Chirurgin - in echt "Das Adrenalin steigt bis zur Schädeldecke"

Als Sonja Martenstein, 26, im Praktikum vor einem offenen Bauch stand, war es um sie geschehen: Sie wollte Ärztin werden. Inzwischen hat sie das Medizinstudium hinter sich gebracht und arbeitet als Chirurgin. Doch der Krankenhaus-Alltag ist alles andere als einfach.

"Eigentlich wollte ich Polizistin werden. Medizin, das war mehr ein allgemeines Interesse. Bis ich nach dem Abitur ein Praktikum bei einem Kollegen meines Vaters in der Chirurgie gemacht habe. Da stand ich zum ersten Mal am OP-Tisch. Ich durfte die Leber des Patienten beiseite halten und nach dem Nähen den Faden abschneiden. Das hat mich total fasziniert.

Mein Fachgebiet ist die Thorax-Chirurgie. Wir sind, grob gesagt, für das zuständig, was sich im Brustkorb befindet – nicht fürs Herz, das ist ein eigener Bereich. Aber wenn ein Patient beispielsweise einen Tumor in der Lunge hat, wird er bei uns operiert.

Der Stationsalltag ist viel geregelter, als ich erwartet hatte. Jeden Morgen um 7 Uhr trifft sich das gesamte Ärzteteam zu einer Übergabe. Der diensthabende Nachtarzt erzählt, was in den vergangenen Stunden passiert ist, und der Zustand der Patienten wird besprochen.

Übergabe, Visite, Neuaufnahmen - dann ab in den OP

Anschließend folgt die Visite mit den Ärzten und dem Pflegepersonal. Zweimal in der Woche ist unser Chefarzt bei allen Patienten dabei, er sieht jeden Tag Entlassungen und neue Patienten. Nach der Visite sind die Neuaufnahmen dran. Ich spreche mit den Patienten über ihre bevorstehenden Untersuchungen und Eingriffe. Dann finden die Operationen statt. Zu den festgesetzten OPs kommen die Notfälle. Wir Ärzte haben immer einen Piepser bei uns, mit dem wir zu den OPs gerufen werden können.

Bei meinem ersten Eingriff musste ich eine Haut-Metastase entfernen. Meine größte Angst war, aus Versehen in den Tumor zu schneiden. Wenn das passiert, kann er sich schnell ausbreiten. Es ist schwierig, Tumorgewebe vom umliegenden Fettgewebe zu unterscheiden. Aber alles ist wunderbar gelaufen, und beim Zunähen war ich gar nicht mehr nervös, nur sehr stolz. Die Arbeit im OP, das ist für mich etwas ganz Besonderes.

Am frühen Nachmittag findet die so genannte Kurven-Visite statt. Da sitzen wir Ärzte allein zusammen und sprechen über die Patienten, nur anhand ihrer Mappe: Wie geht es ihnen aktuell? Welche Medikamente bekommen sie gerade? Was für Eingriffe stehen an? Und: Mit welchen Ergebnissen sind Blut oder Gewebeproben aus dem Labor zurückgekommen?

Zwischen den Besprechungen: Papierkram

Danach folgt eine Besprechung der neuen Röntgenbilder. Dabei ist das ganze Team anwesend – es sei denn, einige Leute sind gerade im OP. Außerdem werden die durchgeführten OPs besprochen, man resümiert gemeinsam, was tagsüber auf der Station passiert ist. Die vielen festen Besprechungstermine finde ich enorm wichtig, weil sie Ruhe in den Tag bringen und das ganze Team zusammenkommt.

Den Rest des Tages verbringe ich auf der Station und erledige den Papierkram, der bis dahin liegen geblieben ist. Außerdem müssen oft nach den Besprechungen noch Gespräche mit Patienten geführt werden. Der direkte Umgang mit den Patienten fällt mir manchmal noch schwer. Vielleicht, weil man darauf an der Uni so gar nicht vorbereitet wird. Und einem Patienten mitzuteilen, dass er einen lebensbedrohlichen Tumor hat, das wird vermutlich immer schwierig bleiben.

"Grey's Anatomy" nach Feierabend

Gleichzeitig sind es aber auch die Momente mit den Patienten, die meinen Job zu etwas Besonderem machen. Ich war vor kurzem mit in einer OP, da dachten wir im Vorfeld, die Patientin habe Lungenkrebs – und dann stellte sich raus, dass sich nur Gewebe entzündet hatte. So eine Nachricht zu übermitteln, diese Erleichterung zu erleben, das gibt mir Kraft.

Vier bis sechs Mal im Monat habe ich Nachtdienst. Das bedeutet, dass ich ab 16 Uhr mit allen chirurgischen Notfällen angepiepst werde und im Krankenhaus bleibe bis um 7 Uhr am nächsten Morgen. Meist wird es sogar 9 Uhr, weil ich ja noch an der Übergabebesprechung teilnehme.

Die Anspannung hält bei Nachtdiensten wach

Die Dienste sind wahnsinnig stressig. Um das auszuhalten brauche ich Koffein - und Adrenalin. Ich trinke tatsächlich Unmengen Kaffee, außerdem hält mich die enorme Anspannung wach. Wenn es eine Weile ruhig ist, kann ich mich im Dienstzimmer schlafen legen. Aber auch dann habe ich meinen Piepser immer am Ohr. Richtig erholsam ist der Schlaf deswegen nie.

Häufig hat man es nachts mit Blinddarm-Notfällen zu tun. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Situationen, die einen besonders fordern. Direkt bei meinem zweiten Nachtdienst ist eine Frau bewusstlos eingeliefert worden, und ich musste sie reanimieren. Da war mein Adrenalin sofort unter der Schädeldecke. Ich war gerade zwei Monate im Job, wiederbelebt hatte ich bis dahin nur Puppen.

Letztlich denke ich, man macht in der Situation instinktiv alles richtig. Aber für die Frau kam unsere Hilfe trotzdem zu spät, sie ist leider verstorben. Das hat mich unheimlich lange beschäftigt. Wie wäre es gewesen, sie zu retten?

Wenn ich gar nicht mehr kann, spreche ich mit meinem Vater. Irgendwie habe ich das gute Gefühl, dass er versteht, wie das ist, wenn man Patienten quasi 'mit nach Hause nimmt'. Außerdem treibe ich nebenher viel Sport, auch das ist für mich ein wichtiger Ausgleich.

Für Privatleben bleibt wenig Zeit, auch, weil man einfach sehr erschlagen ist vom Job. Wenn ich abends nach Hause komme schaue ich oft bloß noch Fernsehen. Vor allem 'Grey's Anatomy' mag ich und finde meine Sorgen und Nöte als junge Assistenzärztin darin wieder - mal abgesehen davon, dass ich keine Affäre mit meinem Vorgesetzten habe."

Aufgezeichnet von Mara Braun