Deutsch-Türkisch-Streit "Das Gehirn lernt mehrere Sprachen gleichzeitig"

Türkisch oder Deutsch, was sollen Einwandererkinder zuerst lernen? Nicht so wichtig, sagt Sprachforscherin Petra Schulz. Im Interview plädiert sie für Zweisprachigkeit schon für die Kleinsten - und erklärt, warum auch jugendliches Kauderwelsch nicht schadet.

SPIEGEL: Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan hat bei seinem Deutschland-Besuch gefordert: "Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen." Außenminister Guido Westerwelle sagt: "Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zuallererst Deutsch lernen." Wer hat Recht?

Petra Schulz: Wenn Herr Westerwelle damit meint, dass türkische Eltern in Deutschland mit ihren eigenen Kindern grundsätzlich Deutsch sprechen sollten, dann liegt er aus Sicht der Spracherwerbsforschung daneben. Was sollte das für ein Deutsch sein? In vielen Fällen vermutlich ein sehr gebrochenes. Mit diesem Vorbild wäre niemandem geholfen. Für solche Kinder ist Türkisch die erste Sprache, weil sie in eine türkischsprachige Familie hineingeboren werden.

SPIEGEL: Also ist die Reihenfolge besser, die Erdogan vorschlägt?

Schulz: Bei dieser Familienkonstellation ja - aber das Deutsche sollte so früh wie möglich hinzukommen, auch bevor die Muttersprache vollständig ausgebildet ist. Das menschliche Gehirn ist bestens dazu ausgerüstet, mehr als eine Sprache gleichzeitig zu lernen. Das wissen wir von Kindern, deren Elternteile unterschiedliche Muttersprachen haben.

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SPIEGEL: Kinder aus türkischen Familien haben meist zwei türkischsprachige Eltern. Wer soll ihnen dann früh korrektes Deutsch beibringen?

Schulz: Da ist das deutsche Bildungssystem gefordert. Das bringt mehr, als den Eltern Sprachvorschriften zu machen. Der beste Ort für den Spracherwerb ist der Kindergarten.

SPIEGEL: Sie beschreiben den Idealfall. Viele Migrantenfamilien schicken ihre Kinder gar nicht in den Kindergarten.

Schulz: Das ist ein Mythos. Immerhin 84 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund im Alter zwischen drei und sechs Jahren sind in einer Tagesbetreuung, gegenüber 96 Prozent bei den Nicht-Migranten. Wenn Kinder im Alter von drei Jahren beginnen, Deutsch zu lernen, stehen die Chancen nicht schlecht. In der Schule wird es neben dem eigentlichen Lernstoff schon schwieriger.

SPIEGEL: Die Eltern entlassen Sie aus der Pflicht?

Schulz: Wir brauchen die Eltern unbedingt - als Mitspieler und Unterstützer, nicht als Sprachlehrer. Sie können ihren Kindern etwa dadurch Vorbild sein, dass sie selbst Deutschkurse belegen. Mit den Kindern sollen sie in der Sprache sprechen, in der sie zu Hause sind. Denn Sprache transportiert immer auch Identität und Emotion, da wären verunsicherte Eltern eher kontraproduktiv.

SPIEGEL: Sind es nach Ihrem Modell nicht die Kinder, die durch ständigen Sprachwechsel verunsichert werden, so dass sie gar kein Idiom mehr richtig beherrschen?

Schulz: Leider geistert die Mär von der doppelten Halbsprachigkeit noch immer durch Politik und Pädagogik. Wer mit zwei Sprachen aufwächst, wechselt bald problemlos hin und her, genau wie ein Dialektsprecher, der die Standardsprache erwirbt. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass Mehrsprachigkeit ein kognitiver Ausnahmezustand sei.

SPIEGEL: Und wie erklären Sie das kuriose Kauderwelsch aus beiden Sprachen, das oft von zweisprachigen Jugendlichen zu hören ist?

Schulz: Das mag vielleicht ein Deutscher, der das in der U-Bahn hört, fürchterlich finden. Aber wir Sprachwissenschaftler betrachten das eher als eigenen Stil oder Code. Die Jugendlichen mischen ja nicht, weil ihnen die Wörter fehlen würden, um durchgängig in einer Sprache zu sprechen. Sie setzen das bewusst als Stilmittel ein.

SPIEGEL: Migrantenkinder sollten der deutschen Sprache so mächtig sein, dass sie in Schule und Alltag bestehen. Wie lässt sich das machen?

Schulz: Im Alter von zwei oder drei Jahren sind Kinder kognitiv darauf eingerichtet zu lernen. Sie sind neugierig und wissbegierig, da gibt es keine Motivationsprobleme. Nur brauchen sie dann auch komplexen und variationsreichen Input.

SPIEGEL: Was heißt das?

Schulz: Das heißt, sie müssen Sprache hören und das zugehörige Handeln sehen. Und zwar nicht nur einfache Aufforderungen nach dem Motto: Alle mal aufgepasst! Oder: Jetzt bitte die Schuhe an! Die Kinder müssen auch längere Sätze hören, damit sie zum Beispiel entdecken, dass das Verb im deutschen Nebensatz an einer anderen Stelle steht als im Hauptsatz. Die Erzieherinnen - meist sind es ja Frauen - haben hierbei eine zentrale Funktion.

SPIEGEL: Sind sie dafür gerüstet?

Schulz: Ich erlebe häufig, dass Erzieherinnen mich fragen: Was soll ich noch alles machen? Gesunde Ernährung, musikalische Früherziehung, naturwissenschaftliches Denken, nun auch noch Spracherwerb? Wir brauchen besser ausgebildete Erzieherinnen, die auch besser verdienen. Nur so bleibt der Beruf attraktiv. Es gibt erste Modelle, dass Erzieherinnen an Hochschulen studieren. Das ist der richtige Weg. Aber das kostet Zeit und Geld, genau wie kleinere Gruppen in den Kindergärten. Spracherwerb braucht kompetente Sprachvorbilder.

SPIEGEL: Hilft es, wenn mehr Migranten selbst Erzieher oder Lehrer werden?

Schulz: Als Rollenvorbild für eine positive Bildungskarriere auf jeden Fall. Aber nicht unbedingt als Sprachlehrer. So sollten im Kindergarten keine Erzieherinnen Sprachförderbeauftragte werden, die im Deutschen nicht firm sind. Das ist so ähnlich wie mit manchen Grundschullehrern, die nun Frühenglisch unterrichten. Wenn sie das nicht richtig können, bleibt bei den Schülern wenig hängen.

SPIEGEL: Passiert nicht mittlerweile schon zu viel beim Sprachenlernen: Englisch in der Grundschule, am besten noch Chinesisch im Kindergarten?

Schulz: Wir leben mit einer Doppelmoral. Wir freuen uns, wenn jemand mit Deutsch und Chinesisch aufwächst oder mit Deutsch und Englisch. Dafür gibt es Schulterklopfen. Warum nicht Deutsch und Türkisch? Das erscheint als Sprachpaar wenig attraktiv. Dabei sollten wir es in gleichem Maße fördern, wenn wir an einer mehrsprachigen Gesellschaft wirklich interessiert sind.

Das Interview führte Jan Friedmann

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