Studie zur Computernutzung Drei von zehn Schülern können nur "Links anklicken und ihr Handy streicheln"

Wie recherchiert man Informationen mit Computer oder Tablet? Woher weiß man, ob sie glaubwürdig sind? Für eine internationale Studie wurden Zehntausende Schüler getestet - mit schlechten Ergebnissen für die deutschen Jugendlichen.

Digital Natives im Klassenraum: Jeder dritte Schüler ist von digitaler Technik und bei der Bewertung von Informationen aus dem Netz überfordert
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Digital Natives im Klassenraum: Jeder dritte Schüler ist von digitaler Technik und bei der Bewertung von Informationen aus dem Netz überfordert


Junge Menschen wachsen mit digitalen Geräten auf. Das heißt aber nicht, dass sie diese Geräte auch beherrschen: Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland kann kaum oder nur schlecht mit einem Computer oder vergleichbarer Technik umgehen.

Das geht aus einer internationalen Vergleichsstudie zu computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässlern hervor. "Diese Schüler können eigentlich nur Links anklicken und ihr Handy streicheln", sagt Birgit Eickelmann, die für den deutschen Teil der International Computer and Information Literacy Study 2018, kurz ICILS 2018, verantwortlich ist.

Das sei besorgniserregend, sagt die Paderborner Schulforscherin. Denn es gehe hier um die Zukunft der 14-Jährigen: Wenn einem Drittel der Schüler grundlegende Kompetenzen für die Zukunft fehlten, sei das "ein Stück weit dramatisch".

Dabei ist Deutschland im internationalen Vergleich sogar noch Mittelmaß. In einigen anderen Ländern sieht es noch schlechter aus: Unter den Schülern der zwölf teilnehmenden Länder sowie Moskaus und Nordrhein-Westfalens als zusätzliche Messgruppen sind insgesamt 43 Prozent nicht ausreichend in der Lage, digitale Medien zum Recherchieren, Gestalten und Kommunizieren von Informationen zu nutzen und diese zu bewerten, um am Leben in der Schule oder der Gesellschaft erfolgreich teilzuhaben.

Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich
Mittelwert der Leistungspunkte

Teilnehmer Mädchen Jungen gesamt
Dänemark 561 545 553
Moskau 552 546 549
Republik Korea 563 524 542
Finnland 545 516 531
USA* 531 508 519
Deutschland 526 511 518
Portugal 522 511 516
Nordrhein-Westfalen 517 513 515
Vergleichsgruppe EU 518 499 509
Frankreich 511 487 499
Internat. Mittelwert 505 488 496
Luxemburg 494 471 482
Chile 480 472 476
Italien 469 454 461
Uruguay 453 448 450
Kasachstan 399 391 395

* Die Schüler- und Schulgesamtteilnahmequote liegt unter dem gesteckten Ziel von 75 Prozent.

< 407 Punkte = keine basalen Kenntnisse
407-491 Punkte = basale Kenntnisse
Quelle: ICILS 2018

Die Macher der ICILS 2018 haben für ihre Studie rund 46.000 Schüler an mehr als 2200 Schulen computergestützte Aufgaben lösen lassen. Am besten schneiden die Achtklässler in Dänemark und Südkorea ab, am Ende des Skala rangiert Kasachstan.

Viel wichtiger als der Unterschied zwischen den Ländern sei jedoch die Differenz innerhalb der Länder, sagt Studienleiter Dirk Hastedt, der die Untersuchungen international koordinierte.

Nur 22 Prozent der Schüler - in Deutschland knapp 24 Prozent - können die geforderten Aufgaben demnach ohne Unterstützung lösen. Es sei erschreckend, wie viele Schüler bei der Nutzung der Computer bereits abgehängt seien, sagt Hastedt.

Erfolg oder Misserfolg ist auch bei den Digitalkompetenzen eng mit dem Elternhaus verknüpft - ein Effekt, der im Bildungsbereich immer wieder zu beobachten ist. Mit dem sozioökonomischen Status der Schüler sei eine digitale Kluft verbunden, schreiben die Studienautoren. Jugendliche aus einem weniger privilegierten Elternhaus schneiden demnach signifikant schlechter ab.

Es sei "nicht hinnehmbar, dass weiterhin ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem kompetenten Umgang der Jugendlichen mit den digitalen Medien besteht", sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE), sagt, es sei verheerend, dass sich der Unterschied nicht verringert habe.

Aufholjagd bei der Ausstattung

2013 wurde die Studie zum ersten Mal durchgeführt. Die Schüler in Deutschland haben ihr mittelmäßiges Niveau demnach zwar gehalten - sie hätten sich aber eigentlich verbessern müssen, sagt Schulforscherin Eickelmann. Schließlich sei Digitalisierung schon seit Jahren ein Thema, in den Bundesländern habe es verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung gegeben.

Bei der Ausstattung hat sich zwar schon etwas getan. So hat sich beispielsweise die Zahl der Schulen, die für ihre Schüler ganze Klassensätze an Tablet-Computern oder Smartphones bereitstellen können, seit 2014 von zwölf Prozent auf 34 Prozent nahezu verdreifacht.

Deutschland steht aber immer noch verhältnismäßig schlecht dar: Nur etwas mehr als ein Viertel der Achtklässler besucht beispielsweise eine Schule mit Internetzugang für alle. Internationaler liegt der Anteil bei fast 65 Prozent, heißt es in der Studie.

Technik allein hilft nicht

Die Studie zeigt jedoch deutlich: Die Ausstattung von Schülern oder Lehrern mit Technik allein reicht nicht aus, um deren digitale Fähigkeiten zu verbessern. Zwar haben laut der Erhebung die meisten Schüler Zugriff auf softwarebezogene Lernressourcen. Doch müsse den Schülern der effektive Umgang mit Computern beigebracht werden.

Hier schneiden die Schüler in Deutschland besonders schlecht ab:

  • Nur 66 Prozent sagen, die Schule habe ihnen beigebracht, mithilfe der Technik Informationen zu suchen. Der internationale Durchschnitt liegt bei 74 Prozent.
  • Nur 39 Prozent geben an, sie hätten in der Schule herauszufinden gelernt, ob Informationen im Internet glaubwürdig seien. Im internationalen Vergleich sind es 65 Prozent.

Bei all dem Stillstand, den die Studie dokumentiere, gebe es auch einen positiven Aspekt, sagt Eickelmann. Das Engagement in den Schulen habe sich verändert. Immer mehr Schulleitungen setzen sich selbst Bildungsziele in Bezug auf die Digitalisierung. Vor fünf Jahren habe es nur vereinzelte Leuchtturmprojekte gegeben.

Warnung vor der Pseudodigitalisierung

Und auch die Lehrer nutzen die Angebote vermehrt. Der Anteil der Pädagogen, der digitale Medien täglich benutze, liege bei einem Viertel, in der ersten Studie lag er noch bei zehn Prozent. Allerdings ist der Einsatz alles andere als innovativ: Fast die Hälfte der Lehrer gibt an, digitale Medien im Unterricht zu nutzen, um Informationen im Frontalunterricht zu präsentieren.

Eickelmann warnt deshalb auch vor einer Pseudodigitalisierung: "Bisher kommt bei den Schülern nicht viel an." In Deutschland habe sich die Debatte immer zu sehr um die Ausstattung gedreht. Es müsse jetzt darum gehen, die Technik zu vermitteln und den Unterricht zu modernisieren.

Den Schulen stehen durch den Digitalpakt Schule seit diesem Jahr Milliarden zur Verfügung. Laut Eickelmann müssten sie allerdings aufpassen, dass sie das Geld nicht nur in die Ausstattung, sondern auch in die Weiterbildung steckten. Bisher fehle es noch an geeigneten pädagogischen Konzepten zur Nutzung der Medien.

Im internationalen Vergleich sei Deutschland stets der Hase, der im Rennen gegen den Igel verliert, sagt Eickelmann. "Wir strengen uns immer an, und wenn wir angekommen sind, haben uns die anderen schon wieder überholt."

Mehr zur Studie
Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?
Die ICILS-Studie kommt von der Organisation International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA), die auch andere Vergleichsstudien wie Timss oder Iglu koordiniert. Für den deutschen Teil ist die Paderborner Schulforscherin Birgit Eickelmann verantwortlich. Die Teilnahme Deutschlands an der Studie wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.
Wie wurden die Daten erhoben?
In Deutschland umfasste die bundesweit repräsentative Stichprobe 3655 Schülerinnen und Schüler der achten Jahrgangsstufe und 2386 Lehrerinnen und Lehrer, die in der achten Klasse unterrichten. Die Tests und Befragungen wurden im Frühjahr und Frühsommer 2018 durchgeführt.

Das zeigt auch eine Sondererhebung zum "Computational Thinking". Da der Alltag zunehmend von Algorithmen geprägt werde, wurde darin untersucht, ob die Schüler sich in dieses Denken hineinversetzen können. Sie konnten es nicht und schnitten deutlich unter dem internationalen Mittelwert ab. In zahlreichen Ländern sei das Thema bereits Bestandteil von Lehrplänen, sagt Eickelmann. In Deutschland gebe es hingegen noch "viel Handlungs- und Entwicklungspotenzial".

insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
proffessor_hugo 05.11.2019
1.
Nun Fahrenheit 451 läßt grüßen.... Schüler sollten völlig ohne Computer unterrichtet werden. Wenn man heute Texte im Internetz liest - gelegentlich sogar bei SPON - fallen die flache Sprache, grammatische und syntaktische Schnitzer auf - die hätte vor 50 Jahren kein Zweitklässler gemacht. Lesen, lesen, lesen... Rechner, die man nicht ohne jegliche Anleitung nutzen kann, taugen eh nix bzw. sind mies programmiert.
m_s@me.com 05.11.2019
2. Kinder erst ignorieren, und dann Häme über sie auskippen
Mit aller Macht wehrt sich eine große Mehrheit des deutschen Schulsystems, von den Kultusministerien bishin zu Lehrern und Erziehern, vor dem Einzug der digitelen Realität. Wer Kinder aussperrt, hat kein Recht, sich über deren mangelnde Kompetenz lustig zu machen. Das ist doppelt verwerflich.
smartphone 05.11.2019
3. nur 3 von 10
Angesichts der Art und Weise ,wie Die Firmen mit MINT umgehen, also fähige Programmierer und Projektleiter mit "gute Leute muss man Absagen ( Bosch) " Manier abcancelt -seit der Weden btw --gleichzeitig man dito siet jeher vom Fachkräftemangel schafuliert.. .. ergo wozu mehr können als das Ding einzuschalten und für Sinnvolles wie eben Wahtsapp, Youtubekatzenvideos etc zu nutzen ... Es gibt hierzulande nix unnötigeres wie Zeit und Energie für ein Unistudium, zumal ein Technisches aufzuwenden. ( Das muß´man leider qua Erfahrung sagen )
TheK79 05.11.2019
4.
"Meine Tochter (10) hat noch kein Handy, aber sie kann schon damit umgehen"… Jup, konnte was dran spielen, nachdem es ihr ein 7-jähriger (der eher zu viel am Handy sitzt) erklärte :)
heinrich.busch 05.11.2019
5. Ich will es nicht mehr hören,
dass man die "sozial unterprivilegierten" wieder abgehängt sind, zusätzlicher Unterricht notwendig ist etc. Dss wird nichts.In meiner Wahrnehmung haben genau die die neusten Handys und den neusten Softwareblödsinn darauf. Und ja genau die sind am schnellsten links beim klicken und rechts beim wischen. Am Ende sind die auch bei einem PC nur Anwender, oftmals nur an einer oder zwei Schablonen. Wenn, wie einige ein Notebook haben, dann ist es ganz schnell hin und fliegt in die Ecke oder sie kommen zum 40 bzw. 50 Jahre älteren Opa ob er es richten kann. Ja kein Windows und erst Recht kein Linux.Am Besten Apple das ist so stabil und geht (kaum) kaputt oder wie mein Sohn zu sagen pflegt Apple ist halt für Dummies.
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