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30. August 2018, 06:10 Uhr

Krawalle in Chemnitz

Kommt politische Bildung an Sachsens Schulen zu kurz?

Von und

Nach den rechten Aufmärschen in Chemnitz stellt sich die Frage, ob sächsische Schulen den Kindern die Demokratie ausreichend nahebringen. Zwei Lehrer berichten, wie schwierig das ist.

Das Fach, in dem Schülern politische Bildung vermittelt werden soll, heißt fast in jedem Bundesland anders. Baden-Württemberger nennen es "Gemeinschaftskunde", in Sachsen-Anhalt heißt es "Sozialkunde" und in Sachsen trägt es den Namen "Gemeinschaftskunde/ Rechtserziehung/ Wirtschaft".

Nach den Krawallen in Chemnitz, bei denen Rechte gegen Mitbürger mit ausländischem Aussehen hetzten, rückt dieses Fach verstärkt ins öffentliche Interesse. Ist in sächsischen Schulen ein "Vakuum" in der politischen Bildung entstanden?

Sächsische Lehrpläne sehen für politische Bildung, verglichen mit den Lehrplänen anderer Bundesländer, tatsächlich eher wenige Unterrichtsstunden vor. Zu diesem Ergebnis kamen Bielefelder Forscher Anfang des Jahres in einer groß angelegten Studie.

Aber selbstverständlich können Lehrer auch in anderen Unterrichtsfächern politische Themen ansprechen. Tun sie das auch - trotz straffer Lehrpläne und Personalmangel? Das lässt sich kaum seriös auswerten.

Zudem stellt sich die Frage, wie viel politische Aufklärung im Unterricht überhaupt bewirken kann. "Schule ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft", teilt der Sächsische Lehrerverband mit. Es sei teilweise erschreckend, welche Ansichten Schülerinnen und Schüler von zu Hause mitbrächten, sagt dessen stellvertretender Vorsitzender Michael Jung, der selbst Gemeinschaftskunde unterrichtet. "Wir können sie nur zum Nachdenken anregen, aber nicht überzeugen."

Das bestätigt auch Axel Stumpf, Vorsitzender des Bezirksverbandes Chemnitz der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen. Er unterrichtet Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Brand-Erbisdorf, etwa 30 Kilometer von Chemnitz entfernt.

"Ich bin sicher, dass die meisten meiner Schüler genauso entsetzt sind über diese Gewaltausbrüche und diesen Hass auf Menschen anderer Herkunft wie ich", sagt er. "Aber ich weiß auch, dass einige aus Elternhäusern kommen, die einem eher blau-braun gefärbten Gedankengut anhängen. Immerhin ist die AfD in Sachsen sehr stark. Das ist leider die traurige Wahrheit."

Stumpf sorgt sich, dass Schüler zu Mitläufern werden könnten. Er erlebe durchaus, dass manche eine grundsätzlich menschenverachtende Haltung gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe oder gegenüber Obdachlosen zeigten, sagt er. "Dazu kommt, dass sie Menschen nach Herkunft oder Rasse klassifizieren. Da ist dann abwertend die Rede von 'den Ausländern' oder 'den Flüchtlingen'."

Wenn er so etwas mitbekomme, halte er dagegen, sagt Stumpf. In der ersten Stunde nach den Vorfällen in Chemnitz trug er zwei Gedichte von Erich Fried vor:

Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen.
Die Frösche sterben im Ernst.

Und:

Angeklagt der Unmenschlichkeit
behauptet der Nichtmehrmensch,
immer noch erst ein Nochnichtmensch zu sein.

"Ich habe keine Aufgabe dazu gestellt, die Schüler auch nicht zum Reden aufgefordert. Ich wollte ihnen Raum geben, einfach darüber nachzudenken, was diese Gedichte bedeuten, und deutlich machen: Hier in der Stadt passiert etwas, was absolut nicht in Ordnung ist", sagt Stumpf.

Lehrkräfte wie Stumpf müssen einen Balanceakt schaffen: Sie müssen neutral bleiben und dürfen Schülern keine Meinung aufdrängen. Gleichzeitig sind sie verpflichtet, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten und Kinder im Geiste der Menschenwürde, Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung zu erziehen.

Es gibt bundesweit etliche Vereine, Netzwerke und Beratungsstellen, die Lehrer fortbilden und Schulen unterstützen, die sich mit Rassismus und Extremismus auseinandersetzen müssen.

Doch der Sächsische Lehrerverband räumt ein, dass solche Angebote selten wahrgenommen werden können. Die Schulen seien mit Themen wie Inklusion und Integration "bis oben zu", sagt Jung. Fortbildungen für Lehrer, die besser gegen rechtes Gedankengut argumentieren lernen wollen, seien da "schwierig zu installieren".

Und Deutschlehrer Stumpf weist auf ein anderes Problem hin: "Manche Kollegen sympathisieren selbst mit rechten Gesinnungen, das wird in einigen Gesprächen durchaus deutlich."

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