Bund-und-Länder-Initiative 125 Millionen Euro für "Brennpunktschulen"

Bund und Länder wollen ausgewählten Schulen in Problemvierteln helfen, die Chancen ihrer Schüler zu verbessern. Aus Sicht von Lehrerverbänden greift die Initiative allerdings viel zu kurz.
Förderprogramm von Bund und Ländern: 200 Schulen in sozial schwierigen Lagen sollen 125 Millionen Euro erhalten

Förderprogramm von Bund und Ländern: 200 Schulen in sozial schwierigen Lagen sollen 125 Millionen Euro erhalten

Foto: iStockphoto/ Getty Images

200 Schulen in sozial schwierigen Lagen sollen in den kommenden Jahren gezielt von Bund und Ländern gefördert werden, um die Bildungschancen der Schüler dort zu verbessern. 125 Millionen Euro stellen Bundesbildungsministerium und Bundesländer für die Initiative "Schule macht stark" zu gleichen Teilen zur Verfügung, wie das Ministerium und die Kultusministerkonferenz am Mittwoch mitteilten.

Union und SPD hatten eine solche Initiative im Koalitionsvertrag vereinbart, nach langen Verhandlungen wurde sie nun auf den Weg gebracht. "Wir wollen die Weichen stellen, dass unser Bildungssystem in den nächsten Jahren ein Stück besser und vor allem gerechter wird", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Bund und Länder müssten "insbesondere jungen Menschen, die es sowieso schon nicht leicht im Leben haben, unter die Arme greifen".

Was ist überhaupt eine Brennpunktschule?

Eine klare Definition gibt es nicht. Als Brennpunkte gelten unter anderem Gebiete, die häufiger von Arbeitslosigkeit, Armut oder Integrationsschwächen betroffen sind als andere. Der Berliner Senat unterstützt beispielsweise vor allem Schulen, die von ärmeren Kindern besucht werden. Wenn mindestens die Hälfte der Schüler von der Zuzahlung für Lehrmittel befreit sind, hat sie Anrecht auf ein Bonusprogramm, das zusätzliche Unterstützung vorsieht. Das gilt zum Beispiel für Kinder, deren Eltern Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Bafög beziehen oder für Kinder, die in Pflegefamilien oder Heimen leben. In Berlin gelten demnach rund 250 Schulen als Brennpunkt. Damit Lehrer an einer Brennpunktschule Anspruch auf eine Zulage haben, müssen allerdings 80 Prozent der Schüler auf Sozialleistungen angewiesen sein.

Bis Oktober 2020 sollen in einem ersten Schritt 200 Schulen bundesweit ausgewählt werden. Die Initiative richtet sich an alle Schularten und die Klassenstufen eins bis zehn. Ausgewählt werden die Schulen durch Ausschreibung oder Nominierung durch die Länder. Die wiederum berücksichtigen bestimmte Kriterien, unter anderem wo sich eine Schule befindet, wie häufig dort der Unterricht ausfällt oder wie viele Schüler regelmäßig dem Unterricht fernbleiben.

Im Rahmen des Förderprogramms sollen mithilfe von Wissenschaftlern neue Strategien und Unterrichtskonzepte entwickelt und ausprobiert werden, um die Leistungen der Schüler zu verbessern - zum Beispiel in den Bereichen Lesen, Schreiben und Mathematik. Die Erkenntnisse werden wissenschaftlich ausgewertet. Konzepte, die gut funktionieren, sollen dann später auch an anderen Schulen umgesetzt werden.

"Die Mittel reichen bei Weitem nicht aus"

Aus Sicht von Lehrerverbänden greift die Initiative allerdings viel zu kurz. "Die Mittel reichen bei Weitem nicht aus", sagt Ilka Hoffmann, Bildungsexpertin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sehr viel mehr Schulen würden Unterstützung benötigen, als die Fördermittel abdecken würden.

"Nur 200 Schulen erhalten eine Förderung, um Strategien und Konzepte zu entwickeln, die andere Schulen dann umsetzen sollen - ohne zusätzliche Gelder." Das Programm dürfe kein Pilotexperiment sein, sondern müsse eine Dauerfinanzierung vieler Schulen gewährleisten, sagte Hoffmann.

Auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sagte: "Jede Initiative, die dazu beiträgt, den Zusammenhang von sozioökonomischer Herkunft und Bildungschancen aufzulösen, ist zu begrüßen. Wenn es aber stimmt, dass die Länder sich nach Pisa alle auf den Weg gemacht haben, um dieses Problem zu lösen, frage ich mich, warum in der Kultusministerkonferenz nicht längst evaluierte Ergebnisse vorliegen, die man in die Fläche tragen kann."

Vor diesem Hintergrund und angesichts der Größe des zu lösenden Problems sei die vorgestellte Initiative "halbherzig". Die Umsetzung solle zum Schuljahr 2021/22 starten, pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum des sogenannten Pisa-Schocks. "Das grenzt an Verschleppung." Zumal in der ersten Phase nur 200 von 32.577 allgemeinbildenden Schulen beteiligt werden. Erst 2026 könne der Transfer an alle Schulen beginnen. Beckmann: "Bis dahin haben wir wieder eine Schülergeneration verloren."

faq/fok/dpa
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