Chemie in echt In Kittel und Pipette

Vom ersten Semester an hantieren Chemiestudenten mit Schutzbrille und Erlenmeyerkolben im Labor. Chemie ist ein Paukfach, in dem stark gesiebt wird - jede Woche eine Klausur und jede Menge Experimente, berichtet Florian, 20, Chemiestudent in Nürnberg.


"In der ersten Vorlesung konnte ich meinen Augen nicht trauen: Überall waren Mädchen. Hundert Studenten und mehr als die Hälfte davon weiblich! Dabei heißt es doch immer, in den Naturwissenschaften herrsche Frauenmangel. In Nürnberg ist das wirklich nicht der Fall.

Doch nicht nur der Frauenanteil war eine Überraschung. Ich war anfangs schockiert, wie stressig das Studium ist: Wir schreiben jede Woche eine Klausur. Manchmal bin ich auch froh, dass ich in Chemie so viel leisten muss. Denn ich kann mich nur zum Arbeiten aufraffen, wenn ich dazu gezwungen werde. Durch die häufigen Prüfungen bleibe ich jedenfalls immer am Ball. Wir verbringen viel Zeit im Labor. Dort weisen wir Bestandteile eines Salzes nach oder bestimmen, wie viel Chlorid sich in Mineralwasser befindet. Ein Studium, bei dem ich den ganzen Tag nur in Hörsälen oder über Büchern hocke, könnte ich mir nicht vorstellen.

Chemikern wird häufig nachgesagt, sie wären weltfremde Freaks. Manchmal denke ich, das stimmt. 'Verrückte Professoren' gibt es durchaus unter meinen Kommilitonen. Für manche ist es das Größte, wenn sie Schutzbrille und Labormantel tragen können.

Wer Chemie studieren will, sollte Lust am Experimentieren haben und gerne im Labor stehen. Denn das ist es, was man während und vor allem nach dem Studium macht. Wer in der Schule schlecht in Naturwissenschaften war, kann trotzdem Chemie studieren. Denn das Studium hat mit der Schule wirklich gar nichts zu tun."

Aufgezeichnet von Maximilian Popp

Das Fach Chemie
Pipette, Reagenzgläser, Erlenmeierkolben – wer Chemie studiert, lernt diese Utensilien schon im ersten Semester aufs Genaueste kennen. Umfassendes Thema im Studium sind Stoffe, ihre Eigenschaften und Zusammensetzungen sowie Herstellungs- und Analyseverfahren. Die klassische Ausbildung vermittelt vor allem die Fähigkeit zum Forschen. Praxisorientiertere Inhalte rücken im Bereich der "Life Sciences" in den Vordergrund, dort wird fachübergreifend Chemie, Biologie, Landwirtschaft und Medizin, aber auch Management und Jura gelehrt. Kombinierte Studiengänge bieten etwa die Unis Hannover und Konstanz an.
In den ersten Semestern ist der Stundenplan ist straff organisiert und es wird mit Büffel-Klausuren stark gesiebt: Mathematik, Physik und Analytik stehen auf dem Lehrplan, sowie die klassischen chemischen Teilgebiete: organische Chemie, die sich mit Kohlenstoffverbindungen befasst, die anorganische Chemie, die alle anderen Elemente untersucht, und die physikalische Chemie, die Thermodynamik und Bindungslehre lehrt. Im Hauptstudium entscheiden sich Chemiker für Schwerpunkte wie makromolekulare Chemie, theoretische Chemie oder Biochemie. 90 Prozent der Absolventen hängen noch eine Doktorarbeit ans Studium.
Die Chemiebranche gilt als viertgrößter Arbeitgeber in Deutschland. Dort entwickeln Chemiker neue Stoffe und Produkte, kontrollieren und testen Arzneimittel, Kosmetika, Dünge- und Waschmittel. Daneben überwachen Chemiker auch Richtlinien im staatlichen Umweltbundesamt oder reisen als Pharmareferenten von Praxis zu Praxis oder analysieren Wasserproben im privaten Kleinlabor. Wer zu dem Chemiestudium mit wirtschaftlichen oder juristischen Kenntnissen aufwarten kann, ist besonders gefragt.



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