Cyber-Mobbing gegen Lehrer Von Schülern verhöhnt - und die ganze Welt sieht zu

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2. Teil: Bullying und Mobbing - deutsche Lehrer in der Klinik


Bei allen Vorteilen der neuen Technik: Die Folgen für die belästigten Lehrer seien verheerend, sagt Lehrervertreterin Bousted. "Sie werden öffentlich gedemütigt. Ihr Ruf wird beschädigt, der berufliche Stolz und das Selbstvertrauen leiden stark." Das Problem mache längst "nicht am Schultor halt". Eine Untersuchung des Verbands ergab, dass 17 Prozent der befragten britischen Lehrer schon einmal mit Hilfe von Handy oder E-Mail belästigt wurden.

Ein überraschendes Ergebnis ist allerdings: Nur ein Drittel der Befragten macht Schüler für die Belästigungen verantwortlich. Weitere Übeltäter sind Kollegen, Vorgesetzte oder gar die Eltern von Schülern. Beim Cyber-Bullying gibt es demnach auch einen breiteren Täterkreis als beim gewöhnlichen Streichespielen.

"Die Forschung steht noch ganz am Anfang"

In Deutschland ist das Thema noch weitgehend unbekannt - zumindest statistisch gesehen. Eine Auflistung solcher Fälle gibt es nicht, entsprechende Informationen müssen nicht gemeldet werden.

Ein europäisches Pilotprojekt soll nun Fakten sammeln. "Teachers in bullying situations" heißt die Teilstudie eines europäischen Kooperationsprojektes, zu der an der Universität Lüneburg geforscht wird. Lehrern werden für die Untersuchung Fallbeispiele vorgelegt und ihre Reaktionen untersucht.

"Dieses Thema ist bislang national wie international kaum bearbeitet", sagt Heinz Witteriede, der das Projekt in Lüneburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter koordiniert. Bullying oder Mobbing seien vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie über einen längeren Zeitraum erfolgen. "Wenn es sich um einen einzelnen Vorfall handelt, würde ich nicht davon sprechen." Mobbing zu beweisen ist allerdings schwierig. Es dreht sich um eine schwer objektivierbare Größe: die Wahrnehmung des Einzelnen.

Wenn der Job zur Qual wird

In der Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen suchen Pädagogen Hilfe, die die Probleme im Schulalltag nicht mehr ohne professionelle Unterstützung bewältigen können. Chefarzt Erwin Schmitt sagt: "Entscheidend für die Entstehung von chronischem Stress ist das Gefühl, von außen beeinflusst oder gar fremdbestimmt zu werden." Die Arbeit wird dann häufig als Schikane empfunden, der Job zur Qual. "Die Patienten haben das Gefühl, die Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sie sehen keinen Sinn mehr in dem, was sie tun."

Die Gründe für die Belastungen sind zahlreich: Die Klassen werden immer größer, die Eltern immer kritischer, zugleich erziehen sie ihre Kinder immer weniger, und die Kultusbürokratie erlässt immer mehr Auflagen.

Ein Großteil der Lehrer in der Parkklinik leidet unter einer sogenannten Burnout-Depression. "Die Erkrankung wird in den meisten Fällen durch starken beruflichen Stress und nicht durch Veranlagung ausgelöst", sagt Schmitt. Ein konkreter Anlass - wie der Vorfall in der schottischen Schule - sei dann nur noch der Auslöser.

Aufruf an Internetseiten-Betreiber

Bei einem Patienten wurde ein Schneeball zum Sinnbild der eigenen Ohnmacht - den hatte ein Schüler dem Lehrer an den Kopf geworfen.

Doch die Lehrer, die sich in Behandlung begeben, haben gute Chancen. In der Therapie werden die Gründe für die Probleme erforscht und praktischer Rat gegeben. "Ein Großteil der Patienten geht wieder zurück in den Schuldienst", sagt Schmitt.

In Großbritannien diskutiert man derweil darüber, wie der Missbrauch technischer Geräte künftig zu verhindern ist. Die "Vereinigung von Lehrern und Dozenten" hat die Betreiber von Internetplattformen dazu aufgerufen, diffamierendes Material umgehend von den Seiten zu entfernen.

Im Fall des entblößten Lehrers aus Schottland funktionierte das, die erste Version wurde von YouTube entfernt - aber erst, nachdem die Bilder um alle Welt gingen. Und in Kopien ist das Video dort immer noch zu finden.



insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
SaT 05.04.2007
1. Symptom und nicht die Ursache
Ich denke Gewaltvideos sind nur das Symptom und nicht die Ursache für die gefilmte Gewalt. Ein normaler Mensch den man eine Kamera in die Hand drückt denkt "prima, ich mache jetzt mal ein paar Familien und/oder Urlaubsbilder ". Vielleicht kommt er noch auf die Idee mal seine Frau im Schlafzimmer zu filmen. Aber eben nur physisch Kranke kommen überhaupt darauf einen Überfall oder gar Vergewaltigung zu aufzunehmen.
SaT 05.04.2007
2.
Zitat von SaTIch denke Gewaltvideos sind nur das Symptom und nicht die Ursache für die gefilmte Gewalt. Ein normaler Mensch den man eine Kamera in die Hand drückt denkt "prima, ich mache jetzt mal ein paar Familien und/oder Urlaubsbilder ". Vielleicht kommt er noch auf die Idee mal seine Frau im Schlafzimmer zu filmen. Aber eben nur physisch Kranke kommen überhaupt darauf einen Überfall oder gar Vergewaltigung zu aufzunehmen.
Ich meinet natürlich psychisch ;-)
jimKn0pfEnhanced, 05.04.2007
3.
Machen Jugendliche nicht nur das nach was alltäglich im TV und seit neustem auch von Werbung gezeigt wird? Sollte nicht Gewalt im Fernsehen strenger kontrolliert werden?
the.pirate, 05.04.2007
4.
Die jungen Männer ahmen nur nach, was ihnen in Pornovideos und zum Teil in HipHop-Videos vorgelebt wird: Die (attraktive) Frau als immerbereite Schlampe, der es gar nicht genug Männer sein können. Solange eine Gesellschaft (Eltern, Lehrer, Freunde, aber vor allem auch Medien!) aber nicht fähig ist diesen Heranwachsenden ein "gesundes" Bild zu vermitteln und diese das fiktionale Bild als gegeben ansehen, ist die Gesellschaft das Problem. Das Video ist eine Trophäe, ähnlich dem Mercedes-Stern zu meiner Zeit - nur, wer selber mal einen Stern abgebrochen hatte, war aufgenommen. Und nun sind die Jungs die Rudelführer, die die krassesten Videos auf dem Handy haben. Sei es nun Pornographie oder Happy Slapping - und Könige und Legende sind dann die, die auch noch selber im Video zu sehen sind. Vor 3 oder 4 Jahren waren diejenigen die Könige, die die meisten MP3s auf dem Rechner hatten, heute sind es die mit dem "krassesten" Handy-Content. Fazit für mich: Die Heranwachsenden sind immer nur so krank wie ein Gesellschaft es zulässt. Und: Die Heranwachsenden verändern ihre Trophäen und passen sie den technischen Möglichkeiten an.
Arnd Hinze, 05.04.2007
5. Erniedrigung dient dazu Respekt zu erhalten
Zitat von SaTIch denke Gewaltvideos sind nur das Symptom und nicht die Ursache für die gefilmte Gewalt. Ein normaler Mensch den man eine Kamera in die Hand drückt denkt "prima, ich mache jetzt mal ein paar Familien und/oder Urlaubsbilder ". Vielleicht kommt er noch auf die Idee mal seine Frau im Schlafzimmer zu filmen. Aber eben nur physisch Kranke kommen überhaupt darauf einen Überfall oder gar Vergewaltigung zu aufzunehmen.
Das Schlimme daran ist dass dieses Verhalten von anderen Schülern mit Angst und Respekt belohnt wird und die Opfer, eben nicht die Täter ausgegrenzt werden. Es ist also ein ideales Mittel um sich trotz Versagens in anderen Bereichen den Respekt der Gruppe zu verschafffen. Ich würde deshalb das Filmen von Erniedrigungen bis hin zu Vergewaltigungen auf keinen Fall als Fälle "psychisch Kranker" abtun. Die Schüler wissen genau was sie tun.
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