Demonstration Der schiefe Turm von Pisa ist rot-rot

Berlin muss und will sparen - auch bei der Bildung. Gegen die geplanten Kürzungen bei den Privatschulen demonstrierten am Samstag 8000 Menschen. Privatschulen sind ihrer Ansicht nach nicht nur leistungsfähiger als staatliche, sondern auch billiger.


Demonstration Berliner Privatschulen: Für soziale Gerechtigkeit in der Schulpolitik

Demonstration Berliner Privatschulen: Für soziale Gerechtigkeit in der Schulpolitik

"Der schiefe Turm von Pisa ist rot-rot" war auf einigen der Plakate zu lesen, mit denen Eltern, Schüler und Lehrer gegen die geplanten Kürzungen bei Privatschulen demonstrierten. Denn, so der Geschäftsführer der Walddorfschule Märkisches Viertel und Organisator der Demonstration, Alexander von Dresky: "Seit Jahren wird immer wieder auf den Schulen in freier Trägerschaft rumgehakt". Und das wollte man sich nun offensichtlich nicht mehr gefallen lassen.

Von 97 Prozent auf 90 Prozent wollte der Senat ursprünglich die Personalkostenzuschüsse für die Berliner Privatschulen senken - so hatte man es im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Dagegen hatten die im Netzwerk "Freie Schulen Berlin" zusammengeschlossenen Privatschulen der Hauptstadt bereits am Dienstag der vergangenen Woche mit verschiedenen Protestmärschen demonstriert. Bildungsminister Klaus Böger (SPD) zeigte sich daraufhin optimistisch, dass man die geplanten Kürzungen für Privatschulen von sieben auf zwei Prozent verringern könne. Doch auch das ging den betroffenen Schulen zu weit.

Denn Kürzungen bei den Privatschulen würden letztlich auf die Eltern abgewälzt und hätten dadurch genau das zur Folge, wogegen sich Schulen wie Eltern hartnäckig zur Wehr setzen: Schulen in freier Trägerschaft in Schulen für Privilegierte zu verwandeln. Damit würde, so Monica Heyne-Radermacher, eine der betroffenen Mütter, gegen "das im Grundgesetz verankerte Recht auf die freie Schulwahl verstoßen". Nur noch Besserverdienende hätten dann die Möglichkeit, für ihre Kinder aus verschiedenen Pädagogikkonzepten - wie sie etwa katholische Schulen oder Waldorfschulen repräsentieren - zu wählen.

Wertevermittlung gehöre ebenso zur Bildung wie das Auswendiglernen mathematischer Formeln oder Gedichte, so ein Argument der Demonstranten. "Was habe ich davon, wenn ich das kann, aber nicht weiß, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehen soll", fragte die Schulsprecherin der Liebfrauenschule, Katharina Krug. Die Bildungsvielfalt werde gerade durch die Schulen in privater Trägerschaft gesichert. "Schulen wie unsere sind es doch, die die Politiker nach der katastrophalen Pisa-Studie suchen." Und diese Schulen sollten allen zugänglich bleiben.

Demonstration Berliner Privatschulen: Keine Schulen für Besserverdienende

Demonstration Berliner Privatschulen: Keine Schulen für Besserverdienende

Doch nicht nur mit dem Erhalt eines für die Eltern bezahlbaren Pädagogikpluralismus und dem besseren Abschneiden privater Schulen bei der Pisa-Studie argumentierten die Demonstranten. Auch die Kosteneffizienz von Schulen in privater Trägerschaft im Vergleich zu staatlichen Schulen wurde vorgerechnet. Viele Schüler hatten sich Schilder mit der Aufschrift "Ich spare dem Senat 2300 Euro pro Jahr" um den Hals gebunden.

Denn da das Land Berlin die privaten Schulen nur noch bei den Personalkosten unterstützt - die bisher zur Hälfte vom Land getragenen Reinigungskosten sollen ebenso gestrichen werden wie der bereits weggefallene Vertretungszuschuss - würden Schüler an frei getragenen Schulen den Steuerzahler 27 Prozent weniger kosten als an staatlichen Schulen. Insgesamt spart die verschuldete Stadt damit bei den rund 16.500 Schülern an Berlins 121 Privatschulen momentan bereits 38,7 Millionen Euro pro Jahr. Weitere Kürzungen wären deshalb aus Sicht der Privatschulen absolut ungerechtfertigt. Schon jetzt könnten mit den bislang gezahlten Personalkostenzuschüsse lediglich 67 Prozent der Gesamtkosten der Schulen gedeckt werden.

Doch sparen muss Berlin - darüber ist man sich nicht nur im Senat einig. Umstritten ist lediglich die Frage, wo gekürzt werden kann und sollte. Die Waldorf-Schülerin Laura Zimmermann weiß zumindest, wo nicht: "Sparen Sie nicht an der Jugend, sondern für die Jugend!"



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