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25. August 2004, 12:43 Uhr

Deutsch-türkische Superschülerin

"Ohne Ehrgeiz geht nichts"

Von Daniel Freudenreich

Als sie vor acht Jahren aus der Türkei nach Berlin kam, konnte Bilge Buz nicht einmal "Guten Tag" sagen. Nun hat sie mit 16 Jahren ihr Abitur gemacht, mit einem Traumschnitt von 1,2. Bilges Ziele: Sie will studieren, sieben Sprachen beherrschen, Diplomatin werden. Doch der Fleiß hat seinen Preis - Freizeit hat Bilge kaum.

Bilge Buz mit Vorbild Atatürk: "Er hat immer sein Bestes gegeben"
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Bilge Buz mit Vorbild Atatürk: "Er hat immer sein Bestes gegeben"

Manche Abende verlaufen einfach anders als geplant. Mit verschränkten Armen sitzt Bilge Buz auf der braunen Holzbank und starrt wehmütig auf das Parkett in der Tanzschule. Dort versuchen sich neun Paare in flotten Drehungen und komplizierten Salsa-Schrittfolgen. Die 17-Jährige hat beim Training keinen Partner abbekommen. "Ich brauche einen Mann", flüstert die Türkin, rollt theatralisch mit den Augen und schiebt schnell hinterher: "Nur fürs Tanzen."

Beim Salsa ist Bilge Buz vor zwei Jahren hängen geblieben, nachdem sie weder beim Bauchtanz noch beim Taekwondo eine sportliche Heimat gefunden hat. Hier kann die Berlinerin einmal richtig abspannen, wie sie sagt. Gleichzeitig ist der karibische Tanz "der einzige Luxus", den sich die zielstrebige Jugendliche für lange Zeit gegönnt hat. Meist hat sie deutsche Grammatik, Vokabeln, Matheformeln und politische Theorien für die Schule gepaukt. Dadurch konnte Bilge auf der Eckner-Oberschule die 9. und die 11. Klasse überspringen. Vor einigen Wochen hat sie, noch mit 16 Jahren, das Abitur gemacht und dabei einen Traumschnitt von 1,2 erzielt.

Seitdem reißt der Rummel um die Türkin, die vor acht Jahren nach Berlin kam und damals noch nicht einmal "Guten Tag" auf Deutsch sagen konnte, nicht ab. In akzentfreiem Deutsch spult sie wie ein Medienprofi ihren Lebenslauf herunter - flankiert von Mutter Aysen, die der Erfolgsgeschichte den nötigen Feinschliff verleiht. Aus jedem Satz der 40-Jährigen spricht der Stolz auf die Tochter: "Mit Bilge gab es nie Probleme. Bilge kannte immer ihre Grenzen. Bilge ist immer freundlich und gut aufgelegt."

Geschätzter IQ von 168

Dass Bilge ein besonders heller Kopf ist, erkannte vor langer Zeit ein Arzt in ihrer türkischen Heimatstadt Bursa. Mutter Aysen staunte nicht schlecht, als ihre kleine Tochter auf einen Intelligenzquotienten von 168 kam. In Deutschland gehört Bilge damit zu den zwei Prozent der Bevölkerung mit einem IQ von 130 oder mehr. Die Mehrheit der Bevölkerung erreicht einen Wert zwischen 90 und 110.

 Der einzige Luxus von Bilge Buz: Salsa
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Der einzige Luxus von Bilge Buz: Salsa

Das ganze Theater um ihren IQ ist Bilge unangenehm. Diesen Wert habe der Arzt doch nur geschätzt, versucht sie das Thema auf Sparflamme zu kochen. Auch im Freundeskreis verliert sie darüber kein Wort. "Ich möchte nicht heraushängen lassen, dass ich ein klein bisschen intelligenter bin als manch anderer", sagt sie betont leise. Ihre Freunde sollen sie lieber für andere Dinge schätzen - zum Beispiel, weil sie offen und ansteckend fröhlich ist.

"Ich bin nicht anders als die anderen", sagt die Hochbegabte und sucht Gemeinsamkeiten mit anderen Jugendlichen. Am Wochenende geht sie am liebsten einkaufen; bei über 60 Paar Schuhen und Taschen kann Vater Faik ein Lied davon singen, denn er bezahlt. Im Kino weint sie bei Liebesschnulzen - am besten mit Brad Pitt, weil er so "sexy" ist. Beim Zimmerputz machen Musik von Tarkan, Destinys Child und Xavier Naidoo die lästige Schrubberei erträglich. Auch beim Outfit trifft die türkische Jugendliche den Stil ihren deutschen Freundinnen, kurzer Rock, eng anliegendes Top. Nicht selten pfeifen ihr auf der Straße die Jungs hinterher.

Durchgeplanter Tag

Der Unterschied zu anderen Jugendlichen liegt nicht darin, was Bilge macht, sondern wie sie an die Dinge herangeht. "Ohne Ehrgeiz geht nichts", lautet ihr Motto. Wie eine Managerin hat sie während der Schulzeit ihren Tag durchgeplant, Unterricht, Nachhilfe geben, Hausaufgaben machen, Tanzen. Bevor sie spätestens um elf Uhr ins Bett gefallen ist, hat sie noch ein wenig Zeit für ihren Freund Stefan frei geschaufelt.

Schon lange hält sich Bilge Buz mit der Tagesschau und den CNN-Nachrichten auf dem Laufenden. Schließlich habe sie noch nie damit leben können, unwissend in eine Unterhaltung zu gehen. "Ich wollte immer das können, was die anderen schon beherrschen", sagt Bilge.

Ganze Sätze für den Papa

Bereits mit drei Jahren brachte sie Mutter Aysen mit ihrem Wissensdurst um den Schlaf. Bis spät in die Nacht verschlang das kleine Mädchen Kinderbücher. Von da an hatte die Mama, eine gelernte Mechanikerin, alle Hände voll zu tun, Lesefutter für ihre Tochter zu besorgen. Ein Jahr später begann die Bilge, Briefe an Vater Faik zu texten, der damals in Libyen als Bauingenieur sein Geld verdiente. "Sie hat in ganzen Sätzen geschrieben", sagt Mutter Aysen, die keinen Hehl aus ihrem Stolz auf die Tochter macht. Dank des mütterlichen Unterrichts konnte Bilge schon nach wenigen Tagen die erste Schulklasse in der türkischen Metropole Bursa überspringen, schließlich hätte es dort nichts gegeben, was das Kind noch hätte lernen können.

Stolz auf Bilge: Mutter Aysen, Bruder Tolga, Vater Faik
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Stolz auf Bilge: Mutter Aysen, Bruder Tolga, Vater Faik

Noch heute denkt die Jugendliche mit gemischten Gefühlen an das Frühjahr 1996 zurück. Da der Vater eine Arbeit in Berlin bekommen hatte, holte er die Familie nach Deutschland. Für die Heranwachsende war es eine "schreckliche Zeit". Was das Lernen anging, übernahm nun der Vater die Tutorenrolle, verhängte über die damals Achtjährige vorerst ein Ausgehverbot und büffelte mit der Tochter täglich Deutsch. Mit Erich-Kästner-Büchern und Zeichentrickfilmen feilte das Vater-Tochter-Tandem an der Sprachfertigkeit.

Nach dem Willen des Schulleiters sollte Bilge in die zweite Klasse der Ludwig-Heck-Grundschule in Mariendorf kommen, aber der Vater handelte die dritte Klasse aus. Bereits auf ihrem ersten Versetzungszeugnis standen fast nur Zweien und eine Eins - in Rechtschreibung. In der vierten Klasse erhielt Bilge die Empfehlung für das Gymnasium.

Auch auf der Mariendorfer Eckner-Oberschule zahlte sich der Ehrgeiz von Bilge Buz schon bald aus. Sie übersprang die Klassen 9 und 11 und lernte den fehlenden Stoff während der Sommerferien nach. "Mit Zielstrebigkeit, Konzentration, Respekt vor den Lehrern können das auch andere", beschreibt Bilge ihr Erfolgsrezept.

Traumziel Uno-Generalsekretärin

Doch der Ehrgeiz hat seinen Preis. "Mit Gleichaltrigen bin ich eigentlich nie ausgekommen", erinnert sich die Abiturientin. Der gemeinsame Gesprächsstoff fehlte. Fast alle ihre Freunde sind ein paar Jahre älter und beschweren sich regelmäßig bei Bilge, weil sie so wenig Zeit zum Ausgehen hat. Die meisten Freundinnen der jungen Türkin stammen aus Deutschland. Manchen ihrer in Deutschland lebenden Landsleuten wirft Bilge mangelnde Bereitschaft zur Integration vor. "Viele Türken wollen sich hier nicht öffnen", kritisiert sie - was sich negativ auf das Image der Ausländer insgesamt auswirke. "In erster Linie bin ich Weltbürgerin und dann Muslima", betont die selbstbewusste Türkin. Ein Kopftuch zu tragen, komme für sie nicht in Frage. Nach einem intensiven Koranstudium habe sie sich dagegen entschieden.

Im kommenden Wintersemester wird Bilge Buz mit dem Jurastudium an der Berliner Humboldt-Universität beginnen, um ihrem ehrgeizigen Ziel näher zu kommen: "Ich will Diplomatin werden und eine Art Brückenfunktion einnehmen." Nebenbei poliert sie ihre Sprachkenntnisse weiter auf und möchte in zwei Jahren neben Türkisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch auch noch Arabisch und Latein beherrschen. An "guten Tagen" schraubt Bilge Buz ihre Zukunftspläne gern noch ein bisschen höher: "Generalsekretärin der Uno - das wäre ein Traum."

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