Chinesische Schüler abgezockt "Das ist bildungskriminell"

Schule und Studium "made in Germany" genießen bisher in China einen guten Ruf. Aber die chinesische Botschaft warnt vor unseriösen privaten Bildungsanbietern. Zuletzt wurden Schüler nach Neuruppin gelockt. Sie zahlten 12.000 Euro pro Jahr für eine Studienchance durchs Abitur - in einer "jämmerlich ausgestatteten" Schule.

Von und Jan Sternberg


Chinesische Studenten (beim China-Tag in Wolfsburg): Drang ins Ausland
DPA

Chinesische Studenten (beim China-Tag in Wolfsburg): Drang ins Ausland

Xin Li war dankbar für den Tipp. Der 23-jährige Chinese wollte unbedingt in Deutschland studieren, doch hatte er mit seinem chinesischen Abitur keine Chance auf Zulassung an einer Universität im gelobten Bildungsland. Ein Freund erzählte ihm von einem Privatgymnasium in der Kleinstadt Neuruppin bei Berlin. Dort könne er das deutsche Abitur erwerben und genieße damit unbegrenzten Zugang zur deutschen Hochschullandschaft.

Mehr als ein Jahr später fragt sich Xin Li, ob der Ratschlag damals wirklich so gut war. Denn der junge Deutschland-Fan hat in Neuruppin den Schiffbruch einer mit hochfliegenden Plänen gestarteten Bildungsfirma miterlitten - und dadurch Geld und wertvolle Ausbildungszeit vergeudet. Das Privatgymnasium Neuruppin, geführt von dem Berliner Unternehmen "Academy for Business, Managers and Languages" (AMB), wollte ursprünglich, so erzählt man in Neuruppin, Tausende Schüler aus Fernost nach Brandenburg holen und diese zum deutschen Abitur führen. Ein ehrgeiziges Unterfangen und ein äußerst lukratives dazu: 12.000 Euro Schulgeld, inklusive Internatsunterbringung und Verpflegung, zahlen die Schüler aus der Volksrepublik jährlich.

Mit gerade einmal drei Dutzend Schülern aus China und Vietnam startete das Privatgymnasium schließlich im vergangenen Jahr. Jetzt meldete die Betreiberfirma AMB Insolvenz an. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue.

"Noch nicht reif"

Das Neuruppiner Privatgymnasium ist nicht die erste Bildungseinrichtung für Kundschaft aus der Volksrepublik, die durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam machte. Unseriöse Anbieter in Leipzig, Saarbrücken und Hamburg waren Gegenstand von juristischen Überprüfungen, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gab es Streit zwischen chinesischen Schülern und Schulbetreibern. Schüler der "Schlevogt Business School" wandten sich enttäuscht ab, als sie erkannten, dass die Ausbildung an der selbst ernannt ersten privat geführten Wirtschaftsschule der Welt mit Fokus auf China die versprochenen Standards nicht hielt.

Privatgymnasium Neuruppin: Betreiberfirma insolvent

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Solche Anbieter drohen den lädierten Ruf deutscher Bildungseinrichtungen in China vollends zu ruinieren. In der chinesischen Botschaft in Berlin werden die Zustände inzwischen unverblümt kritisch gesehen: "Private Bildungseinrichtungen in Deutschland sind noch nicht reif", sagt Botschaftsrätin Liu Jinghui, Leiterin der Abteilung für Bildungswesen.

Dabei ist die Bundesrepublik bei bildungshungrigen Chinesen eigentlich populär, zwar nicht so angesehen wie Großbritannien oder die Vereinigten Staaten, aber immerhin viel, viel billiger. Mit rund 20.000 eingeschriebenen Studenten im Wintersemester 2002/2003 stellen die Chinesen mittlerweile die größte Gruppe ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen.

Drang nach Westen

Hintergrund des Trecks gen Westen ist der harte Kampf um akademische Weihen in China: In der Volksrepublik stehen gerade einmal drei Millionen Studienplätze zur Verfügung - viel zu wenig für den ehrgeizigen Nachwuchs des Milliardenvolkes.

Zug nach Westen: Die meisten ausländischen Studenten kommen aus China
DER SPIEGEL

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Die Abkürzung zu einem Abschluss und damit zu einem gut bezahlten Job im Heimatland führt für junge Chinesen immer häufiger über das Ausland. Auch hier wird mit harten Bandagen gekämpft. "Kreative Bewerbungen" sind durchaus an der Tagesordnung - der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) berichtet von zahlreichen gefälschten Zeugnissen und Bescheinigungen bei Bewerbungen aus China. Um den Wildwuchs zu stoppen, richtete die deutsche Botschaft in Peking eigens die Akademische Prüfstelle (APS) ein. Sie kontrolliert in einem strengen Verfahren alle Bewerber, die an deutsche Universitäten wollen.

Geschäftstüchtige Vermittler suchen nach Wegen, um diese Hürde zu umgehen und einen Teil der ungebrochen hohen Nachfrage nach Deutschland zu lenken. So holen Agenturen chinesische Studenten mit einem Sprachkurs-Visum nach Deutschland, um es dann in ein Studienvisum umzuwandeln. Ein anderer Weg führt über das deutsche Abitur: Wer in Deutschland regulär die Hochschulreife erwirbt, kann auch hier studieren, denn er gilt fortan als "Bildungsinländer".

Das Freie Gymnasium Nauen, ebenfalls in Brandenburg angesiedelt, überreichte beispielsweise in diesen Tagen den ersten 30 chinesischen Privatschülern die begehrten Abiturzeugnisse.

"Jämmerlich ausgestattet"

Doch nur wenige Anbieter arbeiten so erfolgreich. Gegen den AMB-Geschäftsführer Peter Klier, Betreiber des Neuruppiner Privatgymnasiums, werden Vorwürfe erhoben. Jörg Tritscher drückt es vorsichtig aus: "Peter Klier tat sich ein bisschen schwer mit der Akquise, besonders solcher Leute, die eine hinreichende Aussicht auf Erfolg haben", sagt der Rechtsdezernent des betroffenen Kreises Ostprignitz-Ruppin. Auch bei der Erteilung von Visa für Privatschüler durch die deutsche Botschaft in Peking und bei der Anerkennung des Status durch die Ausländerbehörde gab es Schwierigkeiten.

Heinz Thiede vom Beruflichen Bildungszentrum der Prignitzer Wirtschaft (BBZ), das die Schule betreibt, seitdem Klier im Januar ins Schlingern geriet, sieht die Bemühungen des AMB-Geschäftsführers äußerst kritisch. "Die Schule war jämmerlich ausgestattet, die Lehrbücher waren nicht bezahlt. Elementarste Dinge fehlten, für alle Schüler gab es einen einzigen altersschwachen Computer."

Das Schulgebäude, so wurde im Februar festgestellt, war wegen fehlender Fluchtwege nicht für den Unterricht geeignet. Von einem Tag auf den anderen musste das Gymnasium umziehen. Thiedes Fazit: "Das ist bildungskriminell."

Ein deutsch-chinesischer Vermittler habe noch im Januar in China von sieben Familien Schulgeld für das laufende Jahr einkassiert, die eingenommenen 78.000 Euro aber nicht an den neuen Schulträger weitergeleitet. "Wir unterrichten die Schüler zurzeit zum Nulltarif", ärgert sich Thiede. Die Hälfte der 37 angemeldeten Schüler sei gar nicht zum Unterricht aufgetaucht, berichtet Pia Kampelmann, die neue Schulleiterin des Neuruppiner Privatgymnasiums. "Wir haben nach Absprache mit der Ausländerbehörde einige nach Hause geschickt, die nicht zum Lernen hier waren." Seit die neuen Betreiber die Schule übernommen haben, lernen mit einigen Neuzugängen inzwischen 27 Chinesen und fünf Vietnamesen an der Schule, dazu kommen 23 Deutsche.

Leere Konten

Auch beim Insolvenzverwalter der AMB, der Berliner Kanzlei Leonhardt und Partner, ist man alles andere als gut auf Peter Klier zu sprechen. Die Zusammenarbeit verlaufe äußerst schleppend, alle Geschäftskonten seien leer gewesen. Und: "Es gibt Anzeichen für Insolvenzverschleppung". Der AMB-Geschäftsführer streitet die Vorwürfe ab: "Das ist Quatsch", sagt Peter Klier. Ansonsten mochte er sich, auch auf wiederholte Anfrage von SPIEGEL ONLINE, nicht äußern.

Als Konsequenz aus den Kapriolen fordern Offizielle in Deutschland und China, jungen Chinesen die Möglichkeit zu versperren, ein deutsches Abitur zu erwerben. "Wir wollen, dass die Schüler zu Hause ihre Grundausbildung machen, dann ein deutsches Studium zur Weiterbildung nutzen", sagt Botschaftsrätin Liu Jinghui.

Beim Wort "Privatschulen" dächten chinesische Familien an traditionsreiche Einrichtungen wie in Großbritannien und USA. Der Ruf deutscher Lernanstalten habe dagegen nachhaltig gelitten, so die Botschaftsrätin: "So etwas ist ein großer Schaden für die jungen Leute. Inzwischen sind Schüler und Eltern sehr vorsichtig mit deutschen privaten Bildungsanbietern."



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