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27. September 2018, 19:08 Uhr

Umstrittene Lernmethode

Brandenburg schafft "Lesen durch Schreiben" ab

Der Streit über guten Rechtschreibunterricht geht in eine neue Runde. In Brandenburg sollen Schulen die Methode "Lesen durch Schreiben" künftig nicht mehr anwenden.

Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hat einen Fünf-Punkte-Plan vorgestellt, mit dem sie die Fähigkeiten von Schülern beim Lesen und Schreiben verbessern will. Dazu gehört auch eine Maßnahme, die für besonderes Aufsehen sorgt. Ernst will die umstrittene Lernmethode "Lesen durch Schreiben" in Brandenburg abschaffen.

Die Methode soll ab kommenden Schuljahr nicht mehr angewendet werden, heißt es in einer Mitteilung von Mittwoch. Die Schüler sollen stattdessen nach der Fibel-Methode Lesen und Schreiben lernen. Diese Methode wird in den Schulen Brandenburgs den Angaben zufolge ohnehin bereits überwiegend genutzt.

Eine weitere Maßnahme: In allen Fächern soll das richtige Schreiben überprüft werden. Die Nichtbeachtung der Grammatik-, Rechtschreib- oder Zeichensetzungsregeln soll prinzipiell durch die Lehrkraft korrigiert werden, teilte Ernst mit.

Der IQB-Bildungstrend 2016 hatte ergeben, dass ein Teil der Brandenburger Schülerinnen und Schüler nur unzureichende Kompetenzen im Lesen und Schreiben aufweist. Vor einigen Tagen hatte zudem eine Studie der Universität Bonn zu verschiedenen Methoden im Rechtschreibunterricht für Aufsehen gesorgt.

Das zentrale Ergebnis: Lernen Kinder mit der Fibel Lesen und Schreiben, beherrschen sie die Rechtschreibung besser. Andere Ansätze wie "Lesen durch Schreiben", auch "Schreiben nach Gehör" genannt, schnitten den Wissenschaftlern zufolge schlechter ab. Diese Methode soll Kinder motivieren und individuelles Lernen fördern, ist aber seit Jahren umstritten. Sie sieht im Kern vor, dass sich Kinder zunächst selbst die Schreibweise von Wörtern erschließen und erst mal nicht korrigiert werden.

Die Bonner Forscher hatten umfassend Rechtschreibleistungen von rund 300 Kindern aus Nordrhein-Westfalen untersucht. Die Ergebnisse hatten prompt hochrangige Bildungspolitiker auf den Plan gerufen: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter (Linke), forderten Konsequenzen. Die Ergebnisse müssten "schnell in der Praxis Anwendung finden", sagte Karliczek den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Deutsch-Didaktiker: Nicht einzelne Methoden verbieten

Widerspruch kommt jedoch aus der Wissenschaft: "Es ist falsch, die Frage, wie Grundschüler am besten Lesen und Schreiben lernen, auf die Methode zu reduzieren", sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln dem Magazin "News4teachers". Es gebe noch nicht genügend empirische Beweise, die für oder gegen den Einsatz bestimmter Methoden sprechen.

"Die politische Diskussion sollte sich auf die Qualität der Aus- und Fortbildung und die Entwicklung guten Unterrichts richten und sich nicht darauf beschränken, einzelne Methoden zu verbieten", sagte der Deutsch-Didaktiker. Viel wichtiger sei, dass Lehrkräfte die Methoden auf ihre Schüler abstimmen.

mav/fok

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