Datenschutzbedenken Fotoverbot zur Einschulung an zahlreichen Grundschulen

Bei Einschulungen oder Abschlussfeiern gilt in vielen Schulen inzwischen ein Fotoverbot: Zu groß ist die Angst, gegen Datenschutzregeln zu verstoßen. Was können Rektoren und Eltern tun?

In dieser anonymisierten Form datenschutzrechtlich unbedenklich: Foto von einer Einschulung
Westend61/ SPIEGEL ONLINE/ Getty Images

In dieser anonymisierten Form datenschutzrechtlich unbedenklich: Foto von einer Einschulung

Von Franca Quecke


Früher hatte es Thilo Philipp leichter. Bevor die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Kraft trat, sagt Philipp, Leiter einer Schule in Schleswig-Holstein, hätten die Eltern bei der Einschulung einmal zustimmen müssen, dass bei Veranstaltungen Bilder von den eigenen Kindern gemacht werden dürfen. Dieses eine Mal, das hätte dann bis zur Abschlussfeier gereicht.

Das ist vorbei. Seit gut einem Jahr muss sich Thilo Philipp an seiner Gemeinschaftsschule am Seminarweg in Bad Segeberg konsequent an die DSGVO halten: Fotos von Schülern hat er von der Homepage entfernen lassen, genauso wie alte Papierbilder aus Schaukästen im Schulgebäude - weil keine Einverständniserklärung der Eltern vorlag.

Auch am vergangenem Mittwoch, bei der Einschulung der neuen Fünftklässler, hatte er die Eltern informiert: Filmen und Fotografieren ist während der Feier nicht erlaubt, auch nicht für den privaten Gebrauch. Erst nach der Veranstaltung konnten sich die Kinder, deren Eltern vor Ort einwilligten, für Fotos zusammenfinden.

"Natürlich ist das für manche enttäuschend: Eine Schule lebt von Bildern aus dem Schulalltag. Andererseits kann es nicht sein, dass die Gesichter unserer Schüler plötzlich im Internet auftauchen - vor Missbrauch müssen wir sie deshalb schützen", sagt der Schulleiter. Gar keine Bilder mehr zu erlauben, sagt Philipp, fände er nicht richtig. Auf die Lösung, erst anschließend Bilder zu machen, hätten die Eltern gut reagiert.

Geschwärzte Balken im Fotoalbum oder eine Schultüte vor dem Gesicht? Aus Angst vor Datenschutz-Klagen erlassen viele Schulen inzwischen Fotoverbote bei der Einschulung oder der Abschlussfeier. Erst am Freitag berichtete die "Mitteldeutsche Zeitung", dass etliche Grundschuldirektoren in Sachsen-Anhalt Fotos und Filme vollständig von der Einschulung verbannen wollten - das gelte auch dann, wenn Eltern die Bilder nur ins Fotoalbum kleben würden.

"Niemand muss ohne Foto sein, der es nicht möchte"

So auch an der Grundschule "Frohe Zukunft" in Halle: Ein Aushang hatte darauf hingewiesen, dass während der Einschulung keine Fotos gemacht werden dürfen. Da nicht alle Eltern seiner zukünftigen Erstklässler ihr Einverständnis gegeben hatten, habe er die Kinder eben vor ungewollten Bildern schützen müssen, sagt Schulleiter Steffen Hunkert. Trotzdem hätten die Eltern im Anschluss die Möglichkeit gehabt, Bilder zu machen - von allen Klassenkameraden mit Einwilligung der Eltern.

Für die Eltern, deren Bilder verwackelt sind, hat sich Schulleiter Hunkert außerdem noch etwas anderes überlegt: Einen freiwilligen Fototermin am Ende der Woche. "Niemand muss ohne ein Foto sein, der es nicht möchte", so Hunkert.

448 Grundschulen gebe es in Sachsen-Anhalt, sagt Stefan Thurmann, Pressesprecher des Bildungsministeriums. Ihm sei keine bekannt, an der es wegen der DSGVO bisher Probleme gegeben hätte. Ist es dann wirklich notwendig, gleich ein komplettes Fotoverbot auszusprechen?

"Grundsätzlich ist es kein Problem, wenn Eltern bei der Einschulung Fotos von den eigenen Kindern machen wollen - vor allem, wenn es um die Veranstaltung geht", sagt Florian Fuchs von der Anwaltskanzlei Kümmerlein, der zu IT-Recht und Datenschutz berät. Auch wenn andere Kinder auf den Fotos zu sehen sind, gibt es zunächst einmal keine rechtlichen Probleme - vor allem, wenn man sie nur als Erinnerung an den Kühlschrank hängt.

Totalverbot, Bilder zu bestimmten Zeitpunkten - oder Schlüsselketten?

Erst, wenn man die Bilder ins Internet hochlädt, wird es Fuchs zufolge problematisch: In diesem Fall muss der Fotograf vor der Veröffentlichung eine Einwilligung beider Elternteile einholen, am besten eine schriftliche. Wer das nicht tut, der kann verpflichtet werden, die Bilder zu löschen, außerdem können Bußgelder anfallen.

Schulen, sagt Anwalt Fuchs, würden prinzipiell nicht dafür haften, wenn Elternteile Fotos machen und dann bei Instagram hochladen. Es sei denn, sie sprechen ein Verbot aus: "Dann müssen sich Rektoren auch darum kümmern, dass niemand Bilder von Kindern macht, die das nicht möchten." Im Klartext: Schulen handeln sich mit Verboten eigentlich größere Probleme ein.

Das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt hat schon vor einem Jahr Empfehlungen veröffentlicht, wie Schulen mit Fotos auf Schulveranstaltungen umgehen können: Zum einen können sie Bilder erlauben, die an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit angefertigt werden, so wie Steffen Hunkert es an seiner Schule tut. Eine andere Möglichkeit wäre ein Erkennungszeichen für die Kinder, die nicht fotografiert werden möchten - zum Beispiel eine Schlüsselkette. Oder eben: das Totalverbot. Das könnte dem Ministerium zufolge allerdings "auf wenig Zustimmung" stoßen.

"Uns ist klar, dass ein endgültiges Fotoverbot nicht für viel Euphorie sorgt", sagt Stefan Thurmann, Pressesprecher des Bildungsministeriums. "Die Schulen sprechen das Fotoverbot daher sicher nicht leichtfertig aus - in der Regel erst, wenn einige Eltern nicht einwilligen wollen." Um sich vor Kritik zu schützen und kein Risiko einzugehen, mache man dann eben vom Hausrecht Gebrauch.

Weniger fotografieren, mehr feiern

Harald von Bose, Datenschutzbeauftragter in Sachsen-Anhalt, rät Schulen zur Gelassenheit. Er wisse von einigen Grundschulen, die Fotos bei der Einschulung grundsätzlich verboten hätten - und bei deren Feiern trotzdem fotografiert wurde.

Prinzipiell sei gegen Fotos bei solchen Veranstaltungen auch wenig einzuwenden: "Der Datenschutz steht solchen Aufnahmen nicht im Weg, im Gegenteil." Problematisch werde es nur bei einzelnen Porträts, die unkontrolliert an Dritte gingen.

Von Bose hofft, dass sich die Aufregung nach den Einschulungen im ganzen Land wieder legen werde: "Letztendlich sollte es an diesem besonderen Tag doch um die Einschulung gehen - nicht um die Fotos davon."

Und jetzt sind Sie dran
    Halten Sie ein totales Fotoverbot für überzogen? Bedauern Sie es, dass Sie auf der Einschulung Ihres Kindes kein schnelles Foto mit den neuen Klassenkameraden machen dürfen? Oder können Sie die Rektoren verstehen, die ihre Schüler davor schützen wollen, plötzlich im Netz aufzutauchen? Was halten Sie für eine gute Lösung?
  • Schreiben Sie uns eine E-Mail.
Mit Einsendung unter Ihrem vollen Namen - und gegebenenfalls Nennung der Quelle - bestätigen Sie, dass Sie einer honorarfreien Veröffentlichung unter Nennung Ihres Namens zustimmen.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.