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01. März 2017, 17:18 Uhr

Neue Studie zu Bildungsgerechtigkeit

Falscher Wohnort? Pech gehabt!

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Deutsche Schulen bemühen sich um bessere Chancen für alle Kinder - doch das klappt laut einer Studie nicht in allen Bundesländern. Bei den Fähigkeiten der Schüler betragen die regionalen Unterschiede bis zu drei Jahre.

Die Erkenntnisse sind einerseits gut - und andererseits ziemlich beunruhigend. "Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 geht es mit Deutschlands Schulen voran. Die Leistungen haben sich verbessert, weniger Schüler bleiben ohne Abschluss", schreiben die Autoren der Studie "Chancenspiegel 2017". Sie wurde am Mittwoch von Bildungsforschern der Universitäten Dortmund und Jena sowie der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht.

Die Autoren stellen aber auch fest, dass die soziale Herkunft der Schüler die Chancen auf eine gute Bildungskarriere nach wie vor massiv beeinflussen. Und dass die gute Entwicklung in den einzelnen Bundesländern "sehr unterschiedlich" verlaufe. Mit anderen Worten: Wer im falschen Land wohnt, hat in Sachen Bildung von vorneherein schlechtere Startchancen.

Für den Chancenspiegel wurden Schulstatistiken der Bundesländer sowie Leistungsstudien aus den Jahren 2002 bis 2014 ausgewertet und langfristige Trends untersucht. Dafür haben die Forscher vier Kategorien gebildet: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe.

Alle Bundesländer, so die Autoren, hätten die Schulen "insgesamt leistungsstärker und chancengerechter gemacht" - aber eben auf sehr unterschiedlichem Niveau und mit verschiedenen Schwachstellen.

Für den Ländervergleich haben die Autoren des Chancenspiegels verschiedene Studien zu Lese- und Mathematik-Kompetenzen ausgewertet. Dabei zeigt die Farbe Grün, dass das jeweilige Bundesland zur Spitzengruppe gehört, Orange steht für die Schlusslichter. Ein Land mit besonders vielen grünen Feldern in einem Kompetenzbereich schneidet also besonders gut ab.

Diese Studien wurden für den Chancenspiegel herangezogen: Nationale Ergänzungsstudien zu Pisa (PISA-E) der Jahre 2000, 2003 und 2006; die Ländervergleiche von 2011 und 2012 des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB); für die Sekundarstufe I die IGLU-E-Studie, die die Kultusministerkonferenz in Auftrag gibt.


Von vergleichbaren Chancen sind die Schulen noch weit entfernt - nicht nur mit Blick auf die Bundesländer, sondern auch, wenn man die Herkunft der Schüler betrachtet. So liegen Neuntklässler aus sozial eher schwächeren Familien mit ihrer Lesekompetenz im bundesweiten Schnitt mehr als zwei Schuljahre hinter ihren Altersgenossen aus privilegierten Milieus zurück.

Um die Unterschiede zwischen Ländern und Schülergruppen zu verkleinern, fordern die Bildungsexperten den Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Ganztagsschule, "damit der Reformeifer nicht erlahmt". Denn eine weitere Gefahr liegt im Tempo der Schulreformen: Geht der Ausbau der Ganztagsangebote weiter wie bisher, dauere es "noch mindestens drei Jahrzehnte, bis alle Kinder in Deutschland einen Ganztagsschulplatz erhalten".

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