Boy beim Girls' Day "Du musst das Hackfleisch R-O-L-L-E-N"

Zum Girls' Day luden Landfrauen in Deutschlands Norden Jungs ein. Im "Trainingscamp für Küchenbullen" machte Raphael Geiger den Selbstversuch: Er blamierte sich beim Knopfannähen, rührte Teig und knetete Hackfleisch - für einen Vegetarier ein ziemlich hartes Los.


In der Küche quillt der Dampf aus ein paar Töpfen. Die Schwaden verteilen sich im Raum. Heidi Nuppenau sagt: "Das Gelee hält bis zu einem Jahr lang." Nico und Finn rufen: "Boah!" Köchin Nuppenau hat es gerade geschafft, zwei 14-jährige Teenager mit selbstgekochtem Gelee zu begeistern. Ein paar Minuten später stehen zwölf Einmachbecher mit drei Sorten Gelee auf dem Tisch - von Nuppenau und den Jungs.

Donnerstagmorgen, halb neun: Ich bin auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein, nur 30 Kilometer von Hamburg, aber auf die nahe Stadt deutet nichts hin. Das hier ist plattes Land, die verschlafene Häusersammlung heißt Jersbek. Finn und Nico stehen in Nuppenaus Küche. Heute haben sie schulfrei, denn es ist "Girls' Day" in Deutschland. Obwohl: In Jersbek müsste es wohl "Boys' Day" heißen.

Am Girls' Day laden Unternehmen alljährlich Mädchen ein, in typische Männerdomänen hineinzuschnuppern, Technikberufe zum Beispiel. Auch große Institutionen mit niedrigem Frauenanteil bieten Veranstaltungen an, selbst der Bundestag. In Schleswig-Holstein fanden sie es ungerecht, dass nur die Mädchen so etwas dürfen - wo es doch auch viele Frauenberufe gibt, denen ein paar Jungs nicht schlecht bekämen.

Die Idee der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein: Landfrauen wie Heidi Nuppenau öffnen ihre Küchen einen Vormittag für Schüler. Und am Ende gibt es einen "Haushaltspass". Das Programm: in der Küche ein Mittagsessen zubereiten, waschen, saubermachen. Regeln der Hygiene im Haushalt sollen wir lernen und nebenbei ein bisschen Esskultur: Wie decke ich einen Tisch richtig? "Trainingscamp für Küchenbullen", lautet der rustikale Titel der Veranstaltung.

Ich will es versuchen: Wie man einen Haushalt führt, das weiß ich so ungefähr. Aber richtig kochen oder nähen? Für mich ist das Neuland. Wozu stundenlang in der Küche stehen, wo doch der Supermarkt die leckersten Instant-Nudeln und Fertigsuppen im Regal hat? Ab in Pfanne, Topf oder Ofen - fertig.

Schluss damit: Heute mache ich mit beim Boys' Day. Ich will Küchenbulle werden.

Blamage beim Knopf annähen: Die Zwillinge können's besser

Meine beiden Kollegen Finn und Nico sind Zwillinge aus dem Ort Bargteheide und tragen exakt dieselbe Frisur. Sie wären schwer auseinanderzuhalten, hätte nicht Nico einen dunklen Pulli mit schmalen, weißen Streifen an - und Finn praktischerweise umgekehrt. Sie gehen in dieselbe siebte Klasse und meldeten sich an, als ihre Lehrerin vom Küchenbullen-Camp erzählte. Nico will Koch werden. Finn will was mit Elektrotechnik machen, aber auch er findet: Kochen macht Spaß. Mehr als Schule jedenfalls.

Um Punkt neun Uhr weiß Heidi Nuppenau eine neue Aufgabe. Auf einem Holztisch stapeln sich Kleidungsstücke der Familie. Dumm nur: An allen fehlt ein Knopf. Wir sollen einen Ersatz finden und ihn möglichst fachgerecht annähen. Nadeln, Garn, und Knöpfe liegen in zwei Plastikkästchen bereit, gleich neben Schlafanzug, Hose und Arbeitshemd.

Ich schaue erst mal den Zwillingen zu und mache nichts. Und ahne bald: Das war die falsche Strategie. Beide stellen sich sehr professionell an, der erste Knopf sitzt, der zweite auch. Jetzt steigt die Gefahr, mich jetzt zu blamieren. Ich mache mich an eine schwarze Jeans.

Es geht schief: Der Faden will nicht durch die Nadel, habe ich es mal geschafft, fällt er gleich wieder raus. "Ich fummel da immer so nen Knoten rein", sagt Nico. Maja Kuriger, die Auszubildende der Nuppenaus, eilt zu Hilfe und zeigt mir einen Trick: Ich soll den Faden ein paarmal um die Nadel wickeln und dann das Ende abstreifen. Als der Knoten beim dritten Versuch drin ist, muss ich rückwärts durch den Jeansstoff stechen, um auf der anderen Seite genau beim passenden Loch herauszukommen.

Ich frage wieder Maja, ob es dafür nicht auch einen Trick gibt. Sie lacht mich aus: "Nee, das musst du einfach lernen." Irgendwann erlöst sie mich: Das passe jetzt schon so. Klingt ziemlich halbherzig, auch wenn sie sich müht, möglichst viel Lob in den Satz zu pressen.

"Wer hat viel Kraft?"

In der Küche klappt's besser. Die Zwillinge schnippeln Äpfel und Karotten , ich mache einen Teig. Einen Quarkölteig, nicht schwierig. Den rollen Finn, Nico und ich aus und formen viele kleine Laiber, die wir erst in Milch tauchen, dann in Kümmel und Sonnenblumenkerne. Wenig später holen wir unsere selbstgebackenen Brötchen aus dem Ofen.

Nächste Mission: Nun will Heidi Nuppenau Frikadellen servieren. Wir sollen alte, aufgeweichte Brötchen zwischen zwei Holzplatten zerdrücken, sodass eine Brotmasse entsteht. Nuppenau fragt: "Wer hat viel Kraft?" Da halte ich mich erstmal im Hintergrund. Nico übernimmt den Job.

Meine Faulheit rächt sich.

Ich bin seit Jahren Vegetarier. Bei der Anmeldung zum Trainingscamp habe ich es in Kauf genommen, mit Fleisch in Berührung zu kommen - und gehofft, dass es nicht sein muss.

Muss es aber: Heidi Nuppenau öffnet drei große Packungen Hackfleisch. Finn soll Suppenklößchen machen, spielt lässig mit dem Fleisch, zerdrückt es zwischen den Fingern, massiert es liebevoll. Ich werde zu den Frikadellen gebeten und strecke meine Vegetarier-Finger vorsichtig Richtung Hackfleisch, wie einen Ast ins Moor. Und beginne langsam zu kneten - vielleicht ist es ja in einer Minute vorbei.

"Das sieht doch schon wunderbar aus", sagt Frau Nuppenau. Ich schöpfe Hoffnung. Dumm nur: Sie meint Finn. Zu mir sagt sie: "Och, die Masse da muss aber noch besser werden." Als sie wiederkommt, bin ich erlöst. Glaube ich. Hoffe ich.

Am Ende das Geständnis: Ich esse kein Fleisch. Nie.

Von wegen. Es gibt noch eine Masse Fleisch, die für die Suppenklößchen. Auch die verwandelt sich leider nicht von selbst in kleine Bällchen. Ich füge mich ins Schicksal und forme kleine Hackhäufchen. Heidi Nuppenau rät: "Wenn man die Finger ein bisschen anfeuchtet, lässt sich die Masse besser rollen."

"Wieso rollen?", frage ich. Sie schaut auf den Teller, meine paar Klößchen sehen nicht gut aus: "Na, die kommen jetzt aber schnell wieder zurück in die Schüssel. Man muss sie rollen." Sie betont jeden Buchstaben: "R-O-L-L-E-N".

Ich denke: Die kommen doch in die Suppe, da sieht man gar nicht, ob ich kleine, eckige Häufchen geformt habe - oder kreisrunde Bällchen gerollt. Aber ich schweige. Nico gibt seine Bällchen in den Kochtopf, die Frikadellen sind auch schon fertig. Außerdem holen wir die Teigrolle, gefüllt mit Hackfleisch, Schafskäse und Paprika, aus dem Ofen.

Es ist zwölf Uhr mittags, der Tisch reich gedeckt, aber ich habe nicht viel Auswahl. Heidi Nuppenau bietet mir die "leckeren Frikadellen" an. Jetzt muss es raus. Ich gestehe ihr, dass ich Vegetarier bin - und zwar überzeugter. Sie guckt wie vom Donner gerührt. "Und da hast du das alles mitgemacht?"

Zum Trost gibt sie mir zum Abschied ein Einmachglas mit Himbeergelee mit. Und zwar ein großes. Tschüß, Jersbek.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.