Kopftuchdebatte "Wir würden auch nicht darauf kommen, Markenklamotten zu verbieten"

Die CDU zieht ein Kopftuchverbot an Grundschulen in Betracht. Ist das aus pädagogischer Sicht sinnvoll? Nein, sagt eine Erziehungswissenschaftlerin - und argumentiert auch mit dem Frauenbild.

Mädchen mit und ohne Kopftuch: "In Großbritannien selbstverständlich integriert"
Rido Franz/ iStockphoto/ Getty Images

Mädchen mit und ohne Kopftuch: "In Großbritannien selbstverständlich integriert"


SPIEGEL: Die CDU hat sich auf ihrem Parteitag für ein Verbot von Kopftüchern an Grundschulen ausgesprochen, als "letztmögliche Maßnahme". Die Partei setze in erster Linie auf die Überzeugung der Eltern. Aber: "Wenn kleine Mädchen schon im Kindergarten und in der Grundschule Kopftuch tragen, dann hat dies nichts mit der Religion zu tun", sondern mache Kinder erkennbar zu Außenseitern, heißt es zur Begründung. Ist das ein gutes Argument?

Karakasoglu: Nein, denn erst der Verbotsantrag der CDU macht sie zu Außenseiterinnen. Es ist völlig paradox, was da passiert: Konservative Politiker weisen dem eine negative Bedeutung zu. Dadurch wird das Kopftuch zu einem Symbol der Ausgrenzung und Diskriminierung - und um die Trägerinnen vor dieser selbst gemachten Ausgrenzung zu schützen, soll das Tuch verboten werden

Zur Person
  • Agata Skowronek
    Yasemin Karakasoglu, Jahrgang 1965, ist Professorin für Interkulturelle Bildung im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Bremen. In ihrer Promotion hat sie sich mit den Gründen für das Kopftuchtragen von jungen Musliminnen in Deutschland befasst. Außerdem ist sie Vorsitzende des Rats für Migration, dessen Mitglieder zu Fragen von Migration und Integration forschen.

SPIEGEL: Werden Mädchen mit Kopftüchern als Außenseiterinnen wahrgenommen?

Karakasoglu: In Schulklassen sind sie ein normaler Teil der Gemeinschaft, für ihre Klassenkameraden ist das meist nicht ungewöhnlich. Das Problem haben eher die Älteren. In einer Umfrage der Humboldt-Universität gaben vier von zehn Erwachsene an, wer ein Kopftuch trage, sei für sie nicht deutsch. Dieser Aussage stimmte hingegen nur jeder vierte Jugendliche zu.

SPIEGEL: Es geht um ein Kopftuchverbot an Grundschulen. Warum sollten schon Mädchen, die jünger als zwölf Jahre sind, ihr Haar bedecken?

Karakasoglu : Es gibt aus der religiösen Tradition heraus tatsächlich keinen guten Grund dafür, dass so junge Mädchen Kopftücher tragen. Im Islam verlangt kaum ein Gelehrter, dass Menschen weit vor der Geschlechtsreife etwas verdecken, das als aufreizend angesehen werden könnte.

SPIEGEL: Islamverbände sagen, es handele sich um eine Scheindebatte, weil nur sehr wenige junge Mädchen Kopftücher trügen. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Trotzdem kommt es vor, an einzelnen Schulen sogar gehäuft. Machen die Eltern Druck?

Karakasoglu: In sehr religiösen Haushalten kann es sein, dass Eltern ihre Kinder schon früh dazu erziehen wollen, ein Kopftuch zu tragen. In anderen Familien geht das vom Mädchen selbst aus, das den Frauen nacheifert, um sich selbst etwas erwachsener zu fühlen. Auch Freundinnen mit Kopftuch können ein Vorbild sein. Für Kinder, die so aufwachsen, ist es keine große Frage, ob Kopftücher richtig oder falsch sind und ob sie sich damit wohl oder unwohl fühlen. Das ist Teil eines familiären Bekleidungsgesamtkonzepts.

SPIEGEL: Kinder werden ja meistens von ihren Eltern eingekleidet.

Karakasoglu : Und da spielen Zugehörigkeiten zum sozialen Umfeld ebenfalls eine Rolle. Es gibt viele Bekleidungscodes, auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Wenn beispielsweise kleine Jungen komplett in Hellblau und Mädchen in Rosa eingekleidet werden, haben wir es ebenfalls mit bestimmten Vorstellungen und Geschlechterstereotypen zu tun, die mit der Kleidung transportiert werden. Andere Kinder werden ausgegrenzt, weil sie keine Markenklamotten tragen. Trotzdem würden wir nicht darauf kommen, die zu verbieten.

SPIEGEL: Wäre das nicht ein guter Grund für eine Schuluniform, wie es sie etwa in Großbritannien gibt?

Karakasoglu : Das ist ein schönes Beispiel, denn die Schuluniform in Großbritannien integriert das Kopftuch ganz selbstverständlich.

SPIEGEL: Viele Menschen stören sich am Kopftuch, weil sie fürchten, dass Kinder damit schon früh ein Frauenbild vermittelt bekämen, das nicht gleichberechtigt sei.

Karakasoglu: Sie projizieren damit ihre eigenen Vorstellungen auf ihr Gegenüber. Das Tuch an sich sagt nichts über das Frauenbild aus, das zu Hause vermittelt wird. Es gibt auch Frauen, die tragen es, um das Klischee zu widerlegen. Andere sehen darin den stolzen Ausdruck ihrer Religion. Andersrum garantiert eine Erziehung ohne Kopftuch kein fortschrittliches Frauenbild. Es gibt verschiedene religiöse Gemeinschaften, die nicht durch bestimmte Symbole zu erkennen sind, aber trotzdem ein irritierend rückständiges Frauenbild pflegen. Bei manch christlich-freikirchlicher Gemeinde können Sie das vielleicht erahnen, weil das Mädchen immer nur in Röcken kommt. Dann müsste die Politik Röcke verbieten. Aber das ist doch Quatsch.

SPIEGEL: Eine Schulleiterin hat mir erzählt, sie könne Mädchen ansehen, warum sie ein Kopftuch aufhätten: Diejenigen, die es freiwillig trügen, trügen es mit Stolz. Die, die es tun müssten, gingen die ersten Wochen mit gesenktem Blick in die Schule. Sollen Lehrkräfte da einschreiten?

Karakasoglu : Dafür müssen die Lehrkräfte sich erst mal selbst hinterfragen: Übertrage ich meine Emotionen auf mein Gegenüber, weil ich denke: "Das arme Kind, jetzt wird es auch noch mit Kopftuch zur Schule geschickt?" Dann interpretiere ich einen traurigen Gesichtsausdruck automatisch dahingehend. Oder kenne ich das Kind so gut, dass ich richtig einschätzen kann, ob sich seine Persönlichkeit von jetzt auf gleich verändert? Wenn die Lehrerin das unvoreingenommen beobachtet, muss sie reagieren.

SPIEGEL: Wie?

Karakasoglu: Ich würde das Kind ansprechen: "Ich beobachte, dass du dich in letzter Zeit nicht so fröhlich verhältst, was ist los?" Natürlich frage ich nicht, ob das am Kopftuch liegt. Sondern ganz offen. Dann sollte ein Gespräch mit den Eltern folgen, auf Augenhöhe: "Ich würde gerne verstehen, warum Ihr Kind jetzt ein Kopftuch trägt." Dann können die Eltern das aus ihrer Sicht schildern. Es ist viel besser, ins Gespräch zu kommen, als im Stillen Schuldzuschreibungen, Vermutungen und Sorgen zu nähren.

SPIEGEL: Sollten Lehrkräfte verstärkt Kinder im Blick haben, wenn sie in jungen Jahren ein Kopftuch aufsetzen?

Karakasoglu: Den Moment des Kopftuchtragens sollten Lehrerinnen und Lehrer nicht als Moment definieren, ab dem sie aufmerksamer sind. Das hieße ja, dass dieses Mädchen von da an unter verstärkter Beobachtung stünde. Das wäre völlig unangebracht und ein unglaublicher Druck, den auch die anderen Schüler spüren würden. Beobachtung ist nur angemessen, wenn es Anzeichen für Schwierigkeiten gibt, etwa wenn ein Kind tatsächlich ausgegrenzt wird oder die Leistung zurückgeht.

Ist ein Kopftuchverbot rechtlich zulässig?
    Juristen sind sich uneins, ob ein Kopftuchverbot an Grundschulen verfassungswidrig sein könnte. "Ob das Tragen eines Kopftuchs Nachteile für Kinder mit sich bringt, bewerten und entscheiden nach der Verfassung die Eltern und nicht der Staat", sagte Joachim Wieland von der Universität Speyer dem "Handelsblatt". Der Staat dürfe nicht ohne überwiegende Gemeinwohlgründe in das Recht auf religiöse Kindererziehung eingreifen. Der Tübinger Verfassungsrechtler Martin Nettesheim dagegen kam im August dieses Jahres in einem Gutachten für die Organisation Terre des Femmes zu dem Ergebnis, dass ein Verbot, ähnlich wie in Österreich, auch in Deutschland rechtlich möglich wäre. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags erklärte 2017 dagegen, dass das verfassungsrechtlich "wohl nicht zulässig" wäre. Er bezog sich dabei auch auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Lehrerinnen mit Kopftuch.

SPIEGEL: Was würde ein Verbot bewirken?

Karakasoglu: Zwischen Lehrkräften und Eltern geht es darum, dass Vertrauen hergestellt wird, weil bei der Erziehung eines Kindes beide Partner sind. Ein Verbot wird diesem Auftrag nicht gerecht. Es sorgt für Misstrauen und Ängste.

SPIEGEL: Lehrkräfte und Gewerkschaften zweifeln zudem an der Umsetzbarkeit. "Sollen wir den Kindern am Eingang dann das Kopftuch herunterreißen?", hat eine Schulleiterin im Gespräch zu mir gesagt.

Karakasoglu: Ja, das würde wirklich zu einer großen Verstörung und Verunsicherung führen. Ein Verbot wäre nicht nur pädagogisch völlig absurd, es wäre praktisch auch nicht durchsetzbar.

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