Schulpolitik nach der Wahl "Nur fast so gut wie ein Smartphone"

Zwei Drittel der Deutschen fanden das Thema Bildung vor der Wahl am wichtigsten. Entsprechend abgestimmt haben sie nicht, sagt Pisa-Forscher Andreas Schleicher. Die Schüler brauchen dringend neue Kompetenzen.
Schüler in Berlin

Schüler in Berlin

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Andreas Schleicher ist ein deutscher Statistiker und Bildungsforscher. Er leitet bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Direktorat für Bildung und ist Chefkoordinator der Pisa-Studien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schleicher, 64 Prozent der Wähler haben vor der Wahl angegeben, dass Bildung für sie das wichtigste Thema ist. Haben die Deutschen unter diesem Gesichtspunkt richtig abgestimmt?

Schleicher: Nein. Wenn unserer Gesellschaft Bildung wirklich wichtig ist, müssen wir deutlich mehr tun, um an die internationale Spitze anzuschließen. In den letzten vier, sogar acht Jahren ist in Deutschland im Bildungsbereich relativ wenig passiert.

SPIEGEL ONLINE: Das Wahlprogramm der CDU war in erster Linie ein "weiter so", auch in der Bildungspolitik. Das ist also ein Problem?

Schleicher: Seit 2006 schneidet Deutschland bei den Pisa-Tests fast identisch ab - und das in einer deutlich veränderten Welt. Beim Universitätszugang hat es zwar Verbesserungen gegeben. Aber beim Leistungsniveau der Schulen verharrt Deutschland lediglich auf gutem Niveau. Das reicht heute im internationalen Vergleich nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Die AfD will in Sachen Bildung zurück zum dreigliedrigen Schulsystem und verlangt eine Rückkehr zur Vermittlung von Faktenwissen. Ist das Kreuzchen für die AfD auch ein Votum für eine rückwärtsgewandte Bildungspolitik?

Schleicher: Ja, das ist eine häufige Reaktion auf die immer schnelleren Veränderungen in der Welt: Dann hält man stärker an dem fest, was man gut kennt. Das ist aber ein Problem, da diese Art von Bildung für die die jungen Menschen zum großen Handicap wird: In Deutschland wird immer noch die Reproduktion von Faktenwissen trainiert. Doch die Dinge, die man leicht unterrichten, leicht testen kann, lassen sich eben auch leicht digitalisieren.

Deutschland ist laut den Pisa-Ergebnissen besonders gut in den Bereichen, die man auch leicht digitalisieren kann. Doch da, wo menschliche Fähigkeiten Computer ergänzen, kreatives Denken, Lösen komplexer Probleme gefordert ist, da schneidet Deutschland nicht besonders gut ab. Für die Schüler heißt das: Wenn sie nur fast so gut sind wie ein Smartphone, dann werden sie in der digitalen Welt verwundbar sein. Denn automatisierte Arbeitsplätze werden ersetzt. Bei einer solchen Bildungspolitik würden wir junge Menschen darauf vorbereiten, den Computern hinterherzulaufen anstatt vornewegzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der von Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigte Digitalpakt, der den Schulen Breitbandanschluss und Tablets bringen soll, eine Lösung?

Schleicher: Das ist eine gute Ausgangslage, die digitalen Kompetenzen stärker in den Unterricht einzubringen. Aber es geht nicht nur um Technikwissen, das können junge Menschen meist gut. Wir brauchen kein neues Schulfach. Vielmehr müssen sich alle Fächer stärker daran ausrichten, was Kompetenz im digitalen Zeitalter wirklich bedeutet. Man muss sich heute überlegen: Wo werden Menschen Computer ergänzen, was wird die Menschen befähigen, aus der Nutzung digitaler Technologien Potenzial zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Schleicher: Ja, die Lesekompetenz. Früher wurde das Verständnis linearer Texte geprüft: Wenn Sie irgendwo eine Antwort nicht wussten, konnten Sie im Lexikon nachschlagen und der Antwort auch vertrauen. Heute schlagen Sie bei Google nach und bekommen 80.000 Antworten und niemand sagt Ihnen, was richtig ist. Sie müssen Wissen konstruieren. Wenn wir den Schülern weiterhin das Verarbeiten linearer Texte beibringen, geht das an den Anforderungen vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Kommentatoren sagen, dass wir angesichts des Wahlergebnisses erst recht Zukunftsthemen anpacken müssen. Sehen Sie das auch so?

Schleicher: Absolut. Bildung ist die Währung der modernen Gesellschaft und sie hat einen hohen Inflationsgrad. Was man heute lernt, muss morgen nicht mehr gültig sein. Die Fähigkeit, sich selbstständig neues Wissen zu erarbeiten, über das Bestehende hinauszudenken, das ist heute die entscheidende Fähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wo hapert es bei der Umsetzung, was sind die drängendsten Probleme?

Schleicher: Die Ausbildung der Lehrer ist immer ein Thema, aber wichtiger ist, dass wir die Lernumgebung in den Schulen umgestalten. Lehrer haben im internationalen Vergleich kaum Zeit, neue Unterrichtskonzepte mit Kollegen zu entwickeln, sich weiterzubilden, zu hospitieren. Doch wenn wir wirklich neue Themen angehen wollen, brauchen wir mehr Freiräume für Lehrer.

Im Hinblick auf die Chancengleichheit müssen wir endlich die frühkindliche Bildung in den Blick nehmen. Studiengebühren für Studenten sind in Deutschland kaum noch Thema, aber im Kindergarten wird das nicht angefasst: Hier sind die Gebühren in manchen Bundesländern immer noch sehr hoch. Da müssten wir anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Die Ausstattung von Unis und Schulen ist auch stets ein Thema. Marode Gebäude, kaputte Sanitäreinrichtungen. Aber hat Deutschland angesichts des Wahlergebnisses nicht andere Sorgen als Schulklos?

Schleicher: Nein, denn hier zeigen sich typisch die Grenzen des deutschen Bildungssystems. Insgesamt wird für Bildung ja nicht wenig ausgeben, die Ausgaben liegen im guten Mittelfeld, doch die Bürokratie hat derart starre Grenzen, dass wichtige Ausgaben nicht geleistet werden. Die Lehrer werden über die Länder bezahlt, relativ gut. Aber die Schulen müssen über die Gemeinden finanziert werden, und die haben kein Geld. Sie haben also teuer bezahlte Lehrkräfte, die in maroden Schulen arbeiten. Wenn sie als junger Mensch aufwachsen und sehen, dass das schlechteste Einkaufszentrum in der Nachbarschaft so viel besser ausgestattet ist als ihre Schule, was vermittelt das für einen Wert von Bildung?

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