Digitales Lernen "Für Lehrer wäre es mit weniger Datenschutz leichter"

Wie können Schüler sinnvoll mit digitalen Medien im Unterricht arbeiten? Svenia Busson sammelt die besten Beispiele von Schulen aus aller Welt. Ein Land hat sie besonders enttäuscht.
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Svenia Busson, Jahrgang 1994, studierte Politik in Berlin und Management in Paris. Danach machte sie sich auf die Suche nach neuartigen Lernkonzepten in aller Welt. Es entstand der Blog EdTechTours.com. Inzwischen hat sie das Unternehmen LearnSpace gegründet, dass Programmierer von Lernsoftware mit Lehrern und Erziehungswissenschaftlern zusammenbringt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Busson, Sie sind zwei Jahre lang durch die Welt gereist, um besonders kreative Beispiele zu sammeln, wie digitale Technik den Schulunterricht verbessert. Wie hat es Ihnen in Deutschland gefallen?

Busson: In Deutschland entwickelt sich gerade unheimlich viel, und das, obwohl es Ihnen Ihre strengen Datenschutzregeln oft nicht leichtmachen. Ihr Land steht gut da.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Die Selbstwahrnehmung ist hier oft eine ganz andere.

Busson: Ja, aber das erlebe ich praktisch überall. Wer in seinem Bildungssystem, egal in welchem Land, digitales Neuland betritt, hat zunächst das Gefühl, dass es nicht vorangeht. Ich erzähle bei Vorträgen immer, dass mich ein Land besonders enttäuscht hat, und frage dann die Zuhörer, welches das sein könnte. Fast alle glauben, ich meine ihr jeweiliges Land.

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Digitales Lernen: Die besten Beispiele aus aller Welt

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SPIEGEL ONLINE: Was hat denn in Deutschland so einen guten Eindruck auf Sie gemacht?

Busson: Aus Deutschland kommt beispielsweise die Edkimo App, mit der die Lehrer auf elektronischem Weg Feedback von Schülern oder Kollegen einholen können. Die gefällt mir sehr gut. Außerdem war ich in Hamburg auf einer Lehrerfortbildung für Digitaltechnik. Da ging es nicht so sehr darum, welche App und welches Gerät gerade angesagt sind, sondern welche Techniken einen wirklichen Mehrwert für den Unterricht bringen. Das ist sehr pragmatisch. Wer von Texten nur PDFs auf einem Bildschirm zeigt, kann gleich bei Papier als Medium bleiben. Wer dort aber weiterführende Hinweise oder Erklärvideos verlinkt, kann Schülern mehr bieten.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie Deutschland zur Verbesserung noch empfehlen?

Busson: Die Lehrer täten sich leichter, wenn der Datenschutz - den ich auch wichtig finde - nicht ganz so rigide wäre. Zum Beispiel schadet es keinem Schüler, wenn er mit anderen gemeinsam auf einem Google Doc eine Kurzgeschichte schreibt. Das geht in Deutschland aber nicht, weil dabei Daten von deutschen Schülern auf amerikanische Server übertragen werden, und das ist verboten. Generell empfehle ich den Technikeinsatz dann, wenn er die Lernsituation und Erfahrungswelt der Schüler verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Lieblingsbeispiel dafür?

Busson: Eine Schule im neuseeländischen Auckland. Dort ist das Besondere, dass die Schüler das Erlernte stets kreativ umsetzen und der Welt mitteilen. So führen die Schüler ab der sechsten Klasse ein öffentliches Blog und berichten dort über die Themen, die sie gerade behandeln. Dadurch entsteht ein Austausch mit anderen Schulen, die ähnliche Dinge bearbeiten. Die Schüler kommunizieren auf diese Weise über den Stoff und erweitern ihre Kenntnisse.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern ist diese Umsetzung sehr kreativ?

Busson: Sei es Musik, Theater, Comics, Videos - da ist heute viel mehr möglich als früher, etwa mit Grafiksoftware oder Programmen für Musik- und Videoschnitt. Als ich in Auckland zu Besuch war, hat eine Schülergruppe einen Rap-Song über das Leben von Nelson Mandela produziert. Nach zwei Strophen merkten sie, dass sie für eine dritte Strophe nicht genug wussten und haben zusätzliches Material recherchiert. Am Ende wird das Gesamtwerk benotet. Dabei zählt dann natürlich nicht nur die Umsetzung, sondern auch die Fakten. Ich bin sicher: Mit Mandela kennen sich diese Schüler jetzt aus.

SPIEGEL ONLINE: Für welchen Zweck sammeln Sie solche Beispiele?

Busson: Mein Projekt soll ein Marktplatz für gute Ideen sein , damit jeder sehen kann, was beim Lernen mit digitalen Hilfsmitteln alles möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Und welches Land hat sie dabei so enttäuscht?

Busson: Südkorea. Ich hatte erwartet, dass dieses Land, das für die weltweite Entwicklung von Digitaltechnik so wichtig ist, digitale Mittel selbst begeistert einsetzt. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schulen sind erschreckend wenig innovativ.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Busson: In Südkorea lastet auf den Schülern wie auf dem gesamten Schulsystem ein immenser Druck: Wer die Abschlussprüfung nicht schafft oder eine schlechte Note hat, wird gesellschaftlich praktisch aussortiert. Alles Erdenkliche wird getan, um das zu verhindern, Schüler werden heftig gedrillt. So schaffen zwar die meisten die Prüfungen, aber andere Kompetenzen, vor allem im sozialen oder kreativen Bereich, werden nicht gut entwickelt. In der Schulpolitik gilt nämlich: Bloß keine Experimente!