Angebote für Zuwanderer Bundesländer bieten mehr Unterricht in Herkunftssprachen an

Einst sollten Kinder der sogenannten Gastarbeiter Deutsch und die Sprache ihrer Eltern erlernen. Als Vorbereitung für eine Rückkehr ins Herkunftsland. Die Realität sieht heute meist anders aus.

Junge Flüchtlinge sitzen im Sprachunterricht (Symbolbild)
DPA

Junge Flüchtlinge sitzen im Sprachunterricht (Symbolbild)


Für immer mehr Schüler organisieren deutsche Behörden Unterricht an staatlichen Schulen in der Herkunftssprache ihrer Eltern. Gleichzeitig sinkt das Interesse an dem fremdsprachlichen Unterricht, den die Konsulate einiger Herkunftsländer anbieten - auch um die Bindung an die alte Heimat der Eltern oder Großeltern zu stärken.

Dieser für die Schüler freiwillige "Konsulatsunterricht" findet in staatlichen Schulen statt, wird aber von den Herkunftsländern selbst organisiert und bezahlt. Er war 1964 mit dem Ziel eingeführt worden, die Kinder von "Gastarbeitern" auf die Rückkehr ins Heimatland vorzubereiten. In Baden-Württemberg, wo Konsulatsunterricht in 14 Sprachen angeboten wird, sank die Zahl der teilnehmenden Schüler seit dem Schuljahr 2016/2017 um rund 6500 auf jetzt 35.417 Schüler.

Wie der Mediendienst Integration jetzt herausgefunden hat, bieten inzwischen nur noch Baden-Württemberg, Bayern, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Thüringen gar keinen staatlich organisierten herkunftssprachlichen Unterricht an.

In Bayern war er vor zehn Jahren "zugunsten einer Intensivierung der Deutschförderung" abgeschafft worden. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte dem Mediendienst, die Förderung von Deutschkenntnissen habe angesichts der weiter steigenden Zahl von Kindern mit Zuwanderungshintergrund an den Schulen Priorität.

Mehrsprachige Erziehung als Vorteil

Experten des Sachverständigenrats deutsche Stiftungen für Integration und Migration (SVR) halten diese Herangehensweise für falsch. Der stellvertretende Leiter des SVR-Forschungsbereichs, Simon Morris-Lange, weist auf Untersuchungen im Rahmen eines mehrjährigen Modellprojekts zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund hin. Diese hätten gezeigt, "dass herkunftssprachlicher Unterricht den Erwerb der deutschen Sprache nicht beeinträchtigt".

SVR-Forscherin Mohini Lokhande weist auf neurobiologische Studien hin. Diese ließen sogar vermuten, dass eine mehrsprachige Erziehung "kognitive Kompetenzen fördert, was mit einer Plastizität des Gehirns und einer stärkeren Vernetzung der Gehirnareale zusammenhängt". Kinder, die mit mehr als einer Sprache aufwachsen, könnten deshalb laut Lokhande später leichter eine dritte Sprache erlernen. Sie seien auch bei nicht sprachlichen Denkaufgaben im Vorteil. Ältere Erwachsene, die als Kinder mehrere Sprachen gesprochen haben, entwickeln ihren Angaben zufolge im Schnitt später als andere Menschen eine Demenz.

Womöglich mehr als nur Sprachunterricht

Nach Angaben des Bildungssenats bieten in Berlin aktuell sieben Konsulate Unterricht in der Herkunftssprache an. Insgesamt 1733 Schüler nehmen dieses Angebot wahr. Vor zwei Jahren waren es noch 2448 Schüler, die den Konsulatsunterricht nutzten.

Dass Berlin und andere Bundesländer ihr eigenes Angebot ausbauen, hat auch damit zu tun, dass man besonders im türkischen Konsulatsunterricht eine politische Einflussnahme fürchtet, die der Integration zuwiderlaufen könnte.

Beim Arabischunterricht geht es womöglich nicht nur darum, die Kinder auf eine möglicherweise eines Tages anstehende Rückkehr vorzubereiten. Der staatliche Unterricht bietet Flüchtlingseltern, die auf der Suche nach Arabischunterricht für ihre Kinder sind, auch eine Alternative zu den Angeboten der Moschee-Vereine.

Unterricht in 23 Sprachen

Obwohl die Zahl der arabischen Zuwanderer in den vergangenen Jahren zugenommen hat, gibt es für arabische Kinder bislang praktisch kein Angebot der Konsulate. Lediglich Tunesien bietet an wenigen Standorten arabischen Unterricht an. In Berlin besuchen dafür in diesem Schuljahr 201 Kinder mit arabischem Migrationshintergrund den herkunftssprachlichen Unterricht, den die Schulbehörde der Hauptstadt neuerdings anbietet.

Am breitesten aufgestellt ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW). Hier gibt es neben dem Konsulatsunterricht auch staatlich organisierten Unterricht in 23 Sprachen. Wie der Mediendienst Integration unter Berufung auf das Bildungsministerium von NRW berichtet, nehmen dort derzeit fast 97.800 Schüler am herkunftssprachlichen Unterricht teil. Darunter bilden die Türkeistämmigen mit knapp 44.000 Schülern die größte Gruppe. 14.550 Schüler nehmen am staatlichen Arabischunterricht teil. Knapp 10.800 Kinder und Jugendliche erhalten herkunftssprachlichen Unterricht auf Russisch.

Anne-Beatrice Clasmann, dpa



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fördeanwohner 30.03.2019
1. -
Wichtig ist auch, dass die Kids die Möglichkeit haben, Abschlussprüfungen wie den ESA oder MSA abzulegen, wenn sie erst drei Jahre in Deutschland leben. Dann würde Deutsch als Fremdsprache geprüft, Mathe in der Herkunftssprache und diese selbst eben auch. Wenn man bedenkt, dass in S-H alle Kids für ESA und MSA auch noch eine bestandene Projektarbeit mit schriftlichem Teil und Präsentation auf dem Zettel haben und Flüchtlinge nach drei Jahren in Deutschland niemals in den Anforderungen nachkommen können ... Lassen wir das. Unterricht in der Herkunftssprache sollte trotzdem nicht ausschließlich laufen, denn zur Integration gehört nun einmal, sich mit seinen Peers adäquat verständigen zu können. Wenn die Kids genügend Deutsch können, sollten sie einen solchen Unterrricht nur noch privat besuchen können.
MagittaW 30.03.2019
2. Es reicht der "Fremd"Sprachenunterricht
Wozu Muttersprachlicherunterricht? ALLE Bundesländer bieten Kinder mit Migrationshintergrund bereits heute kostenlosen Sprachunterricht in der Sprache ihrer Eltern an. Ein-Zwei Mal die Woche, ab der Grundschule. Das reicht doch. Warum sollen die Bundesländer extra noch einen Lehrer bezahlen, der Mathe und Biologie oder wer weiß was noch in der ersten Sprache unterrichtet. Damit tut man den Kindern wirklich keinen Gefallen, weil dann die Fachbegriffe im Deutschen fehlen. Förderunterricht in der Muttersprache, gerne - kompletter Unterricht in der Muttersprache - nein, Danke!
JackGerald 30.03.2019
3. Mehrsprachigkeit ist per se zu begrüßen
Aber wir sind hier immer noch in Deutschland, und wer hier auch nur den Hauch eines Erfolges haben will, der muss unsere Sprache beherrschen. Da eine mögliche Rückkehr ins Herkunftsland praktisch eher akademischer Natur ist, dürfte der Unterricht in Herkunfssprachen in den allerwenigsten Fällen zielführend sein - die sinkende Zahl der teilnehmenden Schüler sprciht für sich. Dann schon eher Chinesisch, als irgendeine völlig unbedeutende Sprache.
bran_winterfell 30.03.2019
4. "Unterricht in Herkunftssprachen"
Hm... irgendwie ist das seltsam - die ganze Zeit wird hier im Spiegel davon gesprochen, dass man Menschen NICHT danach fragen soll/darf, "woher sie denn kommen", weil diese Menschen und gerade die hier angesprochenen Schüler eben oft deutsch sind /b die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, und nun wird hier selbst von "Herkunftssprachen" geschrieben. Richtig konsequent ist das nicht...
amadeus300 30.03.2019
5. Nein, Nein und nochmals Nein
Im Artikel heißt es, "dass herkunftssprachlicher Unterricht den Erwerb der deutschen Sprache nicht beeinträchtigt". Aber ist das schon ein hinreichender Grund, um diesen Sprachunterricht staatlicherseits anzubieten ? In einer Sprache sind die Kultur, Werte, Normen und gesellschaftlichen Pflichten abgebildet. Mit dem selbstverständlichen Beibehalten und Weiterführung der Herkunftssprache wird eben diese Kultur weitertransportiert und es besteht eher die Gefahr, dass damit die Herkunftskultur "geadelt" und von Schülern und Gesellschaft unkritisch übernommen wird. Ich kann jedem nur einmal empfehlen, mit Lehrern und LEHRERINNEN einer Berufsschule mit hohem Migrationsanteil zu sprechen. Zum Teil erbärmlich schlechte Kenntnisse der deutschen Sprache und der gesellschaftlichen Werte. Niemand der Lehrer wird sagen, die Schüler müssten in ihrer eigenen Kultur unterrichtet werden.
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