Britische Schüler lernen Wie esse ich eine Möhre?

Briten sind für ihre bizarren Essgewohnheiten berüchtigt. Jetzt ließ das Gesundheitsministerium bergeweise Karotten an Schulen schaffen, um die Schüler mit Vitaminen zu versorgen. Und lieferte eine Gebrauchsanweisung gleich dazu - das Vertrauen in den sachgerechten Umgang mit der Feldfrucht ist offenbar begrenzt.


Gemüse statt Fritten: Wo's grün wird, nicht mehr essen!
DDP

Gemüse statt Fritten: Wo's grün wird, nicht mehr essen!

London - Die E-Mails vom Ministerium an eine Reihe von Schulleitern in Großbritannien kamen von höchster Ebene und waren als besonders dringlich gekennzeichnet. Dabei ging es um eine Ladung Möhren, die das Ministerium den Schulen geschickt hatte. Genauer genommen ging es darum, wie diese Möhren ihrer Bestimmung zugeführt werden sollten: "Erst waschen, dann von unten her essen und die Spitze wegwerfen."

Die Schulen haben die Sache mit Befremden und Belustigung aufgenommen: "Man hat uns nicht erklärt, wie weit oben wir mit dem Essen aufhören sollen", spottete Schulleiter Tim Buckley aus Manchester in der Zeitung "Daily Mirror". Sein Kollege Graham Brock von einer Schule in Romiley fragte sich, warum es nicht auch eine Bedienungsanleitung zum Verzehr von Äpfeln gebe. Maureen Crane, Lehrerin in Edgeley, beförderte die Instruktionen kurzerhand in den Müll - "das war unglaublich", schimpfte sie.

Schulleiter sind nicht wirklich amüsiert

Nach Berichten der Zeitungen "Daily Mail" und "Daily Mirror" vom Donnerstag waren diese Woche bei Hunderten von Schulen Lieferungen mit Karotten eingegangen, die den Speiseplan ergänzen sollten. Ein Programm der Regierung soll gesunde Diäten bekannt machen und für mehr Verzehr von frischem Obst und Gemüse sorgen. Die Schulen bekamen bereits Äpfel, Bananen und Orangen geschenkt, nächste Woche geht eine Milchlieferung an 200 Grundschulen in England und Wales.

Ihr Name ist Hase: Hattu Möhrchen?
AP

Ihr Name ist Hase: Hattu Möhrchen?

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in London verteidigte die mitgelieferten Tipps zum Rübenverzehr: "Manche Kinder sind außerhalb der Schule gar nicht mehr mit Obst und Gemüse in Kontakt", sagte er, "da die Möhren dem Angebot neu hinzugefügt wurden, hatten einige Lehrer um Ratschläge gebeten, wie man sie für Schüler attraktiv machen kann."

Die Briten sind traditionell bekannt für ihre Vorliebe für fettige, vitaminarme Nahrung; Obst und Gemüse nehmen sie vorzugsweise nicht frisch, sondern aus Dosen oder Gläsern zu sich. Mit ihrem Gesundheitsbewusstsein ist es nicht weit her, wie erst letztes Jahr eine EU-Studie zeigte. Das Ergebnis schreckte sie auf: Die Briten seien zu dick. Sie brachten sogar mehr auf die Waage als die Deutschen - schmerzlich genug für die Insulaner, die in Karikaturen und Witzen gern über fette "Krauts" spötteln.

Der Studie zufolge sind 20 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien fettsüchtig, weitere 30 Prozent übergewichtig. Und zwei Drittel der Kinder ernähren sich vorwiegend von Chips, Süßigkeiten und Fritten - vielleicht wollte das Ministerium den Kindern einfach nur helfen, Möhren nicht mit Monsterfritten zu verwechseln.




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