Sprachunterricht Warum deutsche Schüler und Studenten kein Chinesisch mehr lernen

Nur 5000 Schüler in Deutschland lernen Chinesisch. Nach einem vermeintlichen Boom stagniert die Zahl seit Jahren. Experten kritisieren: "Wir überlassen die Deutung alles Chinesischen den Chinesen."
Chinesisch-Unterricht an einem deutschen Gymnasium

Chinesisch-Unterricht an einem deutschen Gymnasium

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / Peter Kneffel/dpa

Marisabel, die heute 16 Jahre alt ist und nördlich von Münster eine Waldorfschule besucht, ging von der 1. bis zur 3. Klasse auf eine chinesische Grundschule in Peking. Sie war dort als Tochter einer deutschen Botschaftsangehörigen hingekommen und sie sagt noch heute, dass drei Jahre chinesische Schule für sie damals eine gute Zeit waren.

Am liebsten würde Marisabel daher heute noch Chinesisch lernen. Doch im Umkreis von Westerkappeln, wo sie inzwischen wohnt, hat keine Schule die Sprache im Angebot. Und das, obwohl ihr Bundesland Nordrhein-Westfalen absoluter Champion unter den deutschen Bundesländern für Chinesisch-Unterricht ist: Hier lernen rund 2000 Schüler Chinesisch - von insgesamt kaum mehr als 5000 jungen Menschen in ganz Deutschland.

Trotzdem wurde Marisabel nicht fündig. Chinesisch sei im deutschen Bildungssystem eben als "kleine Sprache" eingeordnet, erklärten ihr die Lehrer. Die "großen Sprachen" seien zum Beispiel Englisch und Französisch.

Genau das ist es, was Andrea Frenzel, Forscherin am MERICS-Institut für China-Studien in Berlin, stört: "Wie kann man die von den meisten Menschen der Welt gesprochenen Sprache eine kleine Sprache nennen?", fragt Frenzel. Sie hat sich in einer jetzt vorliegenden Studie systematisch mit dem Chinesischunterricht an deutschen Schulen befasst. Das Ergebnis: Seit 2012 stagniert die Zahl der Schüler, die Chinesisch als Schulfach wählen, bei bundesweit 5000 Schülern.

Dabei wuchs die Zahl in den Jahren davor ständig, sogar von einem Chinesisch-Boom an deutschen Schulen war zwischenzeitlich die Rede. Doch der war schnell wieder vorbei: "China gilt bei vielen als nach wie vor ganz weit weg", beobachtet Frenzel.

Chinesisch ist gar nicht so schwer, wie viele denken

In Frankreich hingegen schnellte die Zahl der Chinesisch-Schüler in den vergangenen Jahren auf 40.000 empor - fast achtmal so viel wie in Deutschland. Der Fachverband Chinesisch macht dafür die deutsche Bildungspolitik verantwortlich: "Das Problem besteht in erster Linie im föderalen System Deutschlands, wo jedes Bundesland eigene Rahmenpläne und Ausbildungsstrukturen entwickeln muss", sagt Andreas Guder, der Vorsitzende des Vereins. Er selbst treffe in den zuständigen Landesbehörden selten Personen, die bereit seien, sich auf das Schulfach Chinesisch einzulassen, stattdessen gebe es "in vielen Bundesländern große Berührungsängste auf der administrativen Seite", so Guder, der an der Uni Göttingen Sinologie unterrichtet.

Dabei gibt es auf Bundesebene durchaus Versuche, deutschen Schulen mehr Lust auf China zu machen. Auswärtiges Amt, Bundesbildungsministerium und die Konferenz der Kultusminister (KMK) riefen erst im Mai dieses Jahres auf einer gemeinsamen Fachkonferenz zu mehr China-Elan auf. "Wir müssen nicht alle zu China-Experten werden. Aber Deutschland tut gut daran, China neu kennen zu lernen und sich diesem riesigen Land weiter zu nähern", sagte Thüringens Bildungsminister und KMK-Präsident Helmut Holter auf der Konferenz.

Doch der Sinologe Ole Döring von der Freien Universität Berlin hält das für reine Ankündigungspolitik. "Die politische Förderung beschränkt sich im Bildungsbereich immer noch weitgehend auf kurzfristigen Nutzen für Wirtschaft und Forschung. Da kann schwerlich eine nachhaltige Infrastruktur für Chinesisch an den Schulen entstehen", so Döring.

"Chinas Bild in der Öffentlichkeit wird seiner Bedeutung nicht gerecht"

Aber sind wirklich nur wieder die Politiker schuld? Forscherin Frenzel verweist auf ein altes Vorurteil, dass nämlich Chinesisch "besonders schwer zu lernen" sei. Ihr Gegenplädoyer: "Das stimmt nicht!" Schließlich würden ihre Studien auch zeigen, dass Chinesisch-Unterricht in Deutschland, wo er denn stattfindet, sehr erfolgreich ist. Viele Chinesisch-Schüler, so Frenzel, würden das Niveau B2 erreichen, nur eine Stufe unter dem, was man in der Regel von einem Studienabgänger im Fach Sinologie erwartet. Döring von der FU Berlin überrascht das nicht: "Es ist ein Mythos, Chinesisch sei besonders schwer zu lernen. Das ist wie bei Latein, Französisch und Englisch eine Frage des Lerntyps und der Lehrkompetenz."

Letztere wird in Deutschland erst seit kurzem durch drei Studiengänge in Göttingen, Tübingen und Bochum gestärkt, die ein Chinesisch-Studium für künftige Lehrer anbieten. 30 neue Chinesisch-Lehrer werden so pro Jahr ausgebildet. Das reicht, wenn wie bisher nur ein paar tausend Schüler Chinesisch wählen wollen.

Doch: "Wenn wir fast alle kein Chinesisch sprechen, überlassen wir die Interpretation, Verständigung und Deutung alles Chinesischen den Chinesen", warnt Döring. Unter den Studierenden ist die Abneigung fast noch größer als unter Schülern: Nur 500 neue Sinologiestudenten zählt ganz Deutschland pro Jahr.

Die eigentliche Ursachenforschung für das geringe China-Interesse junger Deutscher steht noch aus. "Das Chinabild selbst trägt nicht gerade zur Motivation von Lehrern und Schülern bei, sich die Mühe zu machen", mutmaßt Döring. Es herrsche ein allgemeines Unwissen bis hin zu Furcht vor dem Land. Experte Guder formuliert es so: "Das Bild Chinas in der deutschen Öffentlichkeit wird seiner Bedeutung für die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts nicht gerecht."