Debatte über Deutschpflicht für Grundschüler "Es ist offensichtlich, dass der Mann keine Ahnung hat"

Solange Kinder kaum Deutsch sprechen können, muss notfalls ihre Einschulung zurückgestellt werden - das fordert CDU-Politiker Carsten Linnemann. Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin hält das für Unfug.

Carsten Linnemann
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SPIEGEL ONLINE: Frau Gogolin, der CDU-Politiker Carsten Linnemann hat gefordert, Kinder erst zur Schule gehen zu lassen, wenn sie Deutsch sprächen. Was halten Sie von diesem Vorstoß?

Gogolin: Es ist offensichtlich, dass der Mann keine Ahnung hat. Es ist totaler Unsinn, Kinder von der Schule fernzuhalten, bevor sie Deutsch sprechen. Denn es ist ja gerade die Aufgabe der Bildungsinstitutionen in Deutschland, Schülern Deutsch beizubringen. Kindergärten und auch Schulen haben gar keinen anderen Existenzzweck, als dass sie den Kindern das beibringen sollen, was Kinder können müssen, um in einer Gesellschaft Erfolg zu haben. Das ist der Sinn von Bildungseinrichtungen.

Zur Person
  • Markus Scholz/ Scholzfoto
    Ingrid Gogolin lehrt als Professorin für Interkulturelle Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Im Besonderen forscht sie zu sprachlicher Bildung und Mehrsprachigkeit sowie zu multilingualen Schulen.

SPIEGEL ONLINE: Handelt es sich bei der Forderung von Herrn Linnemann also um reinen Populismus?

Gogolin: Herr Linnemann folgt mit dieser Idee einer guten Tradition, die Forderung kam schon ungefähr zehn Mal aus seiner Partei. Vielleicht hat der junge Mann Probleme, sich bekannt zu machen? Und jetzt nutzt er das Sommerloch. Fakt ist: Kinder, die in Deutschland leben, lernen alle in irgendeiner Form Deutsch außerhalb der Schule. Die Schule aber hat ihnen das Deutsch beizubringen, mit dem sie sich Bildung erobern können, Lesen und Schreiben etwa. Das ist eine völlig andere Art von Deutsch als alltägliche Umgangssprache, und die lehrt eben keine Familie. Das gilt genauso für Kinder, die von deutschen Eltern abstammen, wie für diejenigen, die keine deutschen Eltern haben.

SPIEGEL ONLINE: Für eine Lehrkraft ist es sicher aber erst einmal eine Herausforderung, wenn in einer Klasse einige Schüler kein Deutsch beherrschen.

Gogolin: Das ist absolut richtig, sofern die Lehrkraft nicht weiß, wie sie mit dieser Situation umgehen kann. Es ist aber inzwischen seit mehr als 50 Jahren so, dass die Schülerschaft sprachlich sehr heterogen ist und mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen in die Schule kommt. Viele Schulen sind darauf bereits sehr gut vorbereitet. Es ist also eine Frage von Qualifizierung und von Unterrichtsgestaltung, damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kinder kommen ohne ausreichende Deutschkenntnisse an die Schule?

Gogolin: Dazu gibt es keine bundesweiten Zahlen, nur regionale Erhebungen. Das Einzige, was die Lage verändert haben könnte, sind die Flüchtlinge, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Aber Neuzuwanderer wird es immer geben, damit müssen wir umgehen können. Hier wird wieder einmal ein Popanz aufgebaut, der sich empirisch nicht halten lässt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Ursachen dafür, wenn ein Kind im schulpflichtigen Alter noch kein Deutsch beherrscht?

Gogolin: Diesen Fall gibt es so gut wie nicht. Er kommt nur zustande, wenn Kinder neu zuwandern. Alle Kinder, die hier geboren sind und in Deutschland aufwachsen, kommen auf irgendeine Art und Weise mit der deutschen Sprache in Berührung und beherrschen sie auch zu einem gewissen Grad. Natürlich gibt es aber Kinder, die mehrsprachig aufwachsen und ein anderes sprachliches Repertoire mitbringen als Kinder, die einsprachig erzogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Problem, wenn Kinder zuerst eine andere Sprache als Deutsch lernen?

Gogolin: Nein, das ist überhaupt nicht schlimm. Für Kinder ist es vollständig egal, ob sie von Anfang an eine, zwei, drei oder auch vier Sprachen lernen. Sie können auch im Nachhinein noch genauso gut Deutsch lernen, wenn man sie entsprechend fördert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Förderung braucht ein Kind, um möglichst früh und gut Deutsch zu lernen, wenn es eine andere Muttersprache hat?

Gogolin: Wir empfehlen, dass die Eltern die Sprache mit den Kindern sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Sie sollten die Kinder sprachlich so fit wie möglich machen, egal in welcher Sprache. Dann kommen Kinder auch ganz schnell ins Deutsche.

SPIEGEL ONLINE: Herr Linnemann forderte auch eine Vorschulpflicht für Kinder, die noch kein Deutsch beherrschen. Ergibt das Sinn?

Gogolin: Wir sind ein Land, in dem die Schule im Vergleich sehr spät beginnt. Ich bin deshalb eindeutig für eine frühere Schulpflicht. Es schadet überhaupt nichts, wenn Kinder schon früher in die Bildungseinrichtungen gehen, so wie etwa in Frankreich oder in England. Das gilt aber für alle Kinder und nicht nur für einzelne.

SPIEGEL ONLINE: Welche frühkindliche Förderung wäre sinnvoll?

Gogolin: In Hamburg etwa absolvieren alle Kinder mit fünf Jahren einen Test und erhalten im Bedarfsfall die Empfehlung, in die Vorschule zu gehen und nicht mehr in den Kindergarten. Dort bekommen sie mehr systematische Unterstützung, sowohl beim Deutschlernen als auch etwa bei der Vorbereitung auf den Mathematikunterricht oder das Lernen überhaupt. Aber hier haben alle Bundesländer ihre eigenen Modelle.

SPIEGEL ONLINE: Woran fehlt es Ihrer Meinung nach, damit möglichst alle Kinder mit den gleichen Bedingungen die Schule beginnen?

Gogolin: Es ist eine historisch unsinnige Idee, dass alle Kinder mit den gleichen Voraussetzungen in die Schule kommen sollten. Das wird nie der Fall sein, denn dafür müssten alle Kinder unter denselben Lebensbedingungen aufwachsen. Die Schule hat also die grundsätzliche Aufgabe, Kinder mit sehr unterschiedlichen Vorbedingungen zu einem Ziel zu führen. Die Schule muss daher immer differenzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das umsetzen?

Gogolin: Das bedeutet, dass es in der Schule spezielle Förderangebote geben muss. Dabei darf es nicht nur darum gehen, Deutsch zu erlernen - die Kinder müssen auch in ihrer Muttersprache geschult werden, also auch Arabisch, Türkisch oder Chinesisch lesen und schreiben lernen. Ich habe das gerade in Toronto in Kanada erlebt. Dort wachsen viele Kinder zweisprachig mit Englisch und einer anderen Sprache auf. In der Schule erhalten sie eine Förderung in beiden Sprachen. Trotzdem findet der Unterricht in einer Regelklasse statt. Es profitieren deshalb auch die Kinder, die einsprachig aufwachsen - denn viele Studien haben bewiesen, dass Mehrsprachigkeit eigentlich eine sehr gute Voraussetzung fürs Lernen ist.



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