Brisanter Pisa-Ländervergleich Wer wird Erster in der zweiten Liga?

Bayern und Baden-Württemberg sind auf ihre Schulen besonders stolz, sollen aber nach Medienberichten bei der Pisa-Studie "in einzelnen Bereichen abgeschlagen" sein. Die Pisa-Organisatoren und die Kultusminister beeilten sich mit ihren Dementis: alles Mumpitz, Kaffeesatzleserei oder "reine Erfindung".

Die Stunde der Wahrheit naht: Die Ergebnisse der internationalen Pisa-Studie liegen bereits seit einem halben Jahr vor, deutsche Schüler landeten im letzten Drittel. Am 27. Juni soll auch der nach Bundesländern aufgeschlüsselte nationale Vergleich veröffentlicht werden - und dürfte für einigen Zündstoff mitten im Wahlkampf sorgen. Noch werden die Resultate streng unter Verschluss gehalten.

Doch die Gerüchte über das Abschneiden der einzelnen Länder häufen sich bereits: Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen sollen beim Schulleistungstest besonders gut abgeschnitten haben, wie "Focus" berichtet. Dagegen hätten Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern miserable Zensuren erhalten.

Abgeschlagen seien auch die "sonst bei Leistungsvergleichen führenden Bayern, Baden-Württemberger sowie Nordrhein-Westfalen in einzelnen Bereichen". Insgesamt klaffe die Schere zwischen den Bundesländern eklatant auseinander, will das Magazin Ende letzter Woche bei der Kultusministerkonferenz (KMK) in Eisenach erfahren haben.

Ein hoher Ausländer- und Aussiedleranteil drücke "vor allem beim Deutschunterricht das Resultat", zitiert "Focus" einen KMK-Teilnehmer. Bis zum 27. Juni sollten deshalb gleich mehrere Statistiken vorliegen: eine mit den Schülerleistungen ohne die Ausländerkinder, eine nur mit den Ergebnissen des Nachwuchses von Zuwanderern und Asylbewerbern.

Das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, in Deutschland für die Pisa-Studie zuständig, dementierte allerdings energisch. Als "reine Erfindung" des Blattes bezeichnete Institutsdirektor Jürgen Baumert die Meldung: "Es gibt noch keine Pisa-Länderergebnisse und keinen Zwischenbericht." Auch die Kultusministerkonferenz reagierte ungewohnt schnell. Präsidentin Dagmar Schipanski (CDU), Wissenschaftsministerin in Thüringen, sagte, der Bericht entbehre "jeder sachlichen Grundlage". Die Ergebnisse seien bei der KMK auf der Wartburg kein Gesprächsgegenstand gewesen.

Unterdessen appellierte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) an die Länder, die Pisa-Ergebnisse für ernsthafte Schulreformen zu nutzen. Die Veröffentlichung in fünf Wochen dürfe nicht dazu missbraucht werden, schwächere Länder "an den Rand zu drücken". Das deutsche Schulsystem versage besonders bei der Förderung von Schülern aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien, sagte Bulmahn. Notwendig sei ein Ende der Ausgrenzung sowie eine "stärkere Verzahnung zwischen Kindergärten und Schulen".

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat vor "aufgeregter Kaffeesatzleserei" gewarnt. Die Schulen hätten "gravierendere Probleme als auf Länder-Ranglisten wie im Fußball zu starren", meint die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange. Nach Pisa sei die Zukunftsfrage nicht, wer von den Ländern "Erster in der zweiten Liga wird", so Stange mit Blick auf das verheerende deutsche Gesamtergebnis. Dass jedes Jahr in Deutschland 80.000 Jugendliche die Schulen ganz ohne Abschluss verließen, sei von weit größerer Bedeutung.

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