Urteil zu Schwimmunterricht Die deutsche Burkini-Normalität

Das Bundesverwaltungsgericht erklärt: Es ist muslimischen Mädchen zuzumuten, mit Jungen am Schwimmkurs teilzunehmen. Man könne die gesellschaftliche Realitäten nicht ausblenden. Und da wird der Burkini längst getragen.

2008 veröffentlichte die Deutsche Islam Konferenz eine aufschlussreiche Studie: Gerade einmal 3,5 Prozent der muslimischen Schülerinnen in Deutschland nehmen aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht mit Jungen teil, vorausgesetzt dieser wird an ihrer Schule überhaupt angeboten. Die absoluten Zahlen sind gering.

Die bundesweite Bedeutung, die der Frage beigemessen wird, ob Musliminnen dem Schulschwimmen fernbleiben dürfen, ist dafür umso größer. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sollte sie zu diesem Mittwoch grundsätzlich klären. Das Frankfurter Helene-Lange-Gymnasium hatte ein muslimisches Mädchen zur Teilnahme am Schwimmunterricht verpflichtet. Sie könne, so das Argument des Kultusministeriums, notfalls einen Burkini, also einen langärmligen Badeanzug, tragen. Die Eltern hatten dagegen geklagt. In dem Streit kollidieren Religionsfreiheit und der Erziehungsauftrag des Staates.

Die Leipziger Richter haben nun entschieden: Es ist muslimischen Schülerinnen zuzumuten, gemeinsam mit Jungen zu schwimmen - zumal im Burkini. Sie taten gut daran.

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Muslimische Mädchen im Burkini: Hier gerät die Schulpflicht ins Schwimmen

Foto: Rolf Haid/ picture-alliance/ dpa

Konservative Politiker und Kommentatoren hatten im Vorhinein gewarnt, das Entstehen von Parallelwelten müsse verhindert werden. Manche erkannten in dem Unwillen von Musliminnen, am koedukativen Schwimmunterricht teilzunehmen, gar ein Zeichen für die schleichende Islamisierung Deutschlands. Heute das Schwimmen, morgen die Scharia. Dieser Haltung liegt eine Form von antimuslimischem Rassismus zugrunde, der in Deutschland auch im Jahr drei nach Thilo Sarrazin weit verbreitet ist.

"In der Praxis lassen sich häufig Kompromisse finden"

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist aus anderen Gründen richtig: Es trägt der neuen deutschen Normalität Rechnung. An deutschen Großstadtschulen ist es längst Alltag, dass muslimische Schülerinnen beim Baden einen Burkini tragen. Eine Lehrerin aus Freiburg zum Beispiel hatte bereits vor Jahren Ganzkörper-Badeanzüge angeschafft. Und am Helene-Lange-Gymnasium der marokkanisch-stämmigen Schülerin haben acht von zehn Schülern einen Migrationshintergrund; viele sind Muslime, etliche nehmen verhüllt am Sportunterricht teil.

Muslimische Schülerinnen, die das Schwimmen verweigern, wenden ein: Trotz Burkini zeichneten sich Körperumrisse ab. Außerdem würden sie sich schämen, Jungen in Badehose zu sehen. Auch in dem Fall am Helene-Lange-Gymnasium spielte diese Argumentation eine Rolle. Das Bundesverwaltungsgericht ließ sie, wie schon zuvor das Oberverwaltungsgericht in Kassel, nicht gelten. Die religiösen Empfindungen der muslimischen Schülerin seien durch den Burkini ausreichend berücksichtigt. Für eine gänzliche Befreiung vom Schwimmunterricht bestehe kein Anlass.

Auch den Anblick von Jungen in Badehose müsse ein Mädchen auf sich nehmen, entschieden die Richter. Denn das Grundrecht der Glaubensfreiheit umfasse "grundsätzlich keinen Anspruch" darauf, dass man im Schulalltag vor Gewohnheiten und Kleiderauswahl anderer geschützt wird - zumal kurze Hosen auch außerhalb der Schule verbreitet sind. Es könne, so die Richter, nicht verlangt werden, dass der Unterricht "die gesellschaftliche Realität ausblendet", nur weil Einzelne sie aus religiösen Gründen als anstößig empfinden mögen. Die Gefahr zufälliger Berührungen mit männlichen Mitschülern wiederum könnten durch eine "umsichtige Unterrichtsdurchführung" sowie durch "eigene Vorkehrungen der Klägerin" auf ein "hinnehmbares Maß reduziert werden".

"In der Praxis lassen sich häufig Kompromisse finden", sagt auch der Erlanger Islamrechtsexperte Mathias Rohe: Etwa, indem muslimische Mädchen am Beckenrand einen Bademantel tragen, und der Unterricht so organisiert wird, dass Körperkontakt mit Jungen ausbleibt. Der Islam, darauf weist Rohe zu Recht hin, gehört zu Deutschland - mit allen Rechten und Pflichten.

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