Der Fluch der Ressourcen

Ausgerechnet in jenen Staaten, die gewaltige Vorkommen an Öl, Gas oder Edelmetallen besitzen, herrschen Armut, Korruption und Misswirtschaft. Ginge es den Menschen in Nigeria, im Kongo oder in Russland ohne Rohstoffe besser?


Eine zähe Brühe schwappt gegen die Kokospalmen, sie ist schwarz und übelriechend. Auch die Bananenstauden sind ölverschmiert, sie ragen kahl in den Tropenhimmel, als hätte kurz zuvor ein Brand hier gewütet. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld in Kpor, zwei Autostunden südöstlich von Nigerias Ölhauptstadt Port Harcourt.

Früher pflanzten die Bauern hier Mais, Kasava oder Yam an. Seit aber das Bohrloch 18 des Bomu-Ölfeldes vor zwei Jahren leckte, sind die Mangrovensümpfe im Ogoniland kilometerweit vollgelaufen. "Wir haben ständig bei der Regierung angerufen, aber niemand ist gekommen", klagt Lekagah N. Lekagah, der Dorfälteste. Jetzt wächst hier nichts mehr, der Boden ist tot - und doch bleibt er überaus wertvoll und umkämpft.

aus: SPIEGEL special 5/2006
REUTERS (2), NETZHAUT, FOTEX, INTERTOPICS, AP, DAS FOTOARCHIV, MAURITIUS, GAMMA/STUDIO X

aus: SPIEGEL special 5/2006

Nigeria gehört zu den großen Hoffnungen im weltweiten Ölgeschäft. Kaum irgendwo sonst werden derzeit so gewaltige Felder entdeckt, die Ölfirmen wollen die Förderung hier in zehn Jahren verdoppeln. Das Land ist von der Natur verwöhnt, es könnte so reich sein. Stattdessen wird es ruiniert.

Mehr als 130 bewaffnete Milizen kämpfen um Einfluss, das Land ist zerrüttet, seine Menschen werden in ständigen Konflikten zermürbt. So chaotisch sind die Zustände, dass der Welt sechstgrößter Ölexporteur Kraftstoff importieren muss: Es gibt zu wenige Raffinerien, die funktionieren.

Hinter solchen Widersprüchen steckt System. Sie sind oft gerade dort zu beobachten, wo Öl und Gas, Gold, Silber und Kupfer, Diamanten, Rubine und Saphire gefördert werden. Ausgerechnet in jenen Staaten, die über große Rohstoffvorkommen verfügen, herrschen Armut und Elend, grassieren Krieg und Gewalt, ihre Volkswirtschaften haben den Anschluss an die Wissensgesellschaft verloren.

Die US-Ökonomen Jeffrey Sachs und Andrew Warner haben vor Jahren schon den Zusammenhang genauer untersucht und dabei "eine ziemlich belastbare Tatsache" entdeckt: Rohstoffreiche Staaten verzeichnen meist ein deutlich geringeres Wachstum als Länder, in denen Bodenschätze keine so große Rolle spielen.

Nigeria ist dafür ein eklatantes Beispiel: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug vor 25 Jahren 913 Dollar, damals war das Land ein bedeutender Agrarexporteur. Heute verdienen die 135 Millionen Nigerianer im Schnitt nur noch 645 Dollar; sie leben oft ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne ausgebautes Straßennetz - obwohl sich die Öleinnahmen seitdem verdoppelt haben.

Oder Venezuela, früher eine international geachtete Demokratie in Lateinamerika - bis in den Siebzigern der große Ölboom begann. Der zuständige Minister Juan Pablo Pérez Alfonso ahnte damals die Gefahren, er sprach vom Öl als den "Exkrementen des Teufels". Und er hat recht behalten: Auch in Venezuela liegt das Pro-Kopf-Einkommen kaum höher als vor 25 Jahren.

Oder Russland: Der Öl- und Gasboom der vergangenen Jahre hat eine kleine Clique staatstreuer Oligarchen märchenhaft reich werden lassen. Die breite Masse geht leer aus: Fast 70 Prozent der Russen verdienen monatlich weniger als 200 Euro, 27 Prozent bringen nicht einmal 100 Euro nach Hause. Russland verwandle sich "unweigerlich in ein Gas-Nigeria", warnt Jurij Solosobow vom Moskauer Institut für Nationale Strategie.

Reiche Böden, armes Volk: Dieses Phänomen ist nicht auf die Förderländer fossiler Brennstoffe beschränkt, es tritt auch dort auf, wo Metalle oder Mineralien abgebaut werden. In Staaten wie dem Kongo, wie Surinam oder Sierra Leone, die vom Bergbau abhängig sind, schrumpfte die Wirtschaft je Einwohner laut Berechnungen der Weltbank in den neunziger Jahren um fast 11 Prozent, während sie weltweit um 17 Prozent wuchs.

Vom "Paradox des Überflusses" sprechen die Volkswirte, wenn sie solche Widersprüche beschreiben, oder, ein bisschen geheimnisvoller, vom "Fluch der Ressourcen". Er lastet nicht nur auf der Wirtschaft der Länder, er stürzt das gesamte Staatswesen ins Unglück - und die Bevölkerung leidet darunter am meisten.

Wo ein Land von Bodenschätzen lebt, da sind oft autoritäre Regime an der Macht, die die Menschenrechte missachten und Minderheiten unterdrücken. Da ist die Kindersterblichkeit besonders hoch - im Kongo zum Beispiel liegt sie im östlichen Teil bei 41 Prozent - und die Lebenserwartung besonders niedrig. Da sind Korruption und Vetternwirtschaft allgegenwärtig. Da wird kaum ein Cent investiert, jedenfalls nicht in Straßen, Schulen und Krankenhäuser, sondern höchstens in Waffen.

Die Militärausgaben verschlingen in den Opec-Staaten fast ein Fünftel des Staatshaushalts. Für Schüler und Studenten geben die Mitglieder des Ölkartells hingegen nur halb soviel aus wie der Rest der Welt im Durchschnitt.

Der Oxford-Professor und Weltbank-Ökonom Paul Collier hat berechnet, wie hoch in solchen Staaten die Wahrscheinlichkeit für einen Bürgerkrieg ist. Das Ergebnis: Mangelt es einem Land an Bodenschätzen, beträgt das Konfliktrisiko ein halbes Prozent. Lebt es aber überwiegend davon, steigt es auf 23 Prozent. Rohstoffe seien "der bedeutsamste Risikofaktor" für ein Gemeinwesen, meint Collier, wichtiger noch als historische, geografische oder ethnische Motive.

Es ist ein fataler Mechanismus: Die Rohstoffe sind wertvoll, deshalb sind sie umkämpft. Dieser Kampf aber ist nur zu führen, weil er durch die Erlöse aus den Bodenschätzen finanziert wird. Und da die Ressourcen eine schier unerschöpfliche Geldquelle darstellen, zieht sich der Konflikt dahin, über Jahre und Jahrzehnte. So haben die Rebellen der Unita den langen Krieg in Angola hauptsächlich mit dem Verkauf von Edelsteinen bezahlt, sie werden passenderweise "Blutdiamanten" genannt.

Der Fluch der Ressourcen - das klingt beinahe so, als ob die desolate Entwicklung unvermeidlich wäre. Gehört es also tatsächlich zum unabdingbaren Schicksal rohstoffreicher Länder, stets schlechter abzuschneiden als andere Staaten? Würde es den Menschen in Nigeria oder Angola vielleicht sogar bessergehen, wenn es dort keine Bodenschätze gäbe? Oder hat es eher mit dem kolonialen Erbe zu tun, dass diese Staaten nicht prosperieren?

Die Vergangenheit hängt wie ein Schatten über vielen Rohstoffländern. Generationenlang haben die Industriestaaten die Kolonien ausgebeutet: Frankreich besorgte sich Kohle, Blei und Zink aus Indochina, die Belgier schürften im Kongo nach Gold, die Briten ließen in Südafrika nach Diamanten graben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg befreiten sich die Länder des Südens von der Fremdherrschaft, auch wenn manche Abhängigkeit bestehen blieb. Vielfach verstaatlichten sie die Minen und Bergbaugesellschaften. Dennoch hat sich die Lage für die meisten Menschen nicht unbedingt verbessert, die Bewohner des Andenhochlands in Bolivien haben es leidvoll erfahren.

Schon vor über vier Jahrhunderten begannen dort die spanischen Eroberer, die Vorkommen am Cerro Rico ("Reicher Berg") systematisch auszubeuten (siehe Seite 83). Das Silber ließ ihr Weltreich aufblühen, es machte Potosí am Fuße des rostroten Gipfels zu einer der reichsten Städte der Erde. Möbel und Pianos wurden auf Mauleseln ins Hochland geschleppt, mit dem Erz aus Potosí finanzierte der spanische Hof seine Flotte und seine Paläste. Nur die Einheimischen hatten meist nichts davon. Die Indios leisteten untertage Fronarbeit, sie ruinierten sich ihre Gesundheit, viele ließen im Berg ihr Leben.

Die Revolution von 1952 versprach das Ende der Ausbeutung, sämtliche Bergwerke wurden verstaatlicht. Doch an den Arbeitsbedingungen änderte sich nichts. Vielmehr wuchs die Korruption, die Verwaltung wurde aufgebläht, immer wieder legten Streiks die staatliche Minengesellschaft Comibol lahm.

Als Mitte der achtziger Jahre die Rohstoffpreise abstürzten, verlor der Staat das Interesse am Bergbau. Bolivien überließ kleinen, privaten Kooperativen das Geschäft, seitdem schürfen sie am Cerro Rico nach Silber. Es ist nach wie vor ein Knochenjob.

Seit der Indioführer Evo Morales die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, müssen die Kooperativen allerdings um ihren Fortbestand bangen. Die neue Linksregierung will jetzt, da die Preise in die Höhe schießen, die Minen erneut verstaatlichen und Comibol wiederbeleben - zum Verdruss der Bergbaufunktionäre. "Wenn die Regierung uns die Minen wegnimmt, gibt es Krieg", sagt Gerardo Pakuli, Präsident einer der Kooperativen.

Das Beispiel Bolivien zeigt: Ob nun Kolonialherren, Staatsbetriebe oder private Kooperativen das Rohstoffgeschäft bestimmen - das Volk darbt weiter. Bolivien, der "Bettler auf dem silbernen Thron", ist heute das ärmste Land Südamerikas. Was ihm fehlt, sind starke Institutionen, die zuverlässig arbeiten: Regierungen, die Eigentum respektieren, Behörden, die berechenbar sind.

"Die Qualität der Institutionen entscheidet darüber, ob der Reichtum an Bodenschätzen zum Fluch oder Segen wird", schlussfolgern die Ökonomen Halvor Mehlum, Karl Moene und Ragnar Torvik in einer neuen Studie.

Was die Angelsachsen "Good Governance" nennen, wird zur wichtigsten Voraussetzung für breiten Wohlstand in rohstoffreichen Ländern. Die Schwierigkeit ist bloß, dass ihre Regierungen es überhaupt nicht nötig haben, für Recht und Ordnung zu sorgen. Ihr Auskommen ist durch die Bodenschätze gesichert, sie sind nicht mal darauf angewiesen, dass die Bürger Steuern zahlen.

Wer aber von den Bürgern nichts verlangen muss, dem entstehen auch keine Pflichten. Der muss sich nicht um Straßen, Schulen oder öffentliche Einrichtungen kümmern, sondern versenkt lieber Geld in protzige Repräsentationsbauten. Und der muss keine Rechenschaft darüber ablegen, wofür er die Einnahmen überhaupt verwendet.

Es sind die typischen Ausprägungen eines "Rentenstaates", wie Ökonomen Volkswirtschaften nennen, die Profite ernten, ohne vorher säen zu müssen: Alles fällt ihnen in den Schoß. Sie neigen dazu, über ihre Verhältnisse zu leben. Sie denken nur an das Heute, obwohl gerade das zyklische Geschäft mit Rohstoffen langfristiger Planung bedarf. "Wenn dann aber die Krise kommt, geraten die Volkswirtschaften ins Wanken, entzünden sich soziale Unruhen, und sogar die stabilsten Regime brechen plötzlich zusammen", so die Stanford-Politologin Terry Lynn Karl.

Den Staatswirtschaften fehlt der Druck, sich zu verändern, sich fortzuentwickeln, sich anzustrengen, kreativer und produktiver zu werden. Im weltweiten Schnitt werden 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung investiert, rohstoffreiche Länder wenden dafür lediglich 0,2 Prozent auf.

Sie bemühen sich teilweise nicht einmal darum, ihre Förderanlagen in Schuss zu halten. Viele Bohrtürme, Pipelines und Raffinerien haben die Machthaber am Persischen Golf nicht mehr erneuert, seit sie westliche Explorationsfirmen vor Jahrzehnten aus den Ländern verbannten. Manche Gerätschaft stammt noch aus den vierziger und fünfziger Jahren.

Solche Missstände werden verdrängt, solange das Öl fließt und die Dollar überwiesen werden. Stattdessen steigen die Ansprüche, und es werden Begehrlichkeiten geweckt: Schwarzes Gold füllt schwarze Kassen.

Auf der Korruptionsrangliste landen die rohstoffreichen Staaten durchweg auf den schlechteren Plätzen. Von 159 Ländern liegt laut Transparency International zum Beispiel Nigeria auf Platz 152, zusammen mit der Elfenbeinküste und Äquatorialguinea.

Halten Beamte die Hand auf, dann verzerrt dies den Wettbewerb, es verursacht unnötige Kosten und bremst die wirtschaftliche Entwicklung: Korruption zerstört den Anreiz, unternehmerisch tätig zu werden. Vor allem aber beschert sie den Ländern gewaltige Einnahmeverluste. Laut Internationalem Währungsfonds verschwanden in Angola allein im Jahr 2001 rund eine Milliarde Dollar von den Staatskonten - gleichzeitig leben rund drei Viertel der Bevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag.

Ähnlich zerrissen präsentiert sich die Demokratische Republik Kongo, das frühere Zaire. Gold in der Provinz Ituri, Coltan in Nord-Kivu, Kupfer in Katanga: Nur an wenigen Stellen der Erde birgt der Boden solche Schätze wie hier - und ist zugleich so blutgetränkt.

Rund vier Millionen Menschen hat der Krieg im Osten des Landes allein seit 1998 das Leben gekostet, wird geschätzt. "Krieg ist hier ein Dauerzustand", sagt Kosta Koskinas, ein Goldhändler in Bunia, der Hauptstadt von Ituri. Viermal in den vergangenen acht Jahren floh der gebürtige Grieche vor marodierenden Milizen ins benachbarte Uganda.

Bevor er zurück nach Bunia kam, waren die Wege gesäumt von Leichen. Kindersoldaten patrouillierten durch die Straßen, sie schwenkten Macheten und Kalaschnikows, tranken Bier aus großen braunen Flaschen und bliesen verschüchterten Blauhelmen Zigarettenrauch ins Gesicht.

Nun ist vorerst Ruhe eingekehrt, Koskinas kann wieder seinen Handel treiben. Morgens um acht zieht er mit einem Bündel Geldscheinen, Franc-Congolaise und US-Dollar, auf den Goldmarkt am Rande der Stadt. Dort versammeln sich die Händler und stellen ihre Waagen auf. Etwa zehn Dollar kostet das Gramm derzeit, so viel wie seit Jahren nicht mehr. Sobald die Waffen schweigen, blüht das Geschäft.

Die Kindersoldaten haben sich in die Wälder zurückgezogen. Doch ihre Anführer warten nur darauf, dass der Krieg wieder entflammt.

An Afrika, diesem mit Rohstoffen so gesegneten Kontinent, scheint der Fluch besonders hartnäckig zu haften. Die Bürgerkriege im Kongo, in Angola, im Sudan: Immer spielen Bodenschätze die entscheidende Rolle.

Rund 300 Millionen Afrikaner leben von täglich weniger als einem Dollar, ihre Lebenserwartung liegt im Schnitt bei 48 Jahren. Viele Kinder sind unterernährt, selten haben sie Zugang zu Schulen oder gar Universitäten, jedes fünfte Kind wächst in einem Kriegsgebiet auf.

Die Verantwortung für das Elend tragen nach Ansicht von Sanou Mbaye, einem ehemaligen Ökonomen der Afrikanischen Entwicklungsbank, in erster Linie die Afrikaner selbst, deren bürgerliche Gesellschaft "in Gleichgültigkeit und Trägheit" gefangen scheine und deren politische Anführer ihr Volk betrügen würden. "Ihre nutz- und rücksichtslosen Aktivitäten bringen einen Großteil der Welt zur Überzeugung, dass Afrikaner zu nichts anderem imstande seien, als zu tanzen, sich gegenseitig abzuschlachten und zu betteln", so Mbaye.

  • 1. Teil: Der Fluch der Ressourcen
  • 2. Teil


© SPIEGEL ONLINE
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.