Braune Propaganda NPD will Schulhöfe mit Hetzschriften überfluten

Auf Deutschlands Schulen rollt eine neue braune Propagandawelle zu. Erst verteilte die NPD "Schulhof-CDs", jetzt "Schülerzeitungen". In Sachsen ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft. Aber auch in anderen Bundesländern liegen rechtsextreme Hetz-Hefte in Zehntausender-Auflage bereit.


Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein Rätselblättchen für Kinder. Ein buntes Werbe-Heftchen, wie viele Firmen es vor zehn, fünfzehn Jahren gern an die Kinder ihrer Kunden verteilt haben. Auf den zweiten Blick erkennt man schnell, was "Perplex - Jugendzeitung für Sachsen" tatsächlich enthält: braune Propaganda.

Pseudo-Schülerzeitung "Perplex": Platte Parolen

Pseudo-Schülerzeitung "Perplex": Platte Parolen

Die Staatsanwaltschaft Dresden bewertet das Blatt als jugendgefährdend. Sie stoppte am Donnerstagnachmittag NPD-Funktionäre vor einer Dresdner Berufsschule, die versucht hatten, "Perplex" an die Schüler zu verteilen. Rund 150 Exemplare des 18 Seiten dünnen DIN-A-5-Heftchens habe die Polizei beschlagnahmt, sagte Christian Avenarius, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Die Gründe: "Perplex" sei geeignet, die Entwicklung von Kindern zu beeinträchtigen. Adolf Hitler werde als Friedensvermittler im Zweiten Weltkrieg dargestellt - die Alliierten dagegen als Kriegstreiber. Gefährlich sei auch der Aufruf, Schulhöfe zu "national befreiten Zonen" zu machen. Im Übrigen sei "das über weite Teile hetzerisch formulierte Blättchen geeignet, Vorurteile gegen Lehrer und ausländische Mitschüler zu schüren", so Avenarius.

Gegen die Verantwortlichen leitete Oberstaatsanwalt Jürgen Schär ein Ermittlungsverfahren ein, wegen Verstößen gegen das Jugendschutzgesetz. Im Impressum von "Perplex" ist der Vorsitzende der "Jungen Nationaldemokraten Sachsen", Jens Steinbach, als Verantwortlicher vermerkt.

Sie heißen "Schinderhannes" und "Rechts vor Links"

"Perplex" ist kein Einzelfall. "Diese Verteil-Aktion ist Teil der gezielten Jugendarbeit, mit der die Jungen Nationaldemokraten hier in Sachsen versuchen, an die Schüler heran zu kommen. Nach unseren Erkenntnissen wird es auch eine neue Auflage der so genannten Schulhof-CD geben", sagt Alrik Bauer vom sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz in Dresden.

Auch in anderen Bundesländern will die NPD Jugendliche mit den als Schülerzeitungen nur mäßig getarnten rechten Blättern erreichen: In Berlin mit einer Auflage von 40.000 Stück ("Der Stachel"), in Brandenburg mit 10.000 Heftchen. Ähnliche Projekte gibt es auch in Sachsen-Anhalt ("Jugend rebelliert"), Rheinland-Pfalz ("Schinderhannes") und im Saarland ("Rechts vor Links").

In Niedersachsen kündigte der NPD-Spitzenkandidat Andreas Molau, 39, eine "Schülerzeitung" an, "die noch vor den Herbstferien an den Schulen verteilt werden wird". Denn für die Schüler habe mit dem Schuljahresbeginn "in Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Politik auch erneut die staatlich verordnete Gleichschaltung eingesetzt", so Molau. Das sind exakt die Fächer, die er von 1996 bis 2004 selbst an einer Braunschweiger Waldorfschule unterrichtet hatte, bevor seine Parteikarriere bei der NPD begann: Zunächst war Molau Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, heute ist er NPD-Multifunktionär und unter anderem im Bundesvorstand für Bildung zuständig.

In Köln versuchte die rechte "Bürgerbewegung Pro Köln" mit einem auf jugendlich gebürsteten Blättchen an die jungen Leute heran zu kommen. Ihre Zeitung "Objektiv" wurde aber schnell zum Gespött: So präsentierten die Macher ausgerechnet ein tschechisches Erotik-Modell als deutsche Vorzeige-Blondine- Überschrift: "Deutsch ist geil".

Hitler als Friedenstäubchen

"Perplex" und die anderen Hetz-Schriften reihen sich ein in die Strategie der NPD, Schüler zum Ziel ihrer Propaganda zu machen. Bereits im September 2005 begannen sie damit, auf Schulhöfen CDs mit Rechtsrock zu verteilen. Jetzt probieren sie es also mit Schülerzeitungen. 30.000 Stück Probe-Auflage wolle man verteilen, hatte der NPD-Landesverband Sachsen bereits am Montag angekündigt. Die Verteilung sollen angeblich die etwa 90 Mitglieder der acht sächsischen Ortsgruppen der "Jungen Nationaldemokraten" übernehmen.

Nach Angaben von Christian Avenarius war auch der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel bei der Verteil-Aktion dabei. Gegen ihn kann die Behörde wegen seiner Immunität jedoch nicht vorgehen. Gansel gilt als einflussreicher Kopf im rechten Deutsche-Stimme-Verlag aus Riesa, der auch hinter "Perplex" steht.

Was den Schülern auch in anderen Ländern droht, ist in "Perplex" vorgezeichnet: "Wir bleiben hier - wir packen an" steht auf dem Titelblatt, "Mir stinken die Linken" auf Seite 2. Mit dem Hceft versuchen die rechten Macher die Schüler gegen ihre Lehrer aufhetzen, die "linken Spießer", die ihnen angeblich alle "linksextremen 68er-Schwachsinn eintrichtern wollen". Parole: "Lieber ungezogen als umerzogen".

Ein Artikel widmet sich der "Entvölkerung" der ostdeutschen Bundesländer, die konsequent "Mitteldeutschland" genannt werden. Schuld daran seien die EU-Osterweiterung, "die da oben", oder auch: "das Kapital".

Und wer ist wohl schuld am deutschen Pisa-Desaster? Der Leser lernt's auf Seite 6: der "Computer"-Inder, "die Ausländer" und die angebliche "Abschaffung" des "bewährten dreigliedrigen Schulsystems". Rechts daneben wirbt eine Anzeige für die "Schulhof-CD" mit rechter Musik, darunter steht: "Mach Deinen Schulhof zur national befreiten Zone."

Auf Seite 12 findet sich schließlich ein Artikel mit dem Titel "Der Krieg, der viele Väter hatte" über den Zweiten Weltkrieg. Ein nicht genannter Autor schreibt: "Wer weiß denn, daß Hitler vor seinem Einmarsch in Polen verzweifelt versucht hat, den Frieden zu retten?" Am Ende des Artikels der Aufruf: "Wer Informationen zu diesem Thema benötigt (...), kann (...) einfach der Redaktion schreiben."

Jungsozialisten wollen mit eigenem Blatt aufklären

Die SPD-Jugend in Brandenburg will der braunen Flut nun eine eigene Schülerzeitung entgegensetzen: Mit der "Roten Rose" werden sie in einer Auflage von 20.000 Stück über Rechtsextremismus informieren. In Mecklenburg-Vorpommern startet das Kultusministerium jetzt eine Fortbildungsreihe, in der Lehrer dafür fit gemacht werden sollen, mit dem braunen Gedankengut im Unterricht und an der Schule richtig umzugehen.

Das Land will damit in den nächsten Monaten alle 12.000 Lehrer erreichen. Die Texte der Rechtsrock-CDs und auch die Pseudo-Schülerzeitungen müsse man "in den Unterricht bringen", sagte Bildungs-Staatssekretär Udo Michallik. So könne man "den Schülern zeigen, auf welch einfachen Wegen dort versucht wird, antidemokratische Strömungen hervorzurufen".

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