Deutschlehrerin für Flüchtlingskinder "Ich kann nicht jeden retten" 

Heidemarie Krusekamp unterrichtet seit 29 Jahren in Düsseldorf Ausländerkinder. Erst Türken, dann Aussiedler und heute Flüchtlinge aus aller Welt. Das Faszinierende an dem Job? "Die wollen richtig."

Herbert Spies

Von Herbert Spies


Manchmal ist es nur ein Wort, das die Situation entgleisen lässt. An diesem Mittag geht es im Deutschunterricht von Heidemarie Krusekamp um Kleidung. Sie spricht leise, im Klassenzimmer der Flüchtlinge ist es sehr warm. Hose, Rock, Mantel, Schuhe. Und dann: BH.

"Wer zieht einen BH an? Ein Mann oder eine Frau?", fragt die Lehrerin. "Die Mutter von Abdi!" kräht Klassenclown Mattia in den Raum und lacht. Abdelbare aus Damaskus, der Angesprochene, springt auf. "Warum mein Mama? Nicht reden mein Mama!" ruft der 18-Jährige mit Tränen in den Augen und läuft aus dem Raum. Abdelbare, den alle nur Abdi nennen, ist vor einem Jahr allein aus Syrien nach Düsseldorf gekommen. "Er leidet darunter. Da spielt Schule erst mal gar keine Rolle", sagt Heidemarie Krusekamp.

Die 61-Jährige unterrichtet Deutsch und Kunst an der Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf. Sie selbst war hier Schülerin, ist nach dem Studium zurückgekehrt. Seit 38 Jahren ist sie Lehrerin, seit nunmehr 29 Jahren bringt sie jungen Ausländern aller Nationalitäten in so genannten Seiteneinsteigerklassen Deutsch bei.

Kirollos und Anvar
Herbert Spies

Kirollos und Anvar

Ende der Achtzigerjahre unterrichtete sie zunächst Gastarbeiterkinder: Türken, Griechen, Spanier, Marokkaner. Dann kamen die Aussiedler, Roma, auch Berberkinder aus dem Atlasgebirge. Und immer wieder Jugendliche, die vor dem Krieg flohen. Aus dem früheren Jugoslawien, aus Afrika. Und seit dem letzten Jahr kommen sie aus aller Herren Länder.

Krusekamp nennt drei Gründe, weshalb sie sich auf diesen Bereich spezialisiert hat: "Es ist eine besonders spannende und pädagogisch reizvolle Aufgabe. Für mich als Lehrerin ist es auch deshalb so erfreulich, weil ich sehe, mit wie viel Engagement diese Jugendlichen lernen. Die wollen richtig. Das motiviert mich auch, Jahr für Jahr."

"Ich kann nicht jede Situation zum Positiven ändern"

Viele Schüler sind UMF, die Amtsabkürzung für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, manche Analphabeten. In der IK 4 von Heidemarie Krusekamp sitzen 14 Mädchen und Jungen, nicht alle sind Flüchtlinge. IK steht für internationale Klasse, insgesamt vier davon gibt es an dieser Hauptschule. "Ich freue mich mit und ich leide mit. Und ich muss aufpassen, denn ich kann nicht jede Situation zum Positiven ändern, nicht jeden retten. Ich habe meine Grenzen und die muss ich akzeptieren, ohne daran zu zerbrechen", sagt die Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Unterrichtsmaterial für die Flüchtlinge
Herbert Spies

Unterrichtsmaterial für die Flüchtlinge

Abdulvahed legt seinen Kopf auf den linken Arm und schließt die Augen. Viele Schüler klagen über Kopfschmerzen und Schlafstörungen.

Es geht jetzt um den Buchstaben W. Wasser, Wiese, Wein. "Weinen", liest Zoran. "Nein", korrigiert Heidemarie Krusekamp behutsam und erklärt den Unterschied zwischen Wein und weinen. "Warum ist es wichtig, zu weinen?", fragt sie. "Wenn du weinen, alles weg", sagt Kirollos, der junge Ägypter, der später als Koch arbeiten möchte. "Wenn immer sauer, besser weinen. Sonst bleibe alles hier", ergänzt Abdelbare und legt beide Hände auf sein Herz.

"Wenn die Schüler abdriften, mit ihren Gedanken woanders sind, ist es gut, sie immer ins Hier und Jetzt zu holen. Ihnen zu sagen: Hier bist du sicher, jetzt lernen wir", erzählt Krusekamp.

Keine Autoritätsprobleme

An der Wand hängt ein handgeschriebenes Plakat. "Unsere Regeln" lautet die Überschrift auf dem hellblauen Pappbogen. "Kein Schlagen" ist der erste Punkt, dann erst folgen "kein Handy" und "pünktlich kommen". Und doch eskaliert immer wieder einmal die Gewalt. Heidemarie Krusekamp schreibt gerade die Wochentage an die Tafel, als Abdulvahed und Mahdi aneinandergeraten.

"Auseinander!", ruft die Lehrerin und trennt die afghanischen Jungen. "Und wir sprechen deutsch miteinander!" sagt Krusekamp laut und energisch. "Fick dich!" zischt Abduvahed voller Zorn und ballt die Faust in Richtung Mahdi. Es bleibt unklar, worum es geht.

Heidemarie Krusekamp im Deutschunterricht.
Herbert Spies

Heidemarie Krusekamp im Deutschunterricht.

Autoritätsprobleme kennt die Pädagogin nicht. "Ich mache immer ganz deutlich: 'Ich bin Mutter, mache diese Arbeit lange und habe viel Erfahrung. Ich kenne Typen wie dich.' Die wissen dann genau, wo es langgeht", erzählt sie. Ihren jungen Kolleginnen ergehe es da bisweilen ganz anders.

Farhad kommt mit einer Tarnfleckjacke zum Unterricht. Mit dem dichten, schwarzen Bart sieht er aus wie Ende zwanzig. Laut Klassenbuch ist er 18 Jahre alt. Er sagt den ganzen Tag nichts. Er sagt eigentlich nie etwas. "In Einzelfällen wissen wir, was die Mädchen und Jungen erlebt haben. Aber nur dann, wenn sie selbst darüber sprechen", sagt Krusekamp. Farhads Geschichte kennt niemand.

In der IK 4 lernen die Schüler in zwei Gruppen. Die Besseren unterstreichen die Verben im Text. Die Schwächeren sollen die Sätze noch mal lesen. "Ich bin …in Sep-täm-berr…ge-be-boh-ren", liest Stellina stockend vor. Das 16-jährige Mädchen aus Albanien wird wohl noch ein zweites Jahr an der Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße bleiben. Genauso wie Zoran, der 18-jährige Serbe.

"Wir gestalten den Tag miteinander, mit allen Höhen und Tiefen. Im günstigsten Fall können wir als Schule vermitteln: Es gibt hier Menschen, die euch helfen, nutzt das. Das ist ja mehr als Unterricht. Für mich ist das ein sehr befriedigendes Gefühl", sagt Krusekamp.

Infokasten

Deutsch für Flüchtlingskinder

Die Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf besuchen insgesamt 358 Schüler. Nach Angaben von Schulleiter Klaus-Peter Vogel liegt der Anteil der Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund bei über 75 Prozent. In dieser Hauptschule gibt es derzeit vier internationale Klassen (IK) mit insgesamt 60 Schülern. In der Regel bleiben die Jugendlichen ein Jahr in den IK-Klassen, dann besuchen sie in den Regelunterricht oder wechseln zum Berufskolleg.

Nach Angaben des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen gibt es landesweit in allen Schulformen insgesamt 4.728 so genannte Integrationsstellen. Diese sind für Lehrer mit Kenntnissen im Bereich Deutsch als Zweitsprache oder Deutsch als Fremdsprache vorgesehen. Sie sollen Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien oder in vergleichbaren Lebenssituationen in kleinen Gruppen in Deutsch unterrichten.

Auf Grundlage der Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge geht das Schulministerium NRW in seinen Planungen und Berechnungen von je 40.000 zusätzlichen Schülerinnen und Schülern in 2015 und in 2016 aus, das sind zusammen 80.000 Schülerinnen und Schülern in zwei Jahren. Landesweite Zahlen darüber, welche Flüchtlingskinder in welcher Schule welche Klasse besuchen, liegen laut Ministerium nicht vor.

Nach der Zuweisung zu einer Kommune besteht auch für Flüchtlingskinder Schulpflicht. Diese werden in allen Schulformen aufgenommen. Die Verteilung der zugewanderten Kinder und Jugendlichen wird vor Ort im Zusammenwirken von Schule, Schulaufsicht und Kommunalen Integrationszentren organisiert. Dort wird entschieden, welche Kinder an welcher Schule in welcher Jahrgangsstufe aufgenommen werden. Dort wird auch entschieden, ob Flüchtlingskinder in eine Sprachfördergruppe aufgenommen werden.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 14.06.2016
1. Hochachtung...
...vor der Motivation der Dame. Ich wäre weder willens noch in der Lage solch ein Engagement aufzubringen. Allein die agressive Haltung vieler Jugendlicher würde mich absolut abschrecken.
wedding13347 14.06.2016
2. Gut so!
Wir brauchen mehr Krusekamps als Gaulands in Deutschland!
senzi 14.06.2016
3. Realität ist anders
Ihr Satz "Diese werden in allen Schulformen aufgenommen" stimmt leider nicht mit der Realität und Praxis der Behörden überein. Die Flüchtlingskinder werden zu über 95% auf Hautschulen und Berufsschulen verteilt. Hier wird politisch gewollt eine Niedrigarbeitslohn-Generation produziert.
Nr.001 14.06.2016
4. Lichtblicke
Ein sehr schönes Beispiel für eine Lehrkraft, die weiß, wo es lang geht. Schön ist auch die Aussage, dass diese Jugendlichen lernen wollen. Ich kann mir vorstellen, wie befriedigend es für Schüler und Lehrer sein muss, wenn man über den ersten selbst artikulierten deutschen Satz kommuniziert. Erst unbeholfen und falsch, aber dann immer gesteigerter und besser. Danke für dieses Leuchtfeuer echter Hilfe!
sponni 14.06.2016
5. Guter Beitrag
Wir haben an unserer Schule auch eine Flüchtlingsklasse. Der Beitrag deckt sich ziemlich mit den Erfahrungen, die wir auch machen. Schade übrigens, dass Spiegel sein Forum mittlerweile auch für vorurteilsbeladene Bildungsflüchtlinge öffnet. Diesen undifferenzierten Mist sieht man doch schon in sozialen Medien genug.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.