Der Fluch der Ressourcen

2. Teil


Diese Machthaber unterhalten gewaltige Militärapparate, sie versuchen, die Bevölkerung in den Rohstoffregionen in Schach zu halten. Aus dieser Spannung heraus entspringen separatistische Bewegungen: Die Einheimischen wollen die Bodenschätze nicht irgendeiner fernen, korrupten Regierung überlassen.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Entwicklungsexperte Karl Addicks hat einen solchen Konflikt hautnah miterlebt. Anfang der neunziger Jahre war er als Firmenarzt im Nigerdelta beschäftigt, die Baufirma Bilfinger Berger, die dort für den Ölkonzern Shell Pipelines verlegte, hatte ihn engagiert. Mit dem Schnellboot fuhr Addicks über die Flussläufe, von einer Baustelle zur nächsten.

Einmal wurde er von streikenden Ölarbeitern einige Stunden lang im Dschungel festgesetzt. "Ich konnte deren Wut nachvollziehen", sagt er heute. "Die lokale Bevölkerung hat von den Ölfunden fast gar nichts." Zu Recht wehrten sich die Einheimischen gegen die Ausbeutung der Bodenschätze durch eine Zentralregierung, die ihrer Verantwortung bei der Verteilung der Rohstoffeinnahmen nicht gerecht werde, meint Addicks. "Ein großer Teil dieser Gelder findet sich regelmäßig auf ausländischen Privatkonten."

Kein Wunder, dass Regierungen die Kontrolle über die Rohstoffe partout nicht aus der Hand geben wollen. "Sie bevorzugen es, immer noch den Big Daddy zu spielen", kritisiert der südafrikanische Ökonom Themba Sono, statt die Entfaltung von Marktkräften zuzulassen oder gar zu fördern. In Nigeria fließen dem Staat rund 80 Prozent aus den Rohstofferlösen zu, etwa 16 Prozent entfallen auf Betriebskosten, nur 4 Prozent gehen an die privaten Investoren aus dem Westen.

Entsprechend sind große Staatsfirmen wie Saudi Aramco, Kuwait Oil Company oder PDVSA (Venezuela) die wahren Giganten im Energiegeschäft, nicht Exxon, BP oder Shell. "Big Oil" kontrolliert lediglich 15 Prozent der Förderprojekte weltweit, am Bohrloch sind die Konzerne oft nur der Juniorpartner. Nicht sie seien deshalb primär für die Lage in den Rohstoffländern verantwortlich zu machen, meint Rashad-Rudolf Kaldany, Direktor einer Weltbank-Tochter, sondern die nationalen Gesellschaften: "Das ist der Ort, an dem die Korruption passiert."

Welchen Stellenwert Staatsfirmen mittlerweile im internationalen Rohstoffgeschäft einnehmen, zeigt die Machtverteilung in Russland. Gasprom ist inzwischen das größte Unternehmen im Land und die wichtigste Geldquelle für das Riesenreich. In seinen Kompetenzen erinnert Konzernchef Alexej Miller eher an einen Kreml-Beamten: Mit wem er Verträge schließt, an wen er Gas verkauft und zu welchen Preisen, das entscheidet nicht in erster Linie der Markt, sondern der russische Präsident Wladimir Putin. Stetig weitet die Regierung ihren Einfluss auf die Wirtschaft aus, unter Putin hat der Staat seinen Anteil an Gasprom auf über 50 Prozent erhöht. Der Konzern hat sich für 13 Milliarden Dollar das Unternehmen Sibneft des Moguls Roman Abramowitsch einverleibt, Rosneft, das noch komplett dem Staat gehört, ist zur Nummer drei der Ölförderer im Land aufgestiegen. Heute sei Russland "die reichste Bürokratie der Welt", höhnt der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow.

Das russische Wirtschaftssystem weist inzwischen alle Züge eines Staatskapitalismus auf, wie ihn Lenin 1918 propagiert hat. Dem Gründer des Sowjetstaats schwebte eine Ökonomie mit "unter Kontrolle stehenden Unternehmern und Händlern" vor.

Die real existierende russische Volkswirtschaft heutiger Tage leidet allerdings unter einer gefährlichen Schlagseite: Von den umgerechnet 263 Milliarden Euro Einnahmen, die 2005 in die Staatskasse flossen, stammten 97 Milliarden aus der Energiewirtschaft.

Jeden Tag verkaufen die Russen Öl im Wert von 500 Millionen Dollar, der Rubel hat stark an Wert gewonnen. Darunter leidet der Rest der Exportwirtschaft, sie verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Russland hat sich ganz offensichtlich mit der "Holländischen Krankheit" angesteckt.

Dieses Phänomen war erstmals in den sechziger Jahren in den Niederlanden beobachtet worden. Damals wurde das Erdgasfeld vor Groningen erschlossen und Nordsee-Gas zum Exportschlager. Milliardensummen flossen ins Land, der Gulden gewann immens an Wert. Dadurch verteuerten sich die übrigen Ausfuhrgüter, Hollands Industrie fiel zurück.

Gleichzeitig waren dem holländischen Staat die Überschüsse aus dem Gasgeschäft "natürlich sehr willkommen", wie sich der spätere Ministerpräsident Wim Kok erinnert, allerdings wurden sie "im nichtproduktiven Bereich eingesetzt, besonders für Umverteilungen". Löhne und Preise zogen an, das Haushaltsdefizit wuchs und letztlich auch die Arbeitslosigkeit. Holland war in Not - seinen Nachbarn, die nicht mit solch famosen Finanzquellen gesegnet waren, ging es weitaus besser.

Die "Holländische Krankheit" befällt vorzugsweise Rohstoffländer. Die Kanadier erleben zurzeit eine ähnliche Entwicklung: Im Westen des Landes treibt der Abbau von Rohstoffen, vor allem von Ölsanden, die Konjunktur an. In den traditionellen Industriezentren wie Ontario oder Québec aber werden Arbeitsplätze vernichtet. Der kanadische Dollar hat gegenüber dem US-Dollar in drei Jahren um fast ein Drittel zugelegt, die Exportwirtschaft hat schwer zu kämpfen.

Dazu kommt ein weiterer unerwünschter Nebeneffekt: Die Arbeiter in der Ölindustrie und im Bergbau werden sehr gut bezahlt, der Fahrer eines Riesenlasters kann durchaus 100 000 Dollar im Jahr verdienen. Ein solches Lohnniveau zieht auch die Preise für andere Güter und Dienstleistungen in die Höhe; deshalb sind Rohstoffländer besonders inflationsgefährdet.

Dass ihre einseitige Wirtschaft sie anfällig und verletzbar macht, ist ihnen durchaus bewusst. Inzwischen versuchen einige, die Schieflage zu korrigieren. Gerade die kleineren Förderländer am Persischen Golf beginnen damit, sich weitere Wohlstandsquellen zu erschließen.

Dubai präsentiert sich als Tourismusziel und bietet sich als Finanzdienstleister an, der das Petrodollar-Vermögen der reichen Nachbarn managt. Insgesamt gehen die arabischen Golfstaaten mittlerweile vorsichtiger mit dem Geldsegen um. Zu oft haben sie schon bitter erfahren müssen, wie zyklisch die Preisentwicklung verlaufen kann.

Sie nutzen ihre "Windfall-Profits" nun auch zum Abbau von Schulden und für den Ausbau der eigenen Öl- und Gasindustrie. Schließlich wird die Exploration immer teurer und aufwendiger. Wollen sie noch eine Zeitlang von ihren Bodenschätzen leben, müssen sie ihre Anlagen jetzt modernisieren.

So wächst allmählich die Einsicht in den Rohstoffländern, dass sie verantwortlicher als bisher umgehen sollten mit dem potentiellen Reichtum, der aus der Erde kommt. Wie das funktionieren kann, dafür gibt es einige Vorbilder.

Norwegen zum Beispiel prosperiert, obwohl es über ungeheure Bodenschätze verfügt. Das Land, drittgrößter Ölexporteur der Welt, hat keine Schulden, es ist nicht bekannt für Korruption, die Verwaltung funktioniert zuverlässig, die Bürger leben in beneidenswertem Wohlstand. Dass die Skandinavier so von ihren Rohstoffen profitieren, verdanken sie allerdings auch einem historischen Umstand, meint Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: "Die wirtschaftlichen und politischen Institutionen waren schon gefestigt und stabil, als Ende der sechziger Jahre Erdöl in der Nordsee entdeckt wurde."

Um gar nicht erst in Versuchung zu geraten, den natürlichen Reichtum zu verschwenden, hat Norwegen einen Petroleumfonds eingerichtet, er soll künftigen Generationen zugutekommen. Gemanagt wird er von Knut Kjær, einem Zentralbanker, der in einem hochgesicherten Bürogebäude in der Osloer Innenstadt arbeitet und sich von einem Ethik-Beauftragten beraten lässt.

Nie habe ein Politiker angerufen, um ihm reinzureden, wie er die Exporterlöse anlegen soll, versichert der Vermögensverwalter. Ihm ist lediglich vorgegeben, 60 Prozent der Wertpapiere in Anleihen und 40 Prozent in Aktien zu investieren, Rüstungskonzerne sind tabu. Inzwischen ist das Fondsvermögen auf knapp 200 Milliarden Euro angeschwollen. Kjær verwaltet immerhin 0,3 Prozent aller Aktien, die weltweit gehandelt werden.

Nur rund die Hälfte der jährlichen Überschüsse des Fonds darf in den norwegischen Haushalt fließen. Im Jahr 2005 erzielte Kjær eine Rendite von 11,1 Prozent, das entspricht aufs Jahr gerechnet knapp 20 Milliarden Euro - eine Finanzquelle, um die jeder Finanzminister die Norweger beneidet.

Ähnliche Fonds existieren in Alaska, in der kanadischen Provinz Alberta, in Chile und auch in Botswana. Der afrikanische Staat ist das beste Beispiel dafür, dass auch ein ehemaliges Kolonialland durchaus in der Lage ist, sich vom Fluch des Rohstoffs zu befreien.

Vor 40 Jahren, als das britische Protektorat endete, war Botswana einer der unterentwickeltsten Staaten der Erde, dann fanden Geologen des Minenkonzerns De Beers Diamanten. Heute ist das Land, gemessen am Wert, der weltgrößte Exporteur der Edelsteine, ein Fünftel aller Diamanten weltweit kommt von hier: gut fünf Tonnen im Jahr.

Botswana hat sich zum afrikanischen Modellstaat gemausert. Jahr für Jahr steigt das Durchschnittseinkommen, fast nirgends verdienen Afrikaner mehr pro Kopf. "Botswana nutzt seine Ressourcen besonders verantwortungsvoll", lobt Donald Kaberuka, Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Kaum ein anderes Land investiert, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, so viel in Bildung. Das Gesundheitswesen funktioniert, ebenso das Schulsystem, die meisten Bürger können lesen und schreiben, sieben Prozent haben einen Hochschulabschluss. Die Wahlen laufen korrekt ab, auch wenn immer dieselbe Partei gewinnt. Nur eines bekommt das Land nicht in den Griff: Gut ein Drittel der Erwachsenen ist HIV-positiv. Doch immerhin wird die Hälfte der Aids-Kranken kostenlos medizinisch versorgt.

Warum Botswana erreicht hat, was anderen versagt bleibt, dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Die einen sehen das Erfolgsrezept in der Art, wie Privatwirtschaft und Staat zusammenarbeiten: Das Unternehmen Debswana, Monopolist in der Diamantenproduktion, gehört je zur Hälfte dem Staat und De Beers. Andere verweisen auf die Tradition des britischen Rechtssystems, die noch heute prägend wirke, besonders der Schutz des Eigentums. Wieder andere betonen, dass die Einwohner überwiegend einem Volk angehören, Botswana ist ethnisch nicht so zersplittert wie andere afrikanische Staaten und mit nur 1,8 Millionen Einwohnern von überschaubarer Größe.

Was auch immer den Ausschlag geben mag: Am Ende ist jedenfalls entscheidend, dass der Staat eines rohstoffreichen Landes stark ist, dass er die Kraft hat, Recht zu setzen und auch durchzusetzen. Marktwirtschaft allein reiche nicht aus, damit sich ein Land positiv entwickle, meint der Politologe Francis Fukuyama: "Während sich das 20. Jahrhundert durch Zusammenstöße zwischen großen, mächtigen und gut organisierten Staaten ausgezeichnet hat, entspringt die Instabilität des 21. Jahrhunderts aus der Schwäche von Staaten."

Der relative Wohlstand in Botswana ist umso erstaunlicher, da in nächster Umgebung, in Angola und Sambia, lange Jahre Terror, Elend und Chaos geherrscht haben. Inzwischen hat sich dort die Lage ein wenig verbessert, seit drei Jahren ist der sogenannte Kimberley-Prozess in Kraft, die Bürgerrechtsgruppe "Global Witness" hat ihn mitinitiiert.

Dieses Abkommen verfolgt das Ziel, den Handel mit Diamanten aus Kriegsgebieten zu unterbinden. Die 69 Unterzeichner stehen für praktisch die gesamte Rohdiamantproduktion. Die freiwillige Vereinbarung bietet keinerlei Gewähr für Wohlverhalten - und ist dennoch als Strategie gegen Misswirtschaft und Korruption vielversprechend.

Der Spekulant und Mäzen George Soros hat gemeinsam mit Bürgerrechtsgruppen vor vier Jahren "Publish What You Pay" ins Leben gerufen; danach verpflichten sich Regierungen und Fördergesellschaften, ihre wechselseitigen Finanzströme offenzulegen.

Ein anderer Vorstoß, die "Extractive Industries Transparency Initiative" (EITI), unterstützt vom britischen Premier Tony Blair, setzt ebenfalls darauf, dass die Akteure im Rohstoffgeschäft ihre Karten auf den Tisch legen.

Zu den EITI-Unterzeichnern gehört der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto, die Nummer zwei im globalen Minengeschäft. Es ist gewiss kein Altruismus, sondern der pure Eigennutz, der solche Größen der Bergbauindustrie mitmachen lässt. Sie sind selbst Leidtragende, wenn sie sich nicht auf Recht und Gesetz verlassen können. Schließlich planen sie, wenn sie ein Minenprojekt in Angriff nehmen, für Jahrzehnte im Voraus. "Der Mangel an verantwortungsvoller Regierungsführung und die Existenz von Korruption in vielen Ländern bleiben heute das größte Hindernis für langfristige Investitionen", klagt Rio-Tinto-Chef Leigh Clifford.

Gleichwohl bleiben die Bergbaufirmen und Ölkonzerne in einem Dilemma gefangen: Am liebsten wäre es ihnen, wenn sie nur als Gäste im jeweiligen Förderland betrachtet würden und dort ungestört ihren Geschäften nachgehen könnten. Doch sie sind nun mal der oft mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor im Land, sie haben Einfluss. Einige nutzen ihn.

Shell, BP und Exxon bauen Schulen und Krankenhäuser, verlegen Stromleitungen, erschließen Straßen. Sie machen sich vor Ort nützlich - mehr allerdings auch nicht. "Unserer Verantwortung sind Grenzen gesetzt", räumt der BP-Direktor Jürgen Cuno ein. Die Ölkonzerne könnten keinen Einfluss darauf nehmen, wie ein Staat seine Einnahmen verwendet, meint er.

Warum sollten sie auch, wenn selbst die westlichen demokratischen Regierungen in dieser Hinsicht keineswegs vorbildlich handeln. Noch immer würden korrupte Regime und menschenrechtsverletzende Schurkenstaaten aus dem deutschen Entwicklungsetat unterstützt, schimpft FDP-Mann Addicks. "Wenn wir es ernst meinen mit der Forderung nach guter Regierungsführung", so der Politiker, "müssen wir die Gewährung von Entwicklungshilfe auch davon abhängig machen."

Dass rohstoffreiche Länder von ihrem naturgegebenen Vermögen so selten profitieren, "ist kein Naturgesetz", sagt Cobus de Swardt von Transparency International. "Das Problem ist lösbar", meint er. "Was wir dazu brauchen, ist der politische Wille."

JENS GLÜSING, ALEXANDER JUNG, UWE KLUSSMANN, THILO THIELKE



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