Bundeswehr-Roulette Die Mogelpackung namens Musterung

Jeder Zweite wird ausgemustert, nur jeder Sechste rückt in die Kaserne ein - mit dem Bescheid "untauglich" schickten die Kreiswehrersatzämter im letzten Jahr so viele junge Männer nach Hause wie noch nie. Jetzt fordern Politiker und Verbände, die Wehrpflicht auszusetzen.


Nur die Hälfte aller jungen Männer muss in die Kaserne oder Zivildienst machen - aber die Bundeswehr hält hartnäckig an der Behauptung fest, es gebe so etwas wie eine "Wehrgerechtigkeit". Von 451.300 gemusterten Wehrpflichtigen entsprachen 2007 nur 54,9 Prozent den körperlichen und psychischen Anforderungen für den Dienst an der Waffe. 44,9 Prozent der Gemusterten wurden wieder nach Hause geschickt.

Bundeswehrsoldaten: Verfall der Wehrtauglichkeit
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Bundeswehrsoldaten: Verfall der Wehrtauglichkeit

Es sind die höchsten Ausmusterungszahlen in der Geschichte der Bundeswehr - Kritiker halten sie für "politisch gewollt, um Wehrgerechtigkeit vorgaukeln zu können", bei den Einberufungen werde "manipuliert", sie seien "willkürlich vorgenommen worden". Es gehe darum, Wehrpflichtige aus der Statistik herauszurechnen, um bei dem nachlassenden Bedarf an Soldaten den Anschein von Wehrgerechtigkeit zu wahren.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagt immer wieder, es herrsche in Deutschland Wehrgerechtigkeit. Sein Ministerium wies am Dienstag erneut den Vorwurf zurück, die hohen Ausmusterungszahlen seien "politisch gewollt oder willkürlich".

"Die Fiktion von Wehrgerechtigkeit simulieren"

Der Grünen-Wehrexperte Winfried Nachtwei sagte, der mit den Zahlen für die Ausmusterungen behauptete Verfall der Wehrtauglichkeit von jungen Männern sei völlig unglaubwürdig. Das Musterungsverfahren sei inzwischen zu einem "Scheunentor der Manipulation geworden". Der Anteil der für den Wehrdienst zur Verfügung Stehenden werde "so reduziert, dass am Ende die Fiktion von Wehrgerechtigkeit simuliert werden kann".

Seit Jahren steigt die Quote der jungen Männer, die ausgemustert werden: 16,9 Prozent waren es 2002, 32,6 Prozent waren es 2004, im vergangenen Jahr ist die Zahl bei 44,9 Prozent angekommen. Ein Grund: Die Tauglichkeitskriterien waren vor vier Jahren nach oben geschraubt worden. Die eingeschränkte Tauglichkeit "T 3" wurde abgeschafft. 1990 zählte die Bundeswehr 490.000 Soldaten. Heute sind es nur noch 250.000 Mann.

Wer wird gezogen? Wer nicht? Wehrpflicht als Lotterie

FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff hält es für eine "Mogelpackung", dass die Bundeswehr die Tauglichkeitstufe "T 3" abgeschafft hat. Nur so könne noch kaschiert werden, dass die Bundeswehr deutlich weniger wehrpflichtige Soldaten benötigt, als zur Verfügung stehen.

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Wenn weniger als 17 Prozent der verfügbaren jungen Männer Wehrpflicht leisten, könne von Wehrgerechtigkeit keine Rede mehr sein. Die Wehrpflicht müsse ausgesetzt werden, so Hoff. Ihre Fraktionskollegin Birgit Homburger sagte, die Wehrpflicht sei zu einer "unzumutbaren Lotterie verkommen". Die Einberufungspraxis sei eine "Farce".

Es sei inzwischen überhaupt nicht mehr klar, wer gezogen wird und wer nicht, sagte auch Herbert Schulz von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer. Schon vor vier Jahren hatte der Bonner Student Christian Pohlmann gegen die Einberufungspraxis geklagt. Er begründete sein Vorgehen damit, dass die Wehrgerechtigkeit nicht mehr sichergestellt sei, wenn nur noch etwa einer von sieben Männern zur Bundeswehr müsse. Die Einstufung habe nichts mit der Gesundheit oder Vernunft des Einberufenen zu tun. Die gesamte Musterung sei zu einer Farce geraten.

Das Kölner Verwaltungsgericht hatte die Einberufung Pohlmanns aufgehoben. Die Bundesregierung wehrte sich dagegen. Seit April 2005 liegt die Sache beim Bundesverfassungsgericht. Eine Entscheidung in letzter Instanz steht weiter aus.

Friedrich Kuhn, ddp

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delta058 29.08.2007
1.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden derzeit aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Tja, mein Bruder wurde als T1 gemustert und am Tag meiner Vereidigung wurde er arbeitslos und blieb es für die nächsten 9 Monate (mit kleinen Unterbrechungen). Es wundert mich bis heute warum der nie eingezogen wurde, ich meine wie oft hat man schon einen T1?
San Juan, 30.08.2007
2. Politik
Bei allem, wo Politiker ihre Dreckspfoten reinstecken, kann nur noch Dreck rauskommen. Warum sollte es bei der Wehrgerechtigkeit anders sein. Es gibt genügend Juristen in der Politik. Da wird man doch eine Vergewaltigung schon mal eine Wohltat nenen dürfen.
ax0l0tl 30.08.2007
3.
Fuer maennliche Studenten, die ihr Studium vor Einfuehrung der Studiengebuehren begonnen haben und Wehrpflicht oder Ersatzdienst, also einen Dienst zum Wohle der Allgemeinheit, getaetigt haben ist die Tatsache, dass Gleichaltrige nicht zum "Bund" mussten, sprich ein Jahr laenger umsonst studieren konnten, ein Schlag ins gesicht.
teuton1c 30.08.2007
4. Da wundert sich einer?
Es ist doch völlig logisch, dass die Bundeswehr, die ohnehin chronisch unterfinanziert ist, zusieht, dass sie sich keine vorbelasteten Halbinvaliden holt. Kann sich hier überhaupt jemand vorstellen, wie Bundeswehrärzte, Zahnärzte etc. von Wehrpflichtigen belagert werden, die noch schnell einen kostenlosen Zahnersatz brauchen? Oder von Rekruten, die sich am Wochenende beim Fußball die Knochen kaputt treten lassen und dann montags freudestrahlend im Bundeswehrkrankenhaus sitzen? Ich kann dieses ganze gemeckere nicht nachvollziehen. Ich wollte den Grundwehrdienst als unverbindliche Probezeit nutzen, um herauszufinden, ob ich die Offizierlaufbahn einschlagen will. Ich bin während meiner Ausbildung T1 gemustert worden, weil ich gesagt hab 'nein, nein, gegen den Heuschnupfen brauch ich keine Medikamente, so wild ist das nicht' und dann hab ich mich bis zum Ende der Ausbildung zurückstellen lassen. Mit bestandener Prüfung habe ich mich beim KWE gemeldet und konnte mir einen Ort zum Dienst und die damit verbundene Tätigkeit AUSSUCHEN! Ich bin als Informatikkaufmann mit offenen Armen empfangen worden! Da geblieben bin ich zwar doch nicht, aber das hatte nichts mit den Strukturen der Bundeswehr zu tun. Ich wüsste nicht worüber man sich in dieser ganzen Angelegenheit beschweren sollte. Ich kann ganz gut verstehen, dass die BW sich geeignete GWDL rauspickt, von denen sie profitiert und wo sie nicht nur Geld hinterherschmeißt. KNT
SHODAN_NET, 30.08.2007
5.
Vor paar Jahren wurde ich auf T2 gemustert. Gab auch noch T7er. Aber was heute praktiziert wird, ist ja doof. Dann sollte man die Wehrplficht gleich abschaffen und einen sozialen Dienst für Frauen und Männern einführen. Die bestehende Regelung diskriminiert Männer ohnehin!
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