Britischer Abitur-Skandal "Alles Schiebung!", schimpfen Rektoren und Eltern

Schulen und Unis in Großbritannien drohen nach einem Noten-Fiasko ins Chaos zu stürzen. Zu schlechte Abiturzensuren brächten Tausende von Jugendlichen um ihre Zukunftschancen, grollen Eltern und Lehrer. Nach der "Notenmassage" wird es einsam um die Bildungsministerin.

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Tony Blair mit Schulklasse: Überall manipulierte Noten?
AP

Tony Blair mit Schulklasse: Überall manipulierte Noten?

Das Thema bestimmt die Schlagzeilen der großen britischen Tageszeitungen am Donnerstag: Viele Abiturienten haben dieses Jahr bei den Prüfungen weit schlechter abgeschnitten, als sie es erwartet hatten - so schlecht, dass Eltern und Schulen nun sogar mit Klagen gegen die staatlichen Prüfungsbehörden drohen. Die Schulaufsicht, so der Vorwurf, habe die Abiturnoten unzulässig zurechtgebogen und so viele Prüflinge zum Beispiel um ihre Chancen bei den Bewerbungen an Universitäten gebracht.

Estelle Morris, Bildungsministerin in Großbritannien, steht nun im Kritikhagel. Mit vereinten Kräften wehren sich öffentliche und private Schulen gegen ein neues Beurteilungssystem, das nach ihrer Auffassung "kein Vertrauen mehr verdient". Die Rektoren beschuldigen die Prüfungswächter der Regierung, auf die drei Prüfungsbehörden "direkten Druck" ausgeübt zu haben, um die Noten abzuwerten.

Noten-Überprüfung brächte enorme Probleme

Schulen und Eltern sprechen von massiver Manipulation und verlangen eine Überprüfung aller Abiturnoten. Wenn es tatsächlich dazu käme, könnten die Schulen und britische Universitäten in ein Chaos stürzen: 200.000 Schüler und 700.000 Abiturnoten müssten auf den Prüfstand und die Kontrolleure etwa zwei Millionen Blätter Papier sichten. Dunkle Wolken ziehen auch über den Hochschulen auf, die diesen Monat ihre Bewerber aufnehmen oder ablehnen - all diese Entscheidungen wären möglicherweise Makulatur.

Hinter dem Streit steckt die Einführung eines neuen Lehrplans und Prüfungssystems, das in diesem Jahr erstmals umgesetzt wurde. Das britische und das deutsche Schulsystem unterscheiden sich fundamental: In Großbritannien absolvieren die Schüler Prüfungen zunächst im Alter von sieben, elf und vierzehn Jahren. Anschließend können sie sich entscheiden, in welchen Fächern sie ihre "A-level" ablegen wollen - ungefähr vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Die Noten sind von großer Bedeutung für die berufliche Zukunft, vor allem für die Bewerbung an renommierten Universitäten.

In der reformierten Oberstufe wurde der A-level aufgeteilt in einen AS- und einen A2-level; das soll für breitere Allgemeinbildung sorgen. In diesem Jahr wurden nun Leistungen der Schüler, vor allem bei Hausarbeiten, offenbar deutlich schlechter bewertet als erwartet, und auch die Notengrenzen für Abiturklausuren sollen drastisch angehoben worden sein. Jedenfalls häuften sich die Beschwerden der Schüler, Eltern und Lehrer über ungerechte Notenvergabe. Prompt gingen die Rektoren auf Kollisionskurs mit der Regierung und verlangten eine Überprüfung von 700.000 A-levels.

Britische Schüler: Jede Menge Prüfungen
REUTERS

Britische Schüler: Jede Menge Prüfungen

Dass die Abiturnoten sich von Jahr zu Jahr leicht unterscheiden, ist normal. Aber damit das Niveau nicht plötzlich gravierend steigt oder abfällt, legen die Prüfer die Notengrenzen immer neu fest, etwa zwischen der britischen Höchstnote "A" und einem "B". Während die Mathematik-Zensuren im vergangenen Jahr schlecht aus- und ein Drittel der Kandidaten durchfielen, bemerkten die Prüfungsbehörden in Fächern wie Psychologie oder Englisch eine deutliche Verbesserung der Durchschnittsnoten. Prompt beschlossen sie, die "Noteninflation" zu stoppen. Eine der Behörden drängte die Prüfungsleiter, strikt auf Vergleichbarkeit der Noten von 2001 und 2002 zu achten.

In diesem Jahr wurde der A-level nun weiter verändert und gilt eigentlich als leichter. Doch die Schüler sehen sich als "Versuchskaninchen". Denn die Balance zwischen Anforderungen und Noten ist offenbar völlig missraten - was die Schulen den Prüfungsbehörden und letztlich der verantwortlichen Ministerin Estelle Morris zuschreiben.

Auch die Universitäten zittern

Ihr konservativer Kontrahent Damian Green, als Bildungsexperte im Schattenkabinett der Tories, brachte sich bereits in Stellung: "Man kann den Ernst dieses Skandals gar nicht genug betonen. Tausende junger Menschen wurden um einen Studienplatz, der ihnen zusteht, gebracht - und in manchen Fällen auch um ihre Lebenschancen. Ich fürchte, Estelle Morris wird in die Geschichte eingehen als Bildungsministerin, die das Niveau des A-level zerstört hat."

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Mark Mniszko

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Die Rektoren verlangen eine unabhängige Untersuchung, während empörte Eltern Klagen gegen die Prüfungsbehörden erwägen: "Schiebung" nennen sie deren Eingriff und sprechen von einem handfesten Skandal.

Auch Prüfungsleiter beschwerten sich über massiven Druck der Kontrollbehörden zur Noten-Abwertung und über die "Missachtung ihres professionellen Urteils". Derweil befürchten Universitäten, dass Notenkorrekturen schlimme Folgen haben könnten - Tausende von Studienanfängern, die sich beim Abitur ungerecht behandelt fühlten, könnten plötzlich vor den Türen stehen und Einlass begehren.



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