Debatte um die richtige Pädagogik Kein Zurück zur Paukschule

Die Welle von Missbrauchsfällen an deutschen Schulen verunsichert auch die Lehrerschaft. Ein Pädagogenkongress in Mainz verurteilte sexuelle Straftaten gegen Jugendliche und jegliche Beschönigung scharf. Trotzdem dürfe es kein Zurück in Vor-Reformpädagogische Zeiten geben.

Odenwaldschule: Vom Hort der Reformpädagogik zum Symbol des Missbrauchs
AP

Odenwaldschule: Vom Hort der Reformpädagogik zum Symbol des Missbrauchs


Das Schweigen ist gebrochen. Fast täglich offenbaren sich ehemalige Internatsschüler und teilen mit, von Priestern und Lehrern sexuell missbraucht worden zu sein. Der katholischen Kirche werden jahrzehntelange Kartelle des Vertuschens vorgehalten. Und die deutsche Erziehungswissenschaft sieht sich vor dem Hintergrund der Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule Vorwürfen ausgesetzt, dass die Reformpädagogik der frühen siebziger Jahre nicht nur Autorität zerstört hat - sondern auch die notwendige Distanz zwischen Lehrern und Schülern, was den sexuellen Missbrauch begünstigt habe.

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Fachkongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) werden, der am Montag mit über 2000 Professoren, Lehrern und Studenten in Mainz begann. Tagungsmotto und Themen waren seit langem festgelegt: "Bildung in der Demokratie" sollte im Mittelpunkt stehen, ebenso das ungelöste Problem, dass in Deutschland nach wie vor die Bildungschancen so sehr abhängig von der sozialen Herkunft sind wie in kaum einer anderen großen Industrienation der Welt.

Distanzlosigkeit eines Vordenkers

Doch spätestens nach den Horrornachrichten über die Vorkommnisse an der Odenwaldschule konnten die Wissenschaftler nicht einfach zur Tagungsordnung übergehen - gilt doch gerade diese Schule als ein Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik. Schulleiter Gerold Becker, dem jahrelanger Missbrauch von Schülern vorgeworfen wird, war gefragter Ratgeber auch für viele andere Schulen. Sein Lebenspartner, der heute 84-jährige Hartmut von Hentig, gilt als die Ikone der deutschen Erziehungswissenschaft. Gegen ihn wurden keine Missbrauchsvorwürfe erhoben. Doch sorgte er für Wirbel, als er in der vergangenen Woche die schweren Vorwürfe gegen Becker relativierte. Auch im Interview mit SPIEGEL ONLINE wollte sich Hentig nicht eindeutig distanzieren.

Was tun? In einer eher gestelzt klingenden Vorstandserklärung distanzierten sich die Wissenschaftler klar gegen die "Verletzungen der psychischen, physischen und sexuellen Intimität und Integrität von Kindern und Jugendlichen", für die "keine pädagogischen Ideen, Modelle, Konzepte oder Theorien legitimierend zitiert werden" können. Gleichwohl warnen sie aber davor, die Missbrauchsfälle zum Vorwand zu nehmen, "die Demokratisierung der pädagogischen Praxen in den zurückliegenden gut dreißig Jahre in Frage zu stellen".

"Unerträglich, wenn Opfer zu Tätern gemacht werden"

Deutlich klarere Worte fand dagegen der Soziologe Oskar Negt, der den Begriff des sexuellen Missbrauch als verharmlosend ansieht - wie es eben auch keinen sexuellen "Gebrauch" geben darf. "Das ist Gewaltverhalten und muss eindeutig so benannt werden", sagte Negt, der nach eigenem Bekunden über Jahrzehnte mit Hentig und Becker eng bekannt ist. Die Nachrichten hätten ihn "mit einem großen Schlag" getroffen.

Was ihn dabei besonders schmerze, sei Hentigs "Flucht nach vorn", bekannte Negt vor der Presse in Mainz. Bei allem Verständnis, seinen Lebenspartner schützen zu wollen - so sei es doch "unerträglich", wenn Hentig jetzt versuche, "Opfer zu Täter zu machen".

Besonders aufgewühlt hat dabei die Pädagogen-Szene ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung" aus der vergangenen Woche, in dem Hentig seinen Lebenspartner Becker als begnadeten Lehrer bezeichnet, der nichts Böses getan habe. "Wenn überhaupt, könnte allenfalls mal ein Schüler seinen Lehrer Becker irgendwie verführt haben", hatte Hentig in dem Gespräch gesagt.

Ohne Nähe und Empathie läuft kein Erziehungsprozess

Gleichwohl will die deutsche Erziehungswissenschaft nicht den Weg zurück zur alten autoritären Paukschule der fünfziger und frühen sechziger Jahre gehen. Gerade die "vorbehaltlose Anerkennung von Autorität", wie sie beispielsweise der konservative Pädagoge Bernhard Bueb fordert, stehe der Entwicklung eines autonomen Kindes entgegen, das "Nein" sagen kann, wenn Ungebührliches von ihm verlangt wird - so der Mainzer Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger. Zur Erziehung gehöre viel Nähe - aber auch Distanz, sagte der Münchner Erziehungswissenschaftler Rudolf Tippelt. Ohne Nähe und Empathie laufe kein Erziehungsprozess.

Doch gegen die Überschreitung dieser Nähe bis hin zur sexuellen und körperlichen Gewalt wollen die Wissenschaftler Methoden der Prävention entwickeln. Ein fachübergreifend zusammengesetzter Arbeitskreis mit Pädagogen, Psychologen, Juristen und Theologen soll Konzepte vorlegen, die in spätestens einem halben Jahr auf einem Fachkongress vorgelegt werden sollen. Auch in der Lehrerausbildung sollen die jungen Pädagogen besser auf pubertäres Verhalten der Jugendlichen vorbereitet werden.

Ein Problem bereitet nach wie vor die Personalauswahl bei Lehrern wie Erziehern. Internationalen Studien zufolge haben ein Prozent aller Männer pädophile Neigungen. In Deutschland gibt es Schätzungen, wonach zwischen 50.000 und 250.000 Männer zur Risikogruppe zu zählen sind. Es ist seit längerem bekannt, dass der Erziehungsberuf für diese Personen eine große Anziehungskraft ausübt. Bereits in der vergangenen Wahlperiode hat der Bundestag eine Neuregelung verabschiedet, wonach bei Erziehern pädophile Straftaten nicht aus dem Führungszeugnis gelöscht werden.

Karl-Heinz Reith, dpa

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ Doena 15.03.2010
1. Äpfel & Birnen?
Ich frag mich gerade, was das Eine (sexueller Missbrauch an Schulen) mit dem Anderen (Art der Pädagogik) zu tun haben sollen. Rohrstock schützt vor Missbrauch?!
katrinchen2 15.03.2010
2. Eventuell...
Zitat von DJ DoenaIch frag mich gerade, was das Eine (sexueller Missbrauch an Schulen) mit dem Anderen (Art der Pädagogik) zu tun haben sollen. Rohrstock schützt vor Missbrauch?!
... wenn er am entsprechenden Lehrer angewendet wird? ;-)
hrcdf 15.03.2010
3. Pädagogik ist Alles?
Wir brauchen doch wohl neuen Schulen, insbesondere neues und gut ausgebildetes Personal. Wie wir dies bekommen? 1. Es muß Schluß damit sein, dass jeder Studienversager das Lehramt immer noch als letzte Möglichkeit bekommen kann. Im Gegenteil, es muß der nummerus clausus, die Auswahl der besten Abiturienten, sicher stellen, dass nur die geeignetsten Anwärter auch das Lehramt studieren können. 2. Die Lügen und Irrwege der sog. 68er und "Friedensbringer" müssen rückhaltlos aufgeklärt und endgültig für immer aus der Schule verbannt werden. 3. Die Schulen dürfen nie mehr ein ideologisches Spielfeld für Möchtegere, wie z. B. in Hamburg werden. 4. Die Ausbildung der angehenden Lehrer muß damit beginnen, dass sie das Familienstellen, neurolinguistischen Programmieren UND die menschlichen Eigenschaften, einschliesslich Autorität, in den ersten drei Semestern lernen und strengste Prüfungen darüber ablegen und bestehen. Bei nicht bestehen ist die Prüfungswiederholung möglich, bei wiederholtem Nichtbestehen die Weiterführung des Lehramtsstudiums auszuschliessen. Amtierende Lehrkräfte müssen innerhalb von 5 Jahren diese Qualifikationen nachholen. Wenn nicht, können sie nicht mehr als Lehrkraft verwendet werden und verlieren damit ihre Lehranstellung. Damit will ich die zukünftigen Lehrkräfte in die Lage versetzen, dass sie die menschlichen und zwischenmenschlichen Dinge erkennen, verstehen und fehlgeleitete Handlungsmuster frühzeitig erkennen und korrigieren helfen können. 5. Die erforderliche Qualität der Abschlüsse für Hauptschule, Mittelschule, Gymnasium und alle weiteren Schulen, müssen verbindlich für alle Schulen in Deutschland festgestellt werden. Wie in den einzelnen Ländern die Lehrpläne gestaltet werden, ist Ländersache. Durch die einheitlichen Abschlüsse ist ein Vergleich der evtl. unterschiedlichen Schultypen leicht möglich. Es zählt nicht mehr die Anzahl der Absolventen, sondern die Anzahl der qualifizierten Absolventen.
mabra 15.03.2010
4. NC für das Lehramt gibt es
Zitat von hrcdfWir brauchen doch wohl neuen Schulen, insbesondere neues und gut ausgebildetes Personal. Wie wir dies bekommen? 1. Es muß Schluß damit sein, dass jeder Studienversager das Lehramt immer noch als letzte Möglichkeit bekommen kann. Im Gegenteil, es muß der nummerus clausus, die Auswahl der besten Abiturienten, sicher stellen, dass nur die geeignetsten Anwärter auch das Lehramt studieren können. 2. Die Lügen und Irrwege der sog. 68er und "Friedensbringer" müssen rückhaltlos aufgeklärt und endgültig für immer aus der Schule verbannt werden. 3. Die Schulen dürfen nie mehr ein ideologisches Spielfeld für Möchtegere, wie z. B. in Hamburg werden. 4. Die Ausbildung der angehenden Lehrer muß damit beginnen, dass sie das Familienstellen, neurolinguistischen Programmieren UND die menschlichen Eigenschaften, einschliesslich Autorität, in den ersten drei Semestern lernen und strengste Prüfungen darüber ablegen und bestehen. Bei nicht bestehen ist die Prüfungswiederholung möglich, bei wiederholtem Nichtbestehen die Weiterführung des Lehramtsstudiums auszuschliessen. Amtierende Lehrkräfte müssen innerhalb von 5 Jahren diese Qualifikationen nachholen. Wenn nicht, können sie nicht mehr als Lehrkraft verwendet werden und verlieren damit ihre Lehranstellung. Damit will ich die zukünftigen Lehrkräfte in die Lage versetzen, dass sie die menschlichen und zwischenmenschlichen Dinge erkennen, verstehen und fehlgeleitete Handlungsmuster frühzeitig erkennen und korrigieren helfen können. 5. Die erforderliche Qualität der Abschlüsse für Hauptschule, Mittelschule, Gymnasium und alle weiteren Schulen, müssen verbindlich für alle Schulen in Deutschland festgestellt werden. Wie in den einzelnen Ländern die Lehrpläne gestaltet werden, ist Ländersache. Durch die einheitlichen Abschlüsse ist ein Vergleich der evtl. unterschiedlichen Schultypen leicht möglich. Es zählt nicht mehr die Anzahl der Absolventen, sondern die Anzahl der qualifizierten Absolventen.
Also als ich in den 90er Jahren Lehramt studiert habe, gab es einen Numerus Clausus, zumindest bei Mathematik fürs Gymnasium (er lag bei 1,9). Trotzdem haben 70 Prozent das Studium abgebrochen, weil es zu schwer war. Und auch heute gibt es zumindest beim Lehramt für das Gymansium in vielen Fächern einen NC.
asunwichtig 16.03.2010
5. die gesellschaftliche Kälte zu Kindern in Deutschland fällt auf
Zitat von sysopDie Welle von Missbrauchsfällen an deutschen Schulen verunsichert auch die Lehrerschaft. Ein Pädagogenkongress in Mainz verurteilte sexuelle Straftaten gegen Jugendliche und jegliche Beschönigung scharf. Trotzdem dürfe es kein zurück in Vor-Reformpädagogische Zeiten geben. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,683726,00.html
Vielleicht fehlt in Deutschland einfach der offene, herzliche Umgang mit Kindern, der für die Entwicklung eines jeden Menschen wichtig ist?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.