Bundeswehr an Schulen Das machen Jugendoffiziere und Karriereberater

In Berlin will die SPD umsetzen, was Kinderrechtsaktivisten schon lange fordern: Minderjährige sollen nicht für die Bundeswehr geworben werden. Die Aufregung darüber halten die Sozialdemokraten für ein Missverständnis.
Ein Oberleutnant spricht vor einer Klasse in Bayern (Archivbild)

Ein Oberleutnant spricht vor einer Klasse in Bayern (Archivbild)

Foto: Patrick Seeger / DPA

Der Rechner friert ein, blauer Bildschirm, ein lautes Ping: Wenn ein Jugendoffizier einen Vortrag im Klassenzimmer hält, dann können Schüler die dramatischen Folgen eines Cyberangriffs anschaulich erleben. Denn: "Wie spannend Politik sein kann, vermitteln die Jugendoffiziere auf ganz praktische Art und Weise", schreibt die Bundeswehr  über die Arbeit ihrer Bildungsbeauftragten.

Rund 5800-mal haben rund 70 Jugendoffiziere der Bundeswehr im vergangenen Jahr Schulen besucht und den Schülern von ihrer Arbeit erzählt. Bei ihren Vorträgen, die neben Podiumsdiskussionen und Seminaren den größten Teil der Veranstaltungen ausmachen, geht es laut dem letzten Jahresbericht der Jugendoffiziere  um die Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert und Auftrag und Aufgaben der Bundeswehr.

Kapitänleutnant Hans Wachtel ist seit Juli 2016 als Jugendoffizier an Berliner Schulen unterwegs. "Wir können Informationen vermitteln, die authentisch sind", sagt er dem SPIEGEL über seine Arbeit.

Am häufigsten berichte er auf Wunsch der Schulen über Auslandseinsätze. Die Schüler verstünden nur wenig von Sicherheitspolitik, sagt er. "Dass das Parlament über Auslandseinsätze entscheidet, wissen maximal 50 Prozent."

Was der Jugendoffizier im Gespräch immer wieder betont: "Wir machen keine Werbung." Er informiere nur über die Aufgaben der Bundeswehr - und empfehle niemandem, Soldat zu werden.

Antrag der SPD war wohl anders gemeint

Seine Arbeit wurde in den vergangenen Tagen infrage gestellt. Denn die Berliner SPD hat auf ihrem Parteitag am Wochenende gefordert, "militärischen Organisationen" zu untersagen, an Berliner Schulen "für den Dienst und die Arbeit im militärischen Bereich zu werben".

Die Empörung - auch bei den Genossen auf Bundesebene - war groß. Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) twitterte, er sei entsetzt über den Beschluss der Berliner SPD, Jugendoffizieren die Schulen zu verbieten. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einem "Schlag ins Gesicht aller Soldatinnen und Soldaten", auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) kritisierte den Beschluss.

So war der Antrag der SPD aber offenbar gar nicht gemeint. Die Pressesprecherin der Berliner SPD, Birte Huizing, sagt, die Begründung des Antrags  lasse zwar Missverständnisse zu. Denn da wird explizit die Arbeit der Jugendoffiziere angeführt. Die Partei habe aber nur das Werbeverbot für alle militärischen Organisationen an Schulen beschlossen. Und davon seien die Jugendoffiziere nicht betroffen. "Die dürfen weiter in die Schule."

Jugendoffiziere ja, Karriereberater nein

Ausgeschlossen werden sollen hingegen die Soldaten, die als Karriereberater unterwegs sind. Rund 400 hatte die Bundeswehr laut den jüngsten verfügbaren Zahlen 2017  bundesweit im Einsatz. Mit Vorträgen in Schulen, bei Ausstellungen, Projekttagen, Jobmessen und ähnlichen Veranstaltungen auf dem Schulgelände erreichten sie über 330.000 Schülerinnen und Schüler.

Im Gegensatz zu den Jugendoffizieren sollen die Karriereberater tatsächlich für die Bundeswehr als Arbeitgeber werben - und tun das offenbar mit Erfolg: Die Beratung habe "zu einer guten Bedarfsdeckung der Bundeswehr beigetragen", bilanziert die Bundesregierung auf Anfrage der Partei Die Linke.

Die Zahl der Minderjährigen in der Bundeswehr ist tatsächlich hoch: 2018 hat sie 1679 minderjährige Soldaten eingestellt. 2017 war mit 2128 minderjährigen Rekruten ein neuer Rekord aufgestellt worden, seit die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde.

Die SPD in Berlin hat laut Pressesprecherin Huizing etwas gegen Minderjährige in der Bundeswehr - und will die Arbeit der Karriereberater an Schulen deshalb unterbinden.

Kampagne gegen Minderjährige in der Bundeswehr

Mit diesem Anliegen ist die Partei nicht allein. Erst vergangene Woche hat ein breites Bündnis von Nichtregierungsorganisationen - darunter die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), das Kinderhilfswerk Terre des Hommes und die Ärzteorganisation IPPNW - die Kampagne "Unter 18 nie! Keine Minderjährigen in der Bundeswehr" gestartet.

Ihre Forderungen:

  • Das Rekrutierungsalter für den Militärdienst soll auf 18 Jahre angehoben werden.
  • Jegliche Bundeswehrwerbung bei Minderjährigen soll verboten werden.

Als Beispiel führen die Macher die Werbung zum sogenannten Girls' Day an: Unter Überschriften wie "Ein Tag als Soldatin" oder "Attraktive Uniformen" seien mit bundesweit mehr als 3.600 Angeboten der Bundeswehr bereits Fünftklässlerinnen angesprochen worden.

Kritik an einseitiger Darstellung

Die Forderung hat auch im Bundestag Fürsprecher - und zwar parteiübergreifend. Bereits 2016 hatte sich die Kinderkommission, in der sich jeweils ein Abgeordneter der Bundestagsparteien für die Belange von Kindern einsetzen soll, für ein Werbeverbot stark gemacht .

Die Politiker berufen sich dabei auch auf die Uno, die Deutschland wiederholt dazu aufgefordert hat, keine Minderjährigen anzuwerben und Werbung bei Kindern zu verbieten - bisher ohne Erfolg.

Gegen reine Informationsveranstaltungen hat die Kinderkommission hingegen nichts. Die Arbeit der Jugendoffiziere betrachtet sie in ihrem Bericht trotzdem kritisch: Die Jugendoffiziere hätten als bezahlte Kräfte einen privilegierten Zugang zu den Schulen, es gebe zu wenig Gegenstimmen etwa aus der Friedensbewegung, da diese ehrenamtlich arbeiteten. Die Rolle der Bundeswehr oder auch die Diskussionen über Auslandseinsätze werde zu einseitig dargestellt, heißt es in dem Bericht.

Der Berliner Jugendoffizier Hans Wachtel sieht das nicht so. "Wir dürfen uns auch kritisch äußern", sagt er. Kämen Fragen über Tod und Verwundung oder Belastungsstörungen, verschweige er nichts. "Der Beruf des Soldaten ist kein normaler Beruf", sage er den Schülern dann, "sondern birgt gewisse Herausforderungen und Gefahren".

Mit Material von AFP und dpa