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13. Juni 2018, 09:49 Uhr

Mobbing an Schulen

"Dann brennt bald die ganze Bude"

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Carsten Stahl wurde jahrelang von Mitschülern verprügelt und schikaniert. Nun kämpft er in Schulen gegen Mobbing - auf ungewöhnliche Weise.

Carsten Stahl hat sich beim Sturz auf die Lippe gebissen, Blut quillt aus seinem Mund, so viel, dass er es herunterschlucken muss. Er ist in eine drei Meter tiefe Baustellengrube gefallen, nachdem er von einem 15-Jährigen geschubst worden war. Da liegt er nun, eine Rippe ist gebrochen, es ist Spätherbst, es ist kalt und dunkel. Die Jungs stehen noch oben am Rand der Grube und lachen, als sie ihre Hosen runterlassen und auf den Zehnjährigen herunterpinkeln.

Mehr als 35 Jahre später steht Carsten Stahl vor den siebten und achten Klassen der Sekundarschule Campus Technicus in Bernburg, das im Salzlandkreis zwischen Magdeburg und Halle liegt. Stahl sagt den Schülern, er habe damals nicht gefunden werden wollen. "Ich wollte nur noch sterben." Es ist still in der Aula und kaum auszuhalten, was Stahl erzählt. Ein paar Schüler fangen an zu weinen, andere schauen auf den Boden.

Weil er damals kleiner und dicker war als andere Schüler, weil er Sommersprossen und leicht rötliche Haare hat, wurde Stahl zum Opfer. Immer wieder schikanierten ihn Mitschüler und Jungs aus höheren Klassen. Stahl wuchs in Berlin-Neukölln auf, wo Kinder Gefahr laufen, verprügelt zu werden, wenn sie den falschen Weg nach Hause wählen. Jahrelang wurde der Junge gemobbt, traute sich aber nicht, jemandem davon zu erzählen, weil er Angst hatte, die Jungs würden seiner Mutter die Kehle durchschneiden.

Über Gewalt an Schulen wird seit einigen Monaten wieder vermehrt in den Medien und in Talkshows diskutiert. Lehrer der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken klagten im Dezember über ein Klima der Angst, Aggressivität und Respektlosigkeit. An einer Grundschule in Sachsen-Anhalt berichteten Lehrer im Februar in einem Brief über "extreme körperliche Gewalt". Und aus einer Schule in Oberbayern hieß es im März, die Lehrer hätten die Kontrolle über den Unterricht verloren.

Seit Jahren scheinen Gewalt und Mobbing an Schulen zuzunehmen, verlässliche Zahlen dazu gibt es kaum, lediglich aus den Bundesländern Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Dort haben Straftaten an Schulen einer aktuellen Polizeistatistik zufolge zugenommen. Und laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) sind in den vergangenen fünf Jahren Schüler und Eltern an fast jeder zweiten Schule in Deutschland gewalttätig gegenüber Lehrern geworden.

Eltern und Lehrer scheinen überfordert und Politiker ideenlos im Kampf gegen Gewalt und Mobbing. Und genau hier setzt Carsten Stahl an. Er ist nicht der einzige Mobbing-Experte in Deutschland und auch nicht der Einzige, der Seminare an Schulen anbietet - aber er hat einen Vorteil: seine Vergangenheit.

Von seinem Dasein als Opfer befreite er sich damals mit viel Sport, erst Fußball und Tennis, später Kraftsport. Mit den wachsenden Muskeln kam das Selbstbewusstsein. Stahl begann damit, zurückzuschlagen. Wer ihn herausforderte, auf den prügelte er hemmungslos ein. Das verschaffte ihm Respekt, irgendwann hänselte ihn niemand mehr, keiner griff ihn mehr an.

In Bernburg lässt Stahl die Schüler alle Schimpfwörter zusammentragen, die sie kennen. Ein Junge schreibt sie auf. Hurensohn, Schlampe, Wichser, Reagenzglaskind. Die Liste wird lang. Die Schüler lachen. Doch komisch findet Stahl das nicht. "Es ist traurig, dass ihr euch gegenseitig dabei anfeuert", ruft er ihnen zu. Später fragt er, wie viele Schüler schon einmal gemobbt worden seien, fast alle heben die Hand. Dann will er wissen, wie viele Schüler selbst schon einmal jemanden beleidigt, geschlagen oder gemobbt hätten, wieder heben fast alle die Hand. "Mobbing ist wie ein Feuer, wenn es einmal im Papierkorb brennt, dann brennt bald die ganze Bude", sagt Stahl.

Luisa Liebefinke hat er es zu verdanken, dass er an diesem Tag im Mai vor den Bernburger Schülern stehen darf. Sie koordiniert das Bundesprogramm "Demokratie leben!" und hat Stahl eingeladen. "In vielen Schulen ist Mobbing ein Problem, aber es wird nichts dagegen unternommen", sagt sie. Auch am Campus Technicus in Bernburg gebe es Situationen, in denen es zu gewalttätigen Handlungen komme, sagt Schulleiterin Christine Brauns. Es werde gemobbt, wobei bei den Schülern das Wort "Mobbing" auch für Streitigkeiten und andere Konflikte stehe. Erst im September wurde ein Achtklässler zusammengeschlagen, wie die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet hat.

Die Schulleiterin fühlt sich alleingelassen. Es gebe zwar auch zwei Sozialarbeiter, aber "die Schule braucht mindestens vier". Sie hält einen Einsatz von Carsten Stahl für sehr sinnvoll. "Er kann sich äußern, wie es ein Lehrer nicht kann", sagt sie. "Er ist authentisch, wenn er seine Geschichte erzählt, die Schüler hören ihm zu."

Dabei ist Stahl durchaus umstritten. Nach seinem Schulabschluss kam er damals auf die schiefe Bahn, wurde Chef einer kriminellen Gang. Er fing an, Drogen zu nehmen, rutschte immer tiefer ab. Einige Jahre später stiegt er aus, weil er einen Sohn bekommen hatte und etwas Besseres für ihn wollte. Er kaufte sich frei, fing ein neues Leben an. Stahl kam zum Fernsehen und löste als fiktiver Privatdetektiv Fälle auf RTL 2. Dort war er auch in der Sendung "Stahl:hart gegen Mobbing" zu sehen.

Trashig ist das schon, aber genau das kommt bei den Jugendlichen an. In Bernburg wollen viele Fotos mit Stahl - sogar die Mutter einer Schülerin, die extra zum Workshop mitgekommen ist.

Wenn Stahl von seiner Vergangenheit berichtet, dann schreit er meist. Ein Satz nach dem anderen, wie eine Waffe. Pah! Pah! Pah! Pah! Pah! Egal ob er Lehrern, Schülern oder Journalisten von seinem Leben erzählt, er brennt für seine Mission.

Seit vier Jahren kämpft er schon gegen mobbende und schlagende Schüler. Damals kam sein sechs Jahre alter Sohn nach dem zweiten Schultag nach Hause, und als die dreijährige Schwester fragte, wie es gewesen sei, schrie er sie an: "Halt die Fresse, fick dich!" Der Junge war verprügelt worden und musste seinen Frust rauslassen. Und weil Stahl nicht wollte, dass sich die Geschichte wiederholte, widmete er sein Leben dem Kampf gegen Mobbing.

Der Anfang sei schwer gewesen, Schulleiter nahmen ihn nicht ernst, wollten ihn nicht vor ihre Kinder lassen. Doch Stahl gab nicht auf, verteilte fleißig Flyer und gründete die Initiative "Stoppt Mobbing". Mit Erfolg: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will sich mit Carsten Stahl treffen. Sie kündigte unlängst auch an, in diesem Jahr 20 Millionen Euro zusätzlich für Anti-Mobbing-Profis auszugeben. Sie erhalten zurzeit erste Schulungen und sollen nach den Sommerferien mit ihrer Arbeit an den Schulen beginnen.

Stahl sieht sich selbst als führenden Mobbing-Experten des Landes, obwohl er keine akademischen Titel hat, wie er immer wieder betont, aber gleich hinterherschiebt: "Ich kann das". Stahl wirkt vor den Schülern wie ein Drill-Sergeant aus US-Militärfilmen. Er brüllt "Stopp" und lässt die Schüler zurückschreien "Mobbing". Er sagt ihnen, er würde sich vor jede Kugel werfen, die ein Angreifer auf sie abfeuern würde, und schreit: "Glaubt ihr mir, dass ich mein Leben für eures geben würde?" "Jaaaaa", brüllen die Schüler zurück.

Manche mögen das für ein bisschen zu viel halten, doch Stahl dringt zu den Jugendlichen durch. Drei Schüler kommen schließlich auf die Bühne und sagen, wie schlimm Mobbing sei. Als sie von der Bühne gehen, kämpfen sie mit den Tränen. Auch sie wurden von anderen schon einmal geschlagen und beleidigt.

Jetzt lacht niemand mehr.

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