DDR-Vergangenheit eines Ministers "Ich war einfach feige"

Wenn ein Minister mit Schülern diskutiert, kann es durchaus hart zur Sache gehen. Fürstenwalder Gymnasiasten entlockten Holger Rupprecht überraschende Geständnisse - und erstmals einen Blick in seine Stasi-Akte werfen will Brandenburgs Bildungsminister jetzt auch.


Die Frage trifft Holger Rupprecht vollkommen unvorbereitet: "Wie können Sie es mit ihrer heutigen Position als Bildungsminister vereinbaren, dass Sie zu DDR-Zeiten junge Menschen zu unmündigen Bürgern erzogen haben?" Vom Brandenburger SPD-Politiker wissen will das ein Schüler des Abiturjahrganges an der katholischen Privatschule Bernhardinum in Fürstenwalde.

Amei Stock (r.) machte Druck, Minister Rupprecht gab nach
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Amei Stock (r.) machte Druck, Minister Rupprecht gab nach

Der ehemalige Sportlehrer muss sich erst besinnen, ehe er antwortet. "Sie dürfen mir glauben, dass ich meine Vergangenheit äußerst selbstkritisch betrachte und heute zu meiner Entschuldigung sagen muss, dass ich einfach feige war", gesteht er beim Schulbesuch am Freitag ein.

Dass sich der Bildungsminister ausgerechnet an einer katholischen Privatschule im atheistisch geprägten Brandenburg zu einem solchen Geständnis durchringt, kommt nicht von ungefähr. Denn an der Schule macht Amei Stock, 18, derzeit ihr Abitur. Die gebürtige Hessin, die jetzt in Woltersdorf lebt, hatte im Februar mit einem offenen Brief eine heftige Diskussion entfacht.

Manche Ost-Lehrer lassen DDR "bewusst" außen vor

Darin hatte sie Rupprecht die Verantwortung für nach ihrer Ansicht gravierende Wissenslücken der heutigen Jugend zur DDR-Geschichte vorgeworfen. Rupprecht ignoriere die Tatsache, dass an Brandenburger Schulen die DDR unzureichend behandelt werde. Zuvor war eine Studie veröffentlicht worden, wonach Brandenburger Schüler wenig über die DDR wissen - weniger etwa als Gleichaltrige aus Bayern.

Rupprecht hat seitdem mehrere Gymnasien besucht, um mit Schülern und Zeitzeugen über die DDR zu diskutieren. Das Bernhardinum ist die vierte Station. Hier räumt Rupprecht denn auch Versäumnisse hinsichtlich der wissenschaftlich attestierten Wissenslücken heutiger Schüler zum Thema DDR ein.

So nennt Rupprecht als einen möglichen Grund die mangelnde Bereitschaft einzelner Lehrer, sich mit dem Thema DDR im Geschichtsunterricht auseinanderzusetzen. "Der Rahmenlehrplan bietet genügend Möglichkeiten, eigenständig Prioritäten zu setzen. Es gibt wohl aber auch Lehrer, die diese Freiheiten aus privaten Motiven heraus bewusst ungenutzt lassen", formuliert Rupprecht seine Vermutung vorsichtig.

Zu wenig Zeit für DDR-Themen

Im Fürstenwalder Bernhardinum ist keiner der Lehrer verdächtig, die DDR-Geschichte bewusst unter den Tisch fallenzulassen. Sämtliche Lehrer, die an dem nach der Wende gegründeten Schulzentrum das Fach Geschichte unterrichten, kommen aus den alten Bundesländern oder Berlin. Dennoch fehlt es auch ihnen an ausreichender Zeit, sich dem Thema umfassend zu widmen.

"Wünschenswert wären 20 Wochenstunden über einen Zeitraum von sechs bis sieben Wochen in der Oberstufe. Tatsächlich haben wir aber nur einen Bruchteil davon", sagt Kerstin Ahrens, Lehrerin für Geschichte und Politik aus Berlin-Tempelhof am Bernhardinum.

Als Grund nennt sie den Druck, den sie durch die Brandenburger Prüfungsordnung hat. "Als Lehrer orientiert man sich in erster Linie am Prüfungsstoff. Und da die DDR nicht in der Prüfung abgefragt wird, setzt man andere Prioritäten", sagt Ahrens.

Minister will Rahmenlehrpläne prüfen - irgendwann

Dass die Brandenburger Prüfungsordnung die DDR bislang ignoriere und das Thema daher kaum Berücksichtigung im Unterricht finde, sei ihm bislang nicht bewusst gewesen, räumt der Bildungsminister bei der Diskussion ein. "Es ist zu klären, weshalb das bislang so gelaufen ist", sagt Rupprecht. Neben der Überarbeitung der Prüfungsinhalte kündigt er als weitere Konsequenz eine Prüfung der Gewichtungen im Brandenburger Rahmenlehrplan an.

Wann dies geschehen soll, lässt der Minister freilich offen. Als Privatmann zieht Rupprecht aus der Diskussion aber unmittelbare Konsequenzen. "Das hat mich persönlich tief beeindruckt und mich dazu ermutigt, Einsicht in meine Stasi-Akte zu nehmen", sagt er.

Mit diesem Schritt wolle er vor allem mehr Mut als vor 20 Jahren zeigen. "Ich mache das, obwohl ich riesigen Bammel davor habe", gesteht Rupprecht.

Von Michael Klug, ddp



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