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11. Dezember 2014, 05:59 Uhr

Chancengleichheit in Deutschland

Studie entlarvt Versagen des Bildungssystems

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Das deutsche Bildungssystem scheitert, benachteiligte Kinder bekommen viel zu wenig Hilfe. Eine neue Studie zeigt: Die Schulpolitik ist in fast allen Bundesländern gleich schlecht - mit einer Ausnahme in Ostdeutschland.

Mit Pisa fing alles an: 2001 erschrak Deutschland über den Zustand seines Schulsystems. Seither ist Pisa Ausgangspunkt und Maßstab zugleich - für Bildungspolitiker wie Bildungsforscher. Man kann die Entwicklung des Bildungssystems seither als Erfolg lesen: Es gibt immer weniger Jugendliche ohne Schulabschluss, der Anteil der Abiturienten pro Jahrgang steigt, und die deutschen Schüler schneiden bei internationalen Leistungsvergleichen zunehmend besser ab.

So beschreibt es auch der neue Chancenspiegel, den die Bertelsmann-Stiftung von Schulforschern der Unis Dortmund und Jena hat erstellen lassen; am Donnerstag wurde er veröffentlicht. Doch die Studie, die mittlerweile zum dritten Mal vorgelegt wird, zeigt auch etwas anderes: Wer aus einem benachteiligten Umfeld kommt, braucht in deutschen Klassenzimmern nicht auf Fairness und Chancengerechtigkeit zu hoffen. "Der Bildungserfolg, gemessen in Kompetenzen von Neuntklässlern in Mathematik, bleibt weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig", schreiben die Forscher, "es gelingt Schulen in Deutschland also immer noch zu wenig, die herkunftsbedingten Benachteiligungen ihrer Schüler auszugleichen."

Leistungsunterschiede von zwei Schuljahren

Mit anderen Worten: Wer aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen stammt, vielleicht noch einen Migrationshintergrund mitbringt und nicht auf das akademische Bildungserbe seiner Eltern und Großeltern zurückgreifen kann, hat ungleich schlechtere Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss. Die mangelnde Chancengerechtigkeit, sagen die Forscher, bleibe "die größte Baustelle", auch wenn es langsame - sehr langsame - Fortschritte gebe: "Neuntklässler aus höheren Sozialschichten haben in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsferneren Familien." Unterschiede, die sich nicht mehr allein mit unterschiedlichen Schulsystemen in den Bundesländern erklären lassen.

Der Statusbericht zur Chancengleichheit vergleicht die Durchlässigkeit der Schulsysteme, die Entwicklungs- und Integrationsmöglichkeiten für Schüler und ihre Chance, einen guten Abschluss zu erhalten. Dabei spielen auch Unterschiede zwischen den Bundesländern eine Rolle, aber: "Kein Land ist in allen Bereichen Spitze oder Schlusslicht."

Einige Teilergebnisse:

Überrascht zeigen sich die Autoren davon, wie stark sogar innerhalb der Bundesländer die Chancengerechtigkeit schwankt - dieser Aspekt wurde im aktuellen Chancenspiegel erstmals untersucht.

So verlassen etwa in Bayern nur 4,9 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss, im Bundesdurchschnitt sind es sechs Prozent. Beim Blick auf die Kreise und Städte des Freistaats entdeckten die Forscher allerdings, dass der Wert zwischen 0,7 und 12,3 Prozent schwankt - eine enorme Breite, die wesentlich vom Schulangebot vor Ort abhängt.

Einen vergleichbaren Effekt fanden die Forscher in Sachsen bezogen auf Schüler mit Abitur oder Fachabitur: 44,7 Prozent schaffen landesweit diese Abschlüsse - aber je nach Wohnort sind es mal 32 Prozent, mal 63 Prozent. "Eine stärkere Unterstützung der regionalen Schulentwicklung durch die Länder" fordert Schulforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund deshalb: Nur so könne der Bildungserfolg vor Ort von eventuellen Finanzproblemen der Kommune entkoppelt werden.

Nachholbedarf sehen die Schulforscher auch beim Thema Ganztagsangebote. Zwar stieg die Zahl der Schüler an Ganztagsschulen von 2011 (30,6 Prozent) bis 2012 auf 32,3 Prozent, doch "der insgesamt langsame Ausbau deckt bei Weitem nicht die Nachfrage der Eltern", heißt es in der Studie. Und im gebundenen Ganztag mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht für alle werden bisher gerade mal 14,4 Prozent der Schüler unterrichtet - genau diese Schulform sei aber diejenige mit den größten Chancen für Bildungsgerechtigkeit. "Ein Rechtsanspruch wäre der entscheidende Hebel, damit genügend Ganztagsschulen eingerichtet und bessere Konzepte entwickelt werden", fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Die Vorstellung ihrer Ergebnisse verbanden die Bildungsforscher auch mit der Aufforderung an die Politik, mehr Daten zum Thema Bildung zu erheben. "Wenn es uns wirklich wichtig ist, die Gerechtigkeit der Schulsysteme über größere Zeiträume hinweg untersuchen und einschätzen zu können, müssen verlässlichere und aussagekräftigere Daten bereitgestellt werden", sagte Nils Berkemeyer, Schulforscher an der Universität Jena.

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