Zivi-Ersatz "Bufdi" Freiwillig in die Geldnot

Die Löhne sind niedrig, bei manchem "Bufdi" müssen die Eltern zur Unterstützung einspringen: Für viele junge Menschen wird der neue Bundesfreiwilligendienst zur finanziellen Bewährungsprobe. Die Regierung hält dennoch an ihrer Knauserstrategie für die Zivi-Nachfolger fest.

Von Christine von Lossau und Nadine Thielen


Dass sie mit dem Bundesfreiwilligendienst (BFD) nicht reich werden würde, wusste Michelle Kohl. Trotzdem hätte die junge Frau nicht gedacht, dass jeden Monat fast ein Viertel ihrer Entlohnung nur für die Fahrkarte draufgeht. 70 Euro kostet das Ticket. Als Bufdi, wie die Dienstleistenden genannt werden, in einem Kölner Krankenhaus verdient Michelle Kohl gerade einmal 300 Euro.

Der Lohnschwund ärgerte Michelle Kohl. So sehr, dass sie sich an den Computer setzte und im Namen aller Bufdis des Erzbistums Köln im Mai an Bundesfamilienministerin Kristina Schröder schrieb: "Wir treten mit der Aufforderung an Sie heran, eine gesetzliche Grundlage für die Erstattung der Fahrtkosten zur Einsatzstelle zu schaffen." Die Antwort der Ministerin kam prompt: Die Regierung wolle den Bufdis nicht mehr zahlen, eine Gesetzesänderung sei nicht vorgesehen. Damit bleibt es bei dem Taschengeld, das höchstens bei 336 Euro liegen darf.

Das heißt für die Freiwilligen, dass sie sich einschränken müssen. Wenn Mama und Papa nicht zahlen, können sich viele junge Menschen - mehr als die Hälfte sind jünger als 27 Jahre - den Freiwilligendienst schlicht nicht leisten. Eine aktuelle Studie von der Hertie School of Governance und der Universität Heidelberg zu dem Dienst stellt einen "erschwerten Zugang" für Jugendliche fest, die nicht bei ihren Eltern wohnen oder keine finanzielle Unterstützung bekommen.

Eine "neue Kultur der Freiwilligkeit" versprach das Ministerium

Der BFD löste im Sommer 2011 den Zivildienst ab, nachdem die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Denn wer sollte die Aufgaben der rund 80.000 Zivis übernehmen, die noch ein Jahr zuvor bei Trägern wie Caritas, Diakonie oder Rotem Kreuz arbeiteten? Der Bund versucht mit dem neuen Freiwilligendienst, zumindest teilweise die Stellen zu besetzen: 35.000 BFD-Stellen hat er geschaffen. Dabei soll es erst einmal bleiben, denn die Bundesregierung möchte derzeit keine weiteren fördern - obwohl der Andrang groß ist. Im Juli 2012 waren bundesweit 31.129 Bufdis beschäftigt.

Beim Treffen Ende Juni in Berlin machten Freiwilligendienstleistende aus ganz Deutschland ihrem Ärger darüber Luft. Sie starteten eine Briefaktion, mit der Freiwillige die Bundesregierung aufforderten, die Fahrtkostenzuschüsse gesetzlich zu regeln. Denn die Bufdis sind sauer: Schröders Ministerium hatte versprochen, mit dem Wegfall des Zivildienstes eine "neue Kultur der Freiwilligkeit in Deutschland" zu schaffen, die "möglichst vielen Menschen" die Chance geben soll, Freiwilligenarbeit zu leisten.

Doch ein Blick auf die Ausgaben lässt Zweifel am guten Willen aufkommen. Allein im Jahr 2010 gab der Staat 631 Millionen Euro für den Zivildienst aus. Dagegen fördert er die Freiwilligendienste derzeit mit insgesamt nur 350 Millionen Euro. Für die Regierung bedeutet die Umstellung auf den Freiwilligendienst also vor allem eins: Der Staat entlastet seinen Haushalt auf Kosten der Freiwilligen.

"Was ich bekomme, liegt unter dem Hartz-4-Satz"

Also auch auf Kosten von Michelle Kohl. In Ihrem Vertrag mit der Kölner Klinik steht eine 39-Stunden-Woche, eine halbe Stunde mehr als die Krankenschwestern und Pfleger. Die junge Frau erhält neben 300 Euro lediglich noch 50 Euro für die Verpflegung. "Was ich für meinen Einsatz bekomme, liegt unter dem Hartz-4-Satz", sagt Kohl.

Natürlich leistet sie den Freiwilligendienst nicht, um Geld zu verdienen. Aber sollte sie mit dem Gehalt nicht wenigstens selbstständig über die Runden kommen? Zusammen mit dem Kindergeld verfügt Michelle Kohl zwar über 526 Euro im Monat. Ein Zivi konnte sich aber über weit mehr Entlohnung freuen. Er kassierte ein Grundgehalt von etwa 630 Euro, plus Fahrtkosten, plus Unterkunft. Bei den Freiwilligen bleibt es hingegen den Trägern überlassen, ob sie die Bufdis über das Taschengeld hinaus unterstützen. Michelle Kohl muss deshalb bei ihrem Vater wohnen.

Das schreckt viele ab, etwa Ramona Wund aus Kehl am Rhein. Sie hat sich gegen den BFD entschieden: "Ich würde meinen Eltern sonst noch ein Jahr länger auf der Tasche liegen." Das will die Abiturientin nicht. Statt Menschen zu helfen, beginnt sie ab Oktober ein duales Studium. Um Menschen wie Ramona Wund den Freiwilligendienst zu erleichtern, fordern die Bundestagsfraktionen von SPD und Grünen einen höheren Mindestlohn für Bufdis. Im Familienministerium ist Jens Kreuter für die Freiwilligendienste zuständig, er sieht solche Forderungen kritisch. Initiativen vom Bund seien nicht vorgesehen.

Aber wer soll sonst die zusätzlichen Kosten tragen? Auf die Frage, ob die aktuelle Bezahlung reiche, um Jugendliche aus einkommensschwachen Familien nicht abzuhalten, schweigt Kreuter. Fünf Sekunden, zehn Sekunden, und noch ein paar Sekunden. Dann seine Antwort: "Wichtig ist das ehrenamtliche Engagement. Und das ist grundsätzlich offen für jede und jeden." Grundsätzlich.



insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
herbert 03.09.2012
1. Freiwillig ist das Schlagwort !
Zitat von sysopDie Löhne sind niedrig, bei manchem Bufdi müssen die Eltern zur Unterstützung einspringen: Für viele junge Menschen wird der Bundesfreiwilligendienst zur finanziellen Bewährungsprobe. Die Regierung hält dennoch an ihrer Knauserstrategie fest. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,851953,00.html
Somit hat man auch die Konsequenzen zu tragen ! Die Politiker stopfen sich die Taschen voll mit Geld und sie verkaufen es als schick doch den Bundesfreiwilligendienst zu machen.
berndine 03.09.2012
2. o
Ich kann Ehrenamt nicht mehr hören. Wir brauchen sozialversicherungspflichtige JobS!
rodelaax 03.09.2012
3. Die Personifikation von Inkompetenz und Ignoranz
Schröder versteht es erst, wenn sich kein Jugendlicher mehr finden läßt. Wenn überhaupt!
Margrit2 03.09.2012
4.
Zitat von sysopDie Löhne sind niedrig, bei manchem Bufdi müssen die Eltern zur Unterstützung einspringen: Für viele junge Menschen wird der Bundesfreiwilligendienst zur finanziellen Bewährungsprobe. Die Regierung hält dennoch an ihrer Knauserstrategie fest. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,851953,00.html
Also so viel wie die früheren Zivis sollte sie schon bekommen
hahewo 03.09.2012
5. Pflegedienst
Was hat man denn von einer Partei, die sich christlich nennt, anderes zu erwarten. Hier geht es doch ohnehin um Menschen, die nicht mehr produktiv sind und nur Geld kosten. Desweiteren werden die Gelder des Bundes zur Rettung von Banken innerhalb und außerhalb Deutschlands benötigt, damit Frau Merkel ihre weitere politische Karriere nach ihrer Abwahl in EUROPA fortsetzen kann.
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