Gymnasium gegen Inklusion Ungesundes Volksempfinden

Eine Bremer Schulleiterin klagt dagegen, dass ihr Gymnasium Kinder mit Handicaps unterrichten soll. Unterliegt sie, wäre das überfällige Ende der Schultrennung in Deutschland eingeläutet.
Rollstuhl im Klassenzimmer (Archiv)

Rollstuhl im Klassenzimmer (Archiv)

Foto: Inga Kjer/ picture alliance / dpa

Normalerweise engagiert sich Christel Kelm für die bestmögliche Förderung ihrer Schüler. Kelm ist Schulleiterin des Gymnasiums Horn in Bremen. Eine klasse Schule, die ihre Schüler in Forscherlabore entsendet, das deutsch-französische "Abi-Bac" anbietet und sich für Chinesischlehrer öffnet. Aber nun erlahmt Kelms Lust auf Förderung. Sie hat das Land Bremen verklagt, weil sie keine Kinder mit Handicaps an ihrer Schule haben will. Für fünf behinderte Kinder soll das Gymnasium Horn verschlossen bleiben.

Was die Gymnasialleiterin da an den Tag legt, kann man mit dem Verhalten eines Warlords im Schurkenstaat vergleichen: Sie missachtet die Menschenrechte, in diesem Fall die von Behinderten. Sie trägt natürlich keinen Tarnanzug und hat keine Kalaschnikow im Anschlag. Aber auch im Kostüm kann frau gegen eine bindende UN-Konvention verstoßen - hier gegen das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen".

Es geht darin unter anderem darum, dass jeder behinderte Mensch das Recht auf den Besuch der Regelschule hat - und nicht in Sonderschulen separiert werden darf. Deutschland hat diese Konvention ratifiziert, das heißt: Kinder mit Handicaps dürfen sich die Schule aussuchen, an der sie lernen wollen. Selbstverständlich gilt diese Konvention auch in Bremen. Kein Land der Welt kann sich herauspicken, welche UN-Deklaration es einhält. Das gilt genauso für das Gymnasium Horn.

Die beste Förderung - für alle Kinder

Kelm beruft sich auf eine landestypische Besonderheit. "Der Unterricht im Gymnasium berücksichtigt die Lernfähigkeit der Schülerinnen und Schüler mit einem erhöhten Lerntempo", steht im lokalen Bremer Schulgesetz. Mit diesem Passus kämpft das Gymnasium Horn dagegen, dass in einer ihrer Klassen neben 19 klassischen Gymnasiasten auch fünf Kinder Platz nehmen, die eine Beeinträchtigung in "Wahrnehmung und Entwicklung" (W+E) haben, die also geistige und körperliche Behinderungen haben.

Als Leiterin eines Gymnasiums soll sich Christel Kelm gern um ihre Institution sorgen. Von ihr als Pädagogin muss man allerdings erwarten, dass sie ihren Job macht: das heißt, Schülern die beste Förderung zuteil werden lässt, allen Kindern wohlgemerkt - auch sogenannten "W+E-Kindern" mit Beeinträchtigungen, dazu rechnet man zum Beispiel autistisch veranlagte Kinder oder solche mit Inselbegabungen.

Schulleiterin Kelm kann sich auf das ungesunde Volksempfinden berufen. "Schwachsinnige auf dem Gymnasium, jetzt reicht's!" So lautet - etwas zugespitzt - derzeit die Haltung zur Inklusion, zum gemeinsamen Unterricht für alle Kinder, auch die besonderen. Immer wieder beklagen sich Eltern darüber, dass ihr gesundes Kind in der Schule am Lernen gehindert wird, weil ein verhaltensorigineller oder gehandicapter Mitschüler wahlweise zu langsam, zu laut oder zu lustig ist. Die Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen etwa stützt den Kampf gegen Inklusion. In NRW und Schleswig-Holstein haben CDU und FDP sogar die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, die Inklusion zu überdenken. Wie kann man die Einhaltung von Menschenrechten, bitte, überdenken?

Das Ende der Schultrennung

Es sind - das gehört zur ganzen Wahrheit - manchmal auch die Eltern behinderter Kinder selbst, die sich gegen Inklusion stellen. Sie bevorzugen für ihr Kind den Schonraum spezieller Förderschulen. Das sei ihnen unbenommen. Aber eine Gesellschaft kann nicht kollektiv auf die Einhaltung von Menschenrechten verzichten, nur weil Einzelne es tun. Neben Rosa Parks saßen einst im Bus Schwarze, die ihre Sitzreihe für einen Weißen räumten. Das änderte nichts daran, dass Parks die Courage hatte, sitzen zu bleiben - und so das Ende der Rassentrennung einläutete.

Ganz so spektakulär klingt der Fall aus Bremen zunächst nicht. Tatsächlich aber hat er für deutsche Schulen eine Bedeutung, die gar nicht abschätzbar ist. Wenn Christel Kelm mit ihrer Klage gegen die fünf besonderen Kinder recht bekommt, dann hätte sich ein deutsches Gericht über die UN-Konvention hinweggesetzt. Es wäre damit legalisiert, dass das gegliederte Schulwesen gegen die UN-Konvention verstößt. Denn hierzulande werden seit Jahr und Tag Schüler nach ihrer - angeblichen - geistigen Leistungsfähigkeit in verschieden gute Schulen sortiert.

Unterliegt die Schulleiterin aber, dann lernen demnächst fünf Rosa Parks in einem erstklassigen deutschen Gymnasium. Wollen wir hoffen, dass sich die Bremer Helden mit Handicaps nicht mehr vertreiben oder abschulen lassen. Mit ihnen wäre das Ende der Schultrennung in Deutschland eingeläutet.

Anmerkung der Redaktion: Der Presserat hat gegen SPIEGEL ONLINE wegen dieses Kommentars eine Missbilligung ausgesprochen. Er moniert, der Vergleich des Handelns der Lehrerin mit dem "Verhalten eines Warlords in einem Schurkenstaat", der gegen sie gerichtete Vorwurf der Missachtung von Menschenrechten und die Herstellung einer Verbindung zu den Verbrechen der Nationalsozialisten durch den Begriff "Ungesundes Volksempfinden" überschritten die Grenzen zur Ehrverletzung und stellten "einen deutlichen Verstoß gegen die presseethischen Grundsätze dar".