Entscheidung des Bundesgerichtshofs Sportlehrer sind zu Erster Hilfe verpflichtet

Acht Minuten lang ist ein Schüler im Sportunterricht bewusstlos - und danach schwer behindert. Er zieht bis vor den Bundesgerichtshof. Hätte die Lehrerin mehr tun müssen, als nur den Notarzt zu rufen?

Demonstration der Herzdruckmassage an Übungspuppen (Symbolbild)
Wolfgang Kumm / DPA

Demonstration der Herzdruckmassage an Übungspuppen (Symbolbild)


Lehrer sind im Sportunterricht verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Urteil am Donnerstag bekräftigt. Sportlehrer hätten die Amtspflicht, etwa erforderliche und zumutbare Erste-Hilfe-Maßnahmen rechtzeitig und in ordnungsgemäßer Weise durchzuführen, teilten die Richter in Karlsruhe mit.

Der BGH hob damit ein Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt auf und wies es zur Neuverhandlung dorthin zurück. Hintergrund: ein Fall aus Wiesbaden, der rund sechs Jahre zurückliegt. Ein Schüler war im Januar 2013 beim Aufwärmen im Schulsport plötzlich zusammengebrochen.

Fünf Minuten nach dem Beginn des Aufwärmtrainings hatte der damals 18-Jährige aufgehört zu laufen. Der Gymnasiast sackte mit Kopfschmerzen an der Wand zusammen und war nicht mehr ansprechbar. Die Lehrerin alarmierte den Notarzt - doch bis der kam, verging wertvolle Zeit.

Acht Minuten lang war der Schüler bewusstlos, ohne dass er von einem Laien reanimiert wurde - so ging es später aus dem Klinikbericht hervor. Der Schüler erlitt irreversible Hirnschäden wegen mangelnder Sauerstoffversorgung. Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert und muss rund um die Uhr betreut werden.

Hätte die Lehrerin mehr tun müssen? Hat der junge Mann Anspruch auf Schadensersatz? Der BGH schließt entgegen dem Urteil der Vorinstanz nicht aus, dass die Lehrerin und ein anwesender Kollege zu wenig getan haben.

"Das Haftungsprivileg für Nothelfer (§ 680 BGB) greift hier entgegen der Ansicht des Beklagten nicht", urteilte das Gericht. Denn es schütze nur diejenigen, die beim Helfen in einer spontanen Gefahrensituation zu falschen Mitteln greifen. Das treffe auf Sportlehrer nicht zu, die eine Ausbildung als Ersthelfer machen und mit Notfällen im Sportunterricht rechnen müssten.

Pflicht der Sportlehrer zur Ersten Hilfe

Damit betonte das Gericht die Pflicht der Lehrer zur Ersten Hilfe. Ob sie zu wenig getan haben, muss laut BGH im konkreten Fall nochmals untersucht werden. Bisher sei dies in den Vorinstanzen nicht ausreichend geschehen.

Die Vorinstanzen hatten geurteilt, dass nicht ausgeschlossen werden könne, "dass die Atmung des Klägers erst kurz vor dem Eintreffen der Rettungskräfte ausgesetzt habe oder dass selbst bei Durchführung einer bereits vorher gebotenen Reanimation der Kläger heute in gleicher Weise gesundheitlich beeinträchtigt wäre". Mit dieser Begründung schlossen sie die Haftung aus.

Der heute 24-Jährige fordert vom Land Hessen mindestens 500.000 Euro Schmerzensgeld, gut 100.000 Euro für die Erstattung materieller Schäden, eine monatliche Mehrbedarfsrente von etwa 3000 Euro sowie die Feststellung, dass Hessen auch für künftige Kosten aufkommen soll. Die Familie klage, damit so etwas nie mehr in einer Schule passiere, sagt der Vater. Und: "Wir wollen, dass unser Sohn versorgt ist, wenn wir nicht mehr sind."

Für den ehemaligen Schüler ist der BGH-Spruch ein Teilerfolg. Dass die Lehrer die Amtspflicht in dem Fall verletzt haben, wird vom Gericht angenommen. Ob dies der Grund für die Behinderung des Klägers war, muss noch festgestellt werden. Haften muss allerdings das Land Hessen, nicht die einzelne Lehrkraft.

sun/dpa

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