Chemiefreak in der Laube Explosive Gartenarbeit

Andere pflanzen im Schrebergarten Tomaten an – Stephen Schulz aus Gelsenkirchen betreibt Spitzenforschung in der Labor-Laube. Schon als Schüler räumte er etliche Preise ab. Manchmal explodiert etwas, aber den 20-Jährigen bringt nichts ins Schwitzen. Außer Metal-Musik.

Von Almut Steinecke


Das eiserne Törchen schwingt nach hinten, gibt den Weg frei in eine Bilderbuchwelt: mit rund geschnittenen Bäumchen, gestutztem Rasen und Blumenbeeten, wie mit dem Lineal arrangiert. Idylle pur. Und jetzt eine kleine Explosion? Stephen Schulz schüttelt lachend den Kopf: Nein, eine Explosion wird er uns an diesem Samstag sicher nicht vorführen. Auch wenn der Chemiestudent die Mittel dazu hätte. Schließlich sind wir hier nicht in irgendeinem Schrebergarten. Sondern in dem seines Opas.

Und da gibt es dieses Häuschen, die etwas andere Gartenlaube: mit Zyankali, Salzsäure, Schwefel in Flaschen, mit Pipetten und Periodensystem. Sie ist das Reich von Stephen, 20, aus Gelsenkirchen. Hier frönt er seiner Leidenschaft: der Chemie. Wobei Stephen nicht verraten möchte, wo genau seine kostbare Laube steht. Ihren Inhalt schätzt er auf 20.000 Euro.

Entsprechend verrammelt ist die vier Quadratmeter kleine Hütte. Stephen dreht an einem Schloss an der knarrenden Pforte, entschärft eine Alarmanlage an der Fassade, deaktiviert einen Bewegungsmelder an der Decke. Drinnen steht links ein Regal mit Kolben, Stopfen und Chemikalien. Rechts ist eine Kachelecke mit Dunstabzugshaube und einem Becken, in dem sich ineinander gesteckte Kolben türmen - eine "Syntheseapparatur für Arbeiten unter Luftabschluss". Stephen krault seinen imposanten Kinnbart. Er hat Platz genommen und die Schutzbrille aufgesetzt, streift sich Kittel und Handschuhe über.

Wie kommt die Farbe aus den Wachsmalstiften?

Unter der Woche studiert er Chemie in Münster. Er beschäftigte sich schon mit der Wissenschaft, bevor er sie überhaupt in der Schule hatte. Seit der Gelsenkirchener sechs, sieben Jahre alt war, quengelte es in ihm, "alles, was ich nicht verstehe, zu verstehen". Das ging los mit Haushaltsreiniger, auf dem stand, man dürfe ihn nicht mit sauren Mitteln mischen. "Aber warum, das stand da nicht - also habe ich es ausprobiert": im Keller seines Opas, der Zeuge wurde, wie Stephen Chlorgas herstellte. "Danach mussten wir ordentlich lüften. Nicht ungefährlich, aber ich war halt so neugierig."

Andere Junge in seinem Alter benutzten Wachsmalstifte zum Kritzeln - Stephen wollte wissen, wie man aus ihnen die Farbe löst: "Indem man sie in Terpentinersatz erhitzt und die Flüssigkeit solange filtert, bis alles Bunte extrahiert ist." Oder wie man es schafft, dass ein Kupferpfennig den Look ändert: "Indem man ihn mit Zink beschichtet, dann wird er silbern und hält man ihn an ein Feuerzeug, wird er goldfarben - eine tolle Show".

Aber Stephen wollte mehr als kleine Zaubertricks. Im zarten Alter von elf bat er seinen Vater, einem Schichtführer bei Europas größtem Kohlekraftwerk in Scholven, mit Salzsäure experimentieren zu dürfen. "Das war der Punkt, an dem Papa und Opa beschlossen, die externe Labor-Laube einzurichten."

"Plopp" - und der Deckel hebt sich

Seitdem entdeckt Stephen hier spannende Dinge. So wie jetzt, als sich mit einem "Plopp!" der Deckel einer Flasche mit Totenkopfaufkleber hebt. Aus der beginnt es gefährlich zu qualmen, "da ist zinkorganische Lösung drin, die reagiert sofort mit der Luft". Stephen entnimmt ein paar Tropfen, träufelt sie in ein bernsteinfarbenes Lösungsmittel im Kolbenturm. Die Flüssigkeit färbt sich dunkelrot. So stellt der Student Flavon her, den Farbstoff der Brombeere. Würde er jetzt noch Sauer- und Wasserstoff an das Molekül binden, wäre das Flavon imstande, freie Radikale im menschlichen Körper zu fangen: Atomgruppen, die verantwortlich sind für Krebs.

Eine Entdeckung, die Stephen vor drei Jahren machte, als er Flavone direkt aus einer Brombeere extrahierte. Er stellte sich beim Bundeswettbewerb "Jugend forscht" vor und sahnte prompt den zweiten Preis ab. Danach war der Gelsenkirchener Dauergewinner bei "Jugend forscht": 2005 erhielt er den ersten Preis für die Entwicklung eines Chips aus Platin, mit dem man nach nur 30 Sekunden Flüssigkeiten analysieren kann, wie viel Chrom beispielsweise in einem Tropfen Wasser ist oder wie viel Zucker in einer Perle Blut.

Seine Entdeckungen imponierten nicht nur diversen Chemiekonzernen, die ihm schon Inventar spendeten. 2005 durfte er zusätzlich zum weltgrößten Nachwuchsforscherwettbewerb nach Phoenix, mit 1400 Teilnehmern aus 40 Ländern. Hier gewann er den "Grand Award", der jährlich an nur drei Jungforscher weltweit vergeben wird, und erhielt eine Einladung zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm. Oben drauf gab's 75.000 Euro, davon finanziert er sein Studium. Spitzenpreise, auf die Stephen stolz ist.

Aber Prämien sind ihm nicht das wichtigste. "Ich will später nicht das dicke Geld in der Industrie verdienen - ich würde lieber an der Uni forschen und meine Leidenschaft weitergeben." So wie früher in der Schule, als er bis zum Abi den Chemieunterricht bestritt.

Chemie kann Stephen kontrollieren, Metal-Musik nicht

"Im Unterricht wurden immer so viele Schritte übersprungen". Stephen meckerte. Irgendwann in der 10. Klasse "hatte meine Lehrerin keinen Bock mehr auf Fragen und wollte die Plätze tauschen". Sie setzte sich in die letzte Reihe, anfangs skeptisch, bald schon begeistert. "Wir haben so viel geschafft! Gleich in der ersten Stunde!" Stephens blaue Augen blitzen, wenn er erzählt.

Seine Kleingartennachbarn tolerieren soviel Herzblut, und zum Dank analysiert er für sie schon mal Teichwasser oder Bodenproben. Doch an diesem Vormittag ist kein Mensch in der Siedlung. Die abgezäunten Parzellen dösen vor sich hin, einsame Gartenzwerge grinsen durch Zäune. Wobei Stephen nie ganz allein hierher geht, wenn er experimentiert, schließlich wurde es auch schon kritisch. "Einmal ist Chlor ausgetreten, da hat mich meine Gasmaske gerettet. Und dann ist mir Wasser in einen Kolben mit Natrium getropft - da gab's eine Detonation, und mein Gesichtsschutz wurde schwarz". Solche Unfälle seien jedoch die Ausnahme. "An der Chemie schätze ich, dass da soviel Energie dahinter ist, man diese Energie aber kontrollieren kann."

Im Gegensatz zu seiner zweiten Leidenschaft, der Metal-Musik. An Stephens Handgelenk schlackern bunte Bändchen von Festivals der letzten Jahre, die legt er bewusst nicht ab. "Weil ich damit so starke Gefühle verbinde - weil Metal eben Energie ist, die man nicht kontrollieren kann." Musik, bei der die Hände feucht werden und die coole Chemiker-Seele vibriert. "Vielleicht braucht man auch so einen Gegensatz im Leben", sagt Stephen. "Und bei der Chemie sollte man lieber nicht ins Schwitzen kommen. Dann geht nämlich garantiert was schief."



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