchschnittlichen Jahresgehalts von Lehrern in New York. In Indien und Kenia, wo mit einem Bonus-System positive Effekte erreicht wurden, erhielten die Lehrer nur Beträge von zwei bis drei Prozent ihres Gehalts. Die Auszahlung der Boni an Schulen statt an Lehrer scheide ebenfalls aus. In Israel sei man damit erfolgreich, schreibt Fryer.

Der Wissenschaftler vermutet vielmehr, dass es wohl an der Komplexität des Verfahrens zur Leistungsbemessung liegt. Die Lehrer seien von der komplexen Berechnung der zu erreichenden Punktzahl überfordert: "In unserem Experiment war es schwer, wenn nicht unmöglich für Lehrer, zu wissen, wie ihr Engagement die Ergebnisse der Schüler beeinflussen kann."

Letztlich sei aber auch die Hypothese, Lehrer wüssten überhaupt nicht, wie sie die Leistungen ihrer Schüler verbessern können, nicht haltbar: Dem widersprächen die Befragungen der Lehrer - wenn sie die Fragebögen denn ausfüllten.

Auch aus dem geringen Rücklauf der Fragebögen leitet Fryer einen Teil seines Ergebnisses ab: Lehrer an Schulen, die am Programm teilnahmen und auf Boni hoffen konnten, füllten die Bögen, mit denen sie ihren Schulen gute Werte und somit größere Chancen auf das Geld geben konnten, nicht häufiger aus, als Lehrer an nicht teilnehmenden Schulen. Die Interpretation Fryers: "Das deutet daraufhin, dass Lehrer nicht einmal einen minimalen Aufwand betreiben, (...) um die Boni zu verdienen."

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