Britische Schulschwänzer Einsitzen statt eincremen

Eltern haften für ihre Kinder - manchmal ganz wörtlich: Großbritannien macht jetzt kurzen Prozess mit Eltern, die ihre Kinder die Schule schwänzen lassen, um mit ihnen den Urlaub zu genießen. Die Höchststrafe per Schnellgericht lautet "Ab in den Knast". Die ersten Prozesse laufen derzeit.


Schüler in England: Trotz Tony Blair keinen Bock
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Gleich neun Familien stehen in Thurrock in der britischen Grafschaft Essex vor einem Schnellgericht, weil sie während der Schulzeit mit ihren Kindern in die Ferien gefahren sind. Die 13 betroffenen Kinder sind zwischen zehn und 16 Jahre alt. Das Schulamt wirft den Eltern vor, sie seien für das unentschuldigte Fehlen ihrer Kinder verantwortlich.

Wird es in Essex bald nur noch scheinbar verwaiste Kinder geben, weil ihre Eltern einsitzen? Sollen sie dann allein auf Spielplätzen herumirren und sich ihre Pausenbrote selbst schmieren? Schulschwänzen kann für die Eltern schwere Folgen haben: Werden sie in einem Schnellgerichtsverfahren für schuldig befunden, müssen sie mit Geldstrafen von bis zu 2500 Pfund (3800 Euro) rechnen. Wer das nicht bezahlen kann oder will, kann die Strafe auch absitzen – drei Monate Haft können es dann schon werden.

Ist irgendjemand hier?

Die Labour-Regierung kämpft mit harten Bandagen gegen steigende Schulschwänzer-Zahlen. Rund 50.000 Schüler pro Tag tauchen erst gar nicht in ihrer Schule auf, oft auch mit dem Einverständnis der Eltern. In Thurrock wird der Anteil der Eltern, die lieber mit ihren Kindern nach Mallorca fliegen als sie in die Schule zu schicken, auf 20 Prozent geschätzt.

Flucht aus der Schule - auch in Deutschland ein Problem
DER SPIEGEL

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Das neue Schnellgerichtsverfahren wird derzeit in neun Schulbezirken Englands erprobt. Im September soll das Verfahren landesweit ausgedehnt werden.

Tracy Hornsby zum Beispiel ist sich keiner Schuld bewusst: Ihre 15-jährige Tochter sei in der Schule schikaniert worden. Außerdem habe sie inzwischen eine Phobie gegen die Schule, die Kinder dort seien gewalttätig und würden Drogen verkaufen. "Ich denke nicht, dass die Schule eine sichere Umgebung ist“, sagt Tracy Hornsby.

"Null-Toleranz" gegenüber Blaumachern

"Der Grund, warum wir gegen Schulschwänzer vorgehen, sind die Folgen für das Kind“, entgegnet ein Schulamts-Sprecher. "Nur etwa acht Prozent der Schulschwänzer schreiben einigermaßen akzeptable Abschlussprüfungen, ein Drittel bekommt überhaupt keinen Abschluss.“

Britische Schüler: "Null-Toleranz" bei Drückebergern
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Unterdessen ruft Kultusminister Ivan Lewis zur "Null-Toleranz“ gegenüber Eltern auf, die ihren Kindern das Schulschwänzen erlauben, nur um günstiger in Urlaub zu fahren. Das sei auf jeden Fall ein Regelbruch. Es gehe gerade um solche Fälle und nicht nur um Schüler, die in Einkaufszentren unterwegs seien, statt die Schulbank zu drücken.

Die Regierung erlaubt in einem neuen Gesetz inzwischen auch Schuldirektoren, diesen Eltern Strafen aufzuerlegen. Die Meinungen dazu sind geteilt. "Natürlich will ich diesen Eltern kein Bußgeld aufbürden", sagt zum Beispiel Jim Collins, Schulleiter des New College in Leicester, "ich denke, dass Bußgelder nur die Eltern verprellen würden, die versuchen wollten, enger mit der Schule zusammenzuarbeiten.“

Auch Freda Hussain, Schulleiterin des Moat Community College in Highfields, bemüht sich um Flexibilität: "Wir ermutigen Eltern nicht, mit ihren Kindern während der Schulzeit in die Ferien zu fahren. Ungewöhnliche Umstände erkennen wir aber an.“

Am Ellesmere College in Leicester glaubt man, eine Lösung für das Problem gefunden zu haben: Für den 12-jährigen Nicusor stellte die Schule einen Lernplan auf, den er in den außerplanmäßigen Ferien auf Malta zu erledigen hat. "Wir fahren für vier Wochen nach Malta“, erklärt seine Mutter Geraldine Muldoon-Norman, "es ist zu dieser Zeit viel billiger, und das Wetter ist gut.“

Viele Eltern schulpflichtiger Kinder argumentieren ähnlich: In den Ferien sind Hotels und Flüge teuer, außerhalb der Ferienzeit können sie sich einen Urlaub besser leisten.

So einfach werden die Eltern der 13 Schüler aus Essex wohl vor Gericht nicht davonkommen. Ein Urteil wird für April erwartet. Die Stadt Thurrock will aber im März noch etwa 25 weitere Fälle vor Gericht bringen.


Auch in Deutschland gehen die Behörden inzwischen mit rabiateren Methoden gegen hartnäckige Schulverweigerer vor - vom Polizeieinsatz über Geldstrafen bis zur Kindergeld-Kürzung für die Eltern.



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