Demonstrationen in Chile 700 Schüler festgenommen

Es ist der größte Schüleraufstand seit 30 Jahren: Mit Wasserwerfern und Tränengas ging die Polizei in Chile gegen 600.000 Jugendliche vor, die gegen den Verfall ihrer Schulen protestierten. Trotzdem breiten sich die Unruhen immer weiter aus.


In Chile ist die Polizei gegen Tausende demonstrierende Schüler vorgegangen. Sie waren zuvor friedlich gegen Gebühren für Busfahrten und Prüfungen sowie gegen die schlechte Ausstattung vieler Schulen auf die Straße gegangen. Die Demonstranten wollten zum Nationalpalast marschieren, als die Polizei sie aus gepanzerten Fahrzeugen heraus mit Tränengas auseinandertrieb.

Ausschreitungen in Santiago: Eine halbe Million Schüler auf der Straße
AFP

Ausschreitungen in Santiago: Eine halbe Million Schüler auf der Straße

"Wir demonstrieren im Namen unserer Schule. Die Waschräume sind ekelerregend, man kann noch nicht mal in der Umkleide duschen, und es wird nichts dagegen unternommen", sagte ein 15-jähriger Demonstrant, dessen Nase und Augen vom Tränengas brannten.

Bei den größten Schülerprotesten in Chile in den vergangenen 30 Jahren sind nach den gewaltsamen Zusammenstößen landesweit mehr als 720 Menschen festgenommen und 14 weitere verletzt worden.

Schüler im Sitzstreik

Die seit knapp drei Monaten regierende Präsidentin Michelle Bachelet berief ihr Kabinett zu einer Dringlichkeitssitzung ein. Gespräche zwischen Mitgliedern der Regierung von Präsidentin Bachelet und Vertretern der Schüler in der Nationalbibliothek mussten unterbrochen werden, weil das von der Polizei eingesetzte Tränengas auch in die Konferenzräume eingedrungen war.

Die Proteste begannen bereits vor rund zwei Wochen, als Schüler einige Schulen besetzten und rund um die Uhr dort blieben. Engagierte Eltern versorgten sie mit Lebensmitteln. Die Proteste breiteten sich allmählich auf das ganze Land aus.

Ein Sprecher der Demonstranten kündigte die Fortsetzung der Proteste an, da die Probleme ungelöst seien. Zuvor hatten sich Schülervertreter und eine Regierungsdelegation unter Bildungsminister Martin Zilic getroffen. Ein Vertreter der Regierungspartei PPD (Partei für die Demokratie) räumte ein, dass "uns der Konflikt aus den Händen geglitten ist".

Neben einer Besserstellung der staatlichen Schulen im Vergleich zu den in Chile zahlreichen und teuren Privatschulen fordern die Schüler an weiterführenden Schulen eine kostenlose Nutzung des öffentlichen Verkehrs und für alle zugängliche Hochschulzugangstests.

Viele chilenische Familien müssen einen großen Teil ihres Einkommens für die Ausbildung ihrer Kinder aufwenden. Wer kann, versucht seine Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, weil die öffentlichen Schulen miserabel ausgerüstet sind und einen schlechten Ruf haben. Schülervereinigungen monieren zudem, dass unter Pinochet Privatschulen das Recht eingeräumt wurde, Gewinne zu machen. Damit sei das Recht auf Bildung dem Profitstreben ausgeliefert worden.

cpa/dpa/afp/reuters



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